Theaterhommage : Die Tapetenwechslerin

Diese Diva vergisst man nie: Judy Winter begeistert in „Hildegard Knef – Der Teufel und die Diva“ von Fred Breinersdorfer und Katja Röder im Theater am Kurfürstendamm.

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Blauer Dunst: Judy Winter in „Hildegard Knef – der Teufel und die Diva“ von Fred Breinersdorfer und Katja Röder. Foto: Castanha/Drama
Blauer Dunst: Judy Winter in „Hildegard Knef – der Teufel und die Diva“ von Fred Breinersdorfer und Katja Röder. Foto:...Foto: Castanha/drama-berlin.de

Da atmet unser Hedchen auf. Endlich wieder rauchen: „ein Königreich für eine Zigarette!“ Zuletzt war die Knef ja ein bisschen schwach auf der Brust, aber nun sind die Schläuche verschwunden, die Erstickungsanfälle vorbei. Schade nur, dass die Wunderheilung einen ziemlich finalen Beigeschmack hat. Die Grande Dame findet sich im seidenen Pyjama in einer Art Zwischenreich wieder und trifft dort auf einen alerten Anzugträger, der ihr ohne Umschweife eröffnet: „Sie sind vor wenigen Stunden in Berlin verstorben.“ Eine Tatsache, die Hilde zwar nicht akzeptieren mag – doch wie sang sie selbst in den 60er Jahren? „So oder so ist das Leben“.

„Hildegard Knef – Der Teufel und die Diva“ heißt das Stück von Fred Breinersdorfer und Katja Röder, das nach der Uraufführung am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater jetzt am Ku’damm Premiere feierte. Es lässt mit Judy Winter in der Hauptrolle die Chansonsängerin und Schauspielerin wiederauferstehen, deren bewegte Karriere ja bereits Bände und Filme gefüllt hat. Und gesellt ihr einen von Stephan Benson souverän gespielten Mephisto an die Seite, der seinen „Faust“ zu zitieren weiß und sich auch in der Biografie der Knef bestens auskennt: „Geliebt, gehasst, bewundert“, bilanziert er das Diven-Leben. Und bietet ihr einen Teufelspakt an: ewiger Ruhm gegen, nun ja, die Seele. Aber bevor die Entscheidung fällt, wird noch ausgiebig Rückschau auf die Wechselfälle des Knef’schen Werdegangs gehalten.

In einem Bühnenbild aus hölzernen K-N-E-F-Großbuchstaben (Ausstattung: Peter Schmidt) durchwandern die Schlafanzug-Madame und der Schwefelknabe in der Regie von Wolfgang Stockmann streitbare Stationen eines gnadenlos öffentlichen Lebens: Skandal im Nachkriegsdeutschland mit dem Film „Die Sünderin“, gefeierte Broadway-Auftritte als Hilde Neff und noch größere Misserfolge in den USA, stets im Schatten der übermächtigen Konkurrentin Marlene. Brustkrebs-Beichte im Boulevard. Und natürlich: all die Ehen. Hat sich die Knef zum Beispiel den jüdischstämmigen Kurt Hirsch nur geangelt, um eine karrierefördernde Affäre während der Nazizeit vergessen zu machen?

Das Problem ist nur, dass Fernsehschreiber Breinersdorfer und seine Ko-Autorin in ihrer Schlaglicht-Dramaturgie solche Fragwürdigkeiten allein an den Teufel verweisen. Der darf auch mal das Bild einer unleidlichen Zeitgenossin zeichnen, die ihre Tabletten- und Herrschsucht nicht im Griff hatte. Die Finanzen schon gar nicht. Während die Bühnen-Knef als Freigeist und liebende Mutter leuchtet.

Judy Winter indes ist so sehens- wie hörenswert in der großen Rolle. Getreu einem berühmten Ella-Fitzgerald-Bonmot – „Knef ist die beste Sängerin ohne Stimme“ – belebt sie die von Harry Ermers Bühnen-Band aufgelegten Songs ohne falsche Kunstambition. Dafür mit Sentiment. Klar, es ist das erwartbare Best-of, von „Ich brauch Tapetenwechsel“ bis zu „Roten Rosen“. Aber auch die Knef wusste ja stets, was sie ihrem Publikum schuldig ist.

weitere Vorstellungen bis 16.8.

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