Theatertreffen 2016 : Die grausamsten Dramen spielen hinter den Kulissen

Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura zeigen beim Berliner Theatertreffen ihren Dokumentartheaterabend „Stolpersteine Staatstheater“.

von
Szene mit Jonathan Bruckmeier und Veronika Bachfischer.
Szene mit Jonathan Bruckmeier und Veronika Bachfischer.Foto: Florian Merdes

„Man muss eben auch mal Glück haben“, gibt eine ehemalige Schauspielerin, die während der Nazidiktatur am Karlsruher Theater engagiert war, am Ende von Hans-Werner Kroesingers und Regine Duras Dokumentartheaterabend „Stolpersteine Staatstheater“ zu Protokoll. Mit dem „Glücklichen“ meint sie einen Dirigenten, der damals infolge der Entlassungen jüdischer Kollegen die Karriereleiter emporgestolpert war. Natürlich hätten ihr diese entlassenen Kollegen „sehr leid getan“, vergisst die von Antonia Mohr gespielte Ex-Aktrice nicht zu erwähnen. Zumal sie ja „wirklich schlimme Schicksale“ erleiden mussten. Aber: Da war halt irgendwie auch so gar nichts, womit man sie hätte trösten können.

Es sind diese gruselig-unfreiwilligen (Selbst-)Entlarvungen im Detail, die den Abend so besonders machen. Ganz abgesehen davon, dass es generell erfreulich ist, Kroesinger und Dura, die man schon seit über 20 Jahren als überdurchschnittlich tief schürfende Dokumentartheatermacher kennt, endlich auch mal beim Theatertreffen zu sehen. „Stolpersteine Staatstheater“ entstand in Karlsruhe – anlässlich der dortigen Feierlichkeiten zum 300-jährigen Stadtjubiläum. Statt geschichtsvergessen mitzujubeln, vergruben sich Dura und Kroesinger ins Stadtarchiv und recherchierten Personalakten des örtlichen Staatstheaters. Entstanden ist eine minuziöse Dokumentation der Diskreditierung, Diskriminierung und Entlassung jüdischer Ensemblemitglieder seit 1933 – und vor allem ihrer vermeintlichen Legitimation.

Hier werden historische Fakten in ihrer brutalen Funktionslogik vorgeführt

Denn während Kroesinger-Abende zu tagesaktuelleren Sujets häufig widerstreitende Perspektiven so lange klug gegeneinanderhalten, bis sich auch die letzte vorschnelle Scheingewissheit aufgelöst hat, ist „Stolpersteine Staatstheater“ in erster Linie eine erhellende Analyse über die opportunistische Entlastungsfunktion bürokratischer Doktrinen. Hier werden allgemein bekannte historische Fakten nicht einfach nur konkret, sondern vor allem werden sie in ihrer brutalen Funktionslogik vorgeführt.

Da ist zum Beispiel der lange Briefwechsel zwischen der Souffleuse Emma Grandeit, die im Mai 1933 erfährt, dass sie ihren Beruf am Karlsruher Staatstheater nur noch bis zum Ende der laufenden Spielzeit ausüben darf – wogegen sie sich in einem langen kraftzehrenden Procedere wehrt –, und einem Verwaltungsfunktionär, der unter Berufung auf das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ stoisch sämtliche Bitten und Forderungen abschmettert. Wie dieser um Fassung ringende Ton Emma Grandeits wieder und wieder und wieder mit jener schikanösen Bürokratiemaschine kollidiert, ist tatsächlich nicht leicht auszuhalten.

Die Schauspieler sitzen mit dem Publikum an einem Tisch

Der Abend, der sich darüber hinaus auf die (Arbeits-)Biografien zweier Schauspieler und einer Sängerin konzentriert, hat auch äußerlich eine adäquate Form gefunden: Er vollzieht gleichsam den Recherchevorgang nach. Die Karlsruher Darsteller Veronika Bachfischer, Antonia Mohr, Jonathan Bruckmeier und Gunnar Schmidt sitzen zusammen mit den Zuschauern um einen riesigen Tisch auf der Hinterbühne des Berliner Festspielhauses. Sie tragen Ordner hin und her, blättern in den Akten, stellen sich gegenseitig Verständnisnachfragen und steigen punktuell auch in die Identitäten der Künstler ein, über die sie berichten.

In der letzten Viertelstunde, kommt der Abend schließlich in der Gegenwart an. Die Schauspieler reflektieren nicht nur über ihr eigenes Verhältnis zu den „Stolpersteinen“, sondern führen auch einen Pegida-Chor vor: „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen.“ Damit stellen Kroesinger und Dura natürlich ganz generell die Frage nach der Rolle des Theaters in den Raum, das sich ja gern als moralische Anstalt betrachtet und als kritischer Supervisor der Restgesellschaft versteht.

Noch zwei Mal am heutigen Mittwoch im Haus der Berliner Festspiele um 16 sowie 20 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben