Theatertreffen der Jugend : Unbeschreiblich weiblich

Was lasse ich mir gefallen und warum? Der Gorki-Jugendclub zeigt das Stück „Kritische Masse“, eine Produktion des Jugendclubs „Die Aktionist*innnen“. Suna Gürlers Inszenierung kreist um Rollenklischees und Kosmetikterror

von
Raumgreifend. Spielleiterin Suna Gürler (oben links) und einige ihrer Schützlinge vom Jugendclub.
Raumgreifend. Spielleiterin Suna Gürler (oben links) und einige ihrer Schützlinge vom Jugendclub.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

„Wenn ich nur wetternde Weiber auf der Bühne sehe, die sich beklagen, wie scheiße das Leben ist, laufe ich sofort wieder raus.“ Das hat nicht etwa ein pubertierender Chauvi mit Testosteronproblemen gesagt. Vielmehr kam dieses bedenkliche Statement aus dem Kreis der Spielerinnen des Stücks „Kritische Masse“. Suna Gürler lacht kopfschüttelnd, wenn sie von diesem Moment während der Proben erzählt. „Hey Leute“, habe sie gefragt, „das Bild wetternder Weiber – woher stammt denn das?“ Die Antwort lautet: aus der Mitte der Gesellschaft. Frauen, die ihre Meinung nicht mit Mäuschen-Bescheidenheit kundtun, sind ruckzuck als Zicke abgestempelt, oder gleich als hysterisch pathologisiert. „Und das ist eben nicht nur Zuschreibung von außen“, sagt Gürler. Bezeichnend während der Arbeit sei die Angst ihrer Spielerinnen gewesen, „unsympathisch zu wirken“.

„Kritische Masse“ ist eine Produktion des Jugendclubs „Die Aktionist*innnen“ am Gorki Theater, die im Juni 2014 Premiere hatte – und jetzt als eines von acht Stücken eingeladen ist zum Theatertreffen der Jugend. Ein verdienter Erfolg. Was die 13 Spielerinnen zwischen 15 und 25 Jahren unter der Leitung der Theaterpädagogin, Regisseurin und Schauspielerin Suna Gürler entwickelt haben, ist ein energetischer und kluger Sturmlauf, der um Rollenklischees und Kosmetikterror, Erwartungen und Selbstbilder kreist. Aufgeladen mit Gender-Theorie, in schweißtreibende und diskursbeschleunigte Bewegung gesetzt von Gürler, die erkennbar geprägt ist von ihrer Arbeit mit dem Sprachchoreografen Sebastian Nübling am Jungen Theater Basel.

Im Vordergrund steht der gemeinsame Arbeitsprozess, nicht das Produkt

Den Jugendclub von Gorki X – so der vollständige Name der Nachwuchsschmiede – leitet die 1986 geborene Schweizerin seit der Spielzeit 2013/2014. „Die Aktionist*innen“ sind eine sehr demokratische Institution, aufgenommen werden die ersten Bewerber, die sich anmelden, bei maximal 20 Plätzen. Zufall, dass es im „Kritische Masse“-Fall ausschließlich Frauen waren. „Man braucht keine Erfahrung, darf auch schüchtern sein und nuscheln“, betont Gürler. Im Vordergrund stehe der gemeinsame Arbeitsprozess, nicht das Produkt. Umso bemerkenswerter, zu was für einem professionell auftrumpfenden Ensemble sie ihre Spielerinnen vereint hat, die überwiegend eigene Texte entwickelt haben, in einem halbjährigen Probenprozess. Entstanden sind prägnante Raum-Fragen und -Forderungen: „Wieso dünn sein? Keine Masse, kein Körper.“

Sieben von ihnen sind auch an der aktuellen Produktion beteiligt, die gerade im Workshopraum des Theaters entsteht und den Arbeitstitel „Puls“ trägt. In einer Probenpause versammeln sich Polina Aleksandrova, Linda Blümchen, Lisa Conrad, Rebecca Drutschmann, Charlotte Harnisch, Tatjana Kranz, Lilly Menke und Sandra Wolf im Garten des Gorki. Sie sind zwischen 21 und 25 Jahre alt, die meisten studieren und wenn man sie bittet, sich kurz mit Namen und Alter vorzustellen, kommt aus der Runde: „Auch mit Geschlecht?“ Der Lacher sitzt.

Auf der Bühne treten die Spielerinnen oft als Kollektiv auf. Im Gespräch betonen sie die Auseinandersetzungen, die es während der Proben gab, die unterschiedlichen Standpunkte. Die einen haben Erfahrungen damit gemacht, in der U-Bahn blöd angequatscht zu werden und nichts entgegnen zu können. Die anderen nicht. Die einen haben ein kritisches Verhältnis zum eigenen Körper. Die anderen nicht. Aber das gemeinsame Thema bleibt. Nämlich: „Wie ist das: weiblich zu sein im Jahre 2015?“ – so die Jury des Jugendtheatertreffens in ihrem Text über „Kritische Masse“. Das trifft einen Zeitnerv. Fragen nach Gender und Identität ziehen sich durch sämtliche Produktionen von Schultheatern, freier Szene und Jugendclubs, die in diesem Jahr eingeladen wurden. Ob im Stück „das gender_ding“ vom Hamburger Ensemble Hajusom. Oder in Nora Schlockers „Alice“-Inszenierung nach Lewis Carroll mit dem Jungen DT.

Seid Ihr eigentlich Feministinnen?

„Wir haben lange darüber diskutiert, dass das Stück keine Anklage gegen Männer werden soll“, sagt Rebecca Drutschmann. „Wir wollten auch nicht diese heteronormativen Muster aufrufen: Männer sind so, Frauen so“, ergänzt Linda Blümchen. Von beidem kann keine Rede sein. In erster Linie ist „Kritische Masse“ eine Selbstbefragung. Was lasse ich mir gefallen und warum?

Es gab bei der Stückentwicklung einen Moment, der fast eins zu eins Eingang gefunden hat. „Seid ihr eigentlich Feministinnen?“, wollte Suna Gürler von den Frauen wissen. Die reagierten, als hätte die Spielleiterin den Leibhaftigen gerufen. Bis Gürler aus Wikipedia zitierte, worum es beim Feminismus eigentlich geht. Für Gleichberechtigung sein. Und gegen Sexismus. „Hätte ich mir schlimmer vorgestellt“, lautet im Stück die lakonische Replik.

„Kritische Masse“ war schon zum Klubszene-Festival der Berliner Jugendtheater-Ensembles eingeladen. Wo sich, wie schon im Gorki-Studio, gezeigt hat, dass das Stück durchaus andockfähig auch für ein junges männliches Publikum ist. Allerdings kamen nach der Vorstellung – die erklärte Lieblingsanekdote der Spielerinnen – zwei Väter pubertierender Jungs zu ihnen und verkündeten grundaggressiv: „Wenn ihr so seid, müsst ihr euch auch nicht wundern, dass ihr keinen Freund habt!“ Wie es im Stück so schön heißt: „Ist das dein Ernst, Gesellschaft?“

Geglückte Bewusstseinsschärfung ist jedenfalls bei den Spielerinnen zu verzeichnen. Eine habe ihr neulich erzählt, so Suna Gürler, dass sie auf der Straße angesprochen worden sei: Du, dein Rucksack steht offen. Und darauf reflexhaft entgegnet habe: Oh, Entschuldigung! „Sie hat sich selbst dabei ertappt, wie sehr sie verinnerlicht hat, nicht anecken zu wollen.“

Kritische Masse: Sa 30.5., 20 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, Theatertreffen der Jugend: 29. Mai bis 6. Juni

10 Kommentare

Neuester Kommentar