Thomas-Bernard-Satire : Und ewig fließt die Römerquelle

Thomas Bernhard lebt, auch an seinem 25. Todestag – in Alexander Schimmelbuschs unterhaltsamer Romansatire „Die Murau Identität".

von
Foto: akg-images / Imagno

An ein Leben nach dem Tod, an so etwas wie Wiedergeburt mochte Thomas Bernhard nicht einmal einen klitzekleinen Gedanken verschwenden: „Das ist doch ein vollkommener Blödsinn“, antwortete er in einem Interview kurz vor seinem Tod auf eine dementsprechende Frage: „Das ist für schwache Kasperl wunderbar, aber ich brauch’ das nicht.“ Bei aller Schönheit und Wunderfülle des Lebens sei es für ihn doch „der schönste Gedanke, dass es irgendwann endet.“

Wie es Thomas Bernhard wohl gefallen hätte, dass er zu seinem 25. Todestag in einem Roman des Schriftstellers Alexander Schimmelbusch zum Leben wiedererweckt wird? Und zwar als gesund aussehender, immer noch jugendlich wirkender 83-jähriger, „Nadelstreifen, ein blaues Hemd mit Doppelmanschette, eine flaschengrüne Zegna-Krawatte“ tragend; als ein Schriftsteller im übrigen, der seinen Tod am 12. Februar 1989 nur fingiert hat, nachdem eine Therapie seiner eigentlich unheilbaren Autoimmunerkankung erfolgreich gewesen war. Unter dem Namen eines seiner Bücherhelden: als Franz-Josef Murau, ausdem Roman „Auslöschung“.

Genau das findet in Schimmelbuschs Roman „Die Murau Identität“ der Held und Ich-Erzähler heraus, ein „zwielichtiger Kulturjournalist“, der zufällig auch Alexander Schimmelbusch heißt. In den Tagen, da sich ihm in Wien „eine schwindelerregende Auswahl“ von Bernhard-Gedenkfeierlichkeiten anbietet, bekommt dieser Schimmelbusch ein Kuvert mit fünf Reiseberichten von Bernhards Verleger ins Haus gesandt. Aus dem ersten aus dem Jahr 1992 geht eindeutig hervor, dass Bernhard nie gestorben ist. Folglich heftet sich der Roman-Schimmelbusch auf die Fersen des Roman-Bernhards. Zunächst besucht er den ihm bekannten (natürlich auch fiktiven) Sohn von Bernhard, Esteban. Der lebt in New York als Börsenspekulant und rät Schimmelbusch, nach Palma de Mallorca zu fliegen und sich dort in dem Örtchen Deià ins Hotel La residencia einzumieten. Es dauert, bis er da landet und den Schriftsteller schließlich am Ende bei einem Halbstunden-Termin persönlich erlebt: ohne Unterlass redend, redend, redend, auch über sein letztes Buch „Ànima negra“, sein „reifes Alterswerk“.

Schimmelbuschs Erzähler ist die Parodie eines Bernhard-Helden

Doch Schimmelbusch ist auch nicht so sehr daran gelegen, das gut dokumentierte Thomas-Bernhard-Leben einfach weiterzuspinnen. „Die Murau Identität“ ist vor allem eine Mischung aus Bernhard-Übertreibungsaneignung und Bernhard-Mythos-Dekonstruktion, aus Satire und Schelmenroman, mit einem nicht immer gelungenen Bernhard-Sound und haufenweise Bernhard-Anekdoten- und Requisiten, von dessen fast manischer Zeitungslektüre über die „Holzfällen“-Kontroverse bis hin zum Ohrensessel.

Der Erzähler selbst fungiert hier als Parodie eines Bernhard-Helden: Schimmelbusch ist nicht nur ein „zwielichtiger Kulturjournalist“, sondern auch sonst eine mehr als disparate Gestalt. Er hat eine unglückliche Ehe hinter sich und lässt diese Revue passieren; auch sein Erbe ist fast durchgebracht, was ihn nicht davon abhält, weiterhin auf großem Fuß zu leben und zu reisen: Erste-Klasse-Flüge, Luxushotels, Fahrten im „restaurierten Rolls Royce Silver Ghoust aus dem Nachlass von Alfried Krupp“, immer wieder „Römerquelle“-Mineralwasser und die exquisitesten Weine.

Der reale Alexander Schimmelbusch pinselt das wie in einem sehr, sehr späten Poproman immer wieder mit Vergnügen aus, was auf Dauer nur noch begrenzt komisch ist und eher nervt. Immerhin korrespondiert dieses klamaukhafte High-Society-Setting gut mit den Reiseberichten von Bernhards Verleger, natürlich Suhrkamp-Legende Siegfried Unseld. In einer anderen Schrifttype gehalten, machen diese Berichte einen wesentlichen Teil des Romans aus.

Und deren Ton bekommt Schimmelbusch um einiges besser kopiert als den Bernhard-Sound. Ob es nun die Mühen des Bernhard-Finanzierens und der Kontaktpflege überhaupt sind, die Klagen seinen Sohn betreffend, die Freuden des Schwimmens und Weintrinkens oder die Probleme mit den Büchern von Bernhards Erzfeind Handke: Es scheint, als hätte Alexander Schimmelbusch beim Schreiben der Unseld-Passagen das meiste Vergnügen gehabt, als hätten die Lektüre des Briefwechsels von Bernhard und Unseld und Unselds „Chronik“ ihn primär auf die Idee seines Romans gebracht.

„Bernhard wird mich überleben, so viel scheint klar zu sein“, schreibt hier der Verleger im letzten der „versiegelten Reiseberichte“ – doch so wie sein Autor lebt auch der Verleger in „Die Murau Identität“ munter weiter. Am Ende dieses unterhaltsamen Jubiläumsspaßes ist man jedenfalls ganz froh, dass Thomas Bernhard seinen Tod nicht fingiert hat und noch intensiver als bei Schimmelbusch in seinen Büchern fortlebt.

Alexander Schimmelbusch: Die Murau Identität. Roman. Metrolit Verlag, Berlin 2014. 206 Seiten, 18 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben