Thomas Braschs Gesammelte Gedichte : Herzstein und Steinherz

Eine Wucht von Buch, hart am ost-westdeutschen Riss: Erstmals sind die Gesammelten Gedichte von Thomas Brasch zu lesen.

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Romantischer Trotz. Thomas Brasch, 1988 Foto: Markus Merz/Fotex.de
Romantischer Trotz. Thomas Brasch, 1988 Foto: Markus Merz/Fotex.deFoto: www.fotex.de

Er war ein Ereignis, von Beginn an. Als der 31-jährige Thomas Brasch zur Jahreswende 1976/77 mit seiner 22-jährigen Freundin Katharina Thalbach von Ost- nach West-Berlin soeben umgesiedelt war, gab’s im „Spiegel“ Anfang Januar 1977 schon ein großes Brasch-Gespräch. Mit der Überschrift: „Ich stehe für niemand anders als für mich.“ Ein paar Tage später kam im West-Berliner Rotbuch Verlag Braschs Prosaband „Vor den Vätern sterben die Söhne“ heraus. Der Titel ist, wie sonst zu jener Zeit nur Handke-Titel, schnell zum Sprichwort geworden und das Buch, das in der DDR nicht erscheinen durfte, ein Bestseller.

Mit nur 56 Jahren, noch jünger als einst Bert Brecht, ist 2001 der Poet, Dramatiker, Übersetzer, Geschichtenerzähler und Filmemacher Thomas Brasch dann gestorben, am Schiffbauerdamm, nebenan von Brechts (und inzwischen Claus Peymanns) Berliner Ensemble. Verglüht, von zuviel Koks, Alkohol, Krebs und Herzleiden gezeichnet, nannte er den BE-Intendanten, der Braschs schöne Shakespeare- und Tschechow-Übersetzungen bis heute spielt, seinen „Pay-man“. Der eigene letzte Prosaband war 1999 der „Mädchenmörder Brunke“, ein schmales Fragment von 97 Seiten – Destillat aus zehntausend Blättern und einem jedes Hirn und alle Buchdeckel sprengenden Projekt. Braschs „Brunke“ bleibt wohl ein Lebens- und Mord(s)roman allein für Liebhaber und Leser des digitalen 21. Jahrhunderts.

Und jetzt, endlich: „Die nennen das Schrei“, Thomas Braschs „Gesammelte Gedichte“ im Suhrkamp Verlag. 1030 Seiten, eine Wucht von Buch. Ein Ereignis auch das. 1030 Seiten Gedichte und historisch-kritische Kommentare, ein Lyrikband, der 49,95 Euro kostet und sie wert ist – es gibt kaum einen ähnlichen Beweis in diesen Tagen für das, was man so unverwechselbar ein Stück „Suhrkamp-Kultur“ nennen kann.

Thomas Brasch wurde kurz vor Kriegsende als Kind einer Berliner jüdisch-kommunistischen Emigrantenfamilie im britischen Yorkshire geboren. Und darum heißt es gleich im ersten Poem zum „Vorspiel“: „Nicht Narr, nicht Clown, nicht Trottel, nicht Idiot. / Ihr Zuschaukünstler habt für mich kein Wort. / Ich komm aus England. Daher kommt der Tod.“ Er sei der „Sterbewitz“ und „Mordversuch“, was nach der deutschen Wende mit dem Schlussreim endet: „Ihr seid das Volk. Ich bins, der euch verhetzt.“ / Ich heiß: The Fool. Das wird nicht übersetzt.“

Schon in dieser Ouvertüre steckt der ganze (zerrissene) Brasch. Der selbstbewusst selbstironische Ton. Der Poet, der sein erbliches, sterbliches Subjekt voll romantischem Trotz mit nichts und niemandem vergesellschaften will.

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