Thomas Sandberg in der Collection Regard : Auf den Spuren der Weltliteratur

Joyce, Casanova und Bulgakow: Thomas Sandberg lässt mit seinen schwarz-weiß Fotografien die Atmosphäre literarischer Orte wiederaufleben.

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Grüne Stille. Auf einem Markt in Venedig fotografierte Sandberg 2013 das Stillleben aus Radicchio und Artischocken.
Grüne Stille. Auf einem Markt in Venedig fotografierte Sandberg 2013 das Stillleben aus Radicchio und Artischocken.Foto: Thomas Sandberg

Auf der Wäscheleine tanzen Büstenhalter, nur von Klammern festgehalten. Thomas Sandberg fotografiert die Schatten, die sie auf die weiße Hauswand werfen. Zusammen mit den Linien der Leinen wirken die Körbchen und Träger wie die Noten einer Partitur. „Résonances“, die neue Ausstellung der Collection Regard, zeigt den Versuch, den Klang, die Melodie, die Schwingungen von drei Werken der Weltliteratur in fotografische Tableaus zu übersetzen.

Thomas Sandberg, Jahrgang 1952, arbeitete in der DDR für die „Neue Berliner Illustrierte“, gehörte nach der Wende zu den Gründern der Fotoagentur Ostkreuz und leitet heute gemeinsam mit Werner Mahler die Ostkreuz-Fotoschule. Weil er als Kind Legastheniker war, liest er leidenschaftlich, aber langsam. Seine Fotos empfinden das Gewebe der Sprache nach, das sich im Geist zu einer eigenen Landschaft formt. In drei Kapiteln lässt Sandberg die Atmosphäre der literarischen Orte wiedererstehen. Sucht in Dublin nach „Bronze bei Gold“, der brünetten und der blonden Schönheit aus den Sirenengesängen in „Ulysses“ von James Joyce. Hält in Budapest Ausschau nach den Teufeln und Hexen aus Michail Bulgakows „Meister und Margarita“. Und findet in Venedig die makabre Theatralik von Casanovas „Geschichte meines Lebens“.

Szenen sind beim Lesen entstanden

Zwei Damen in bauschenden Ballkleidern neigen sich einander zu. Die pompösen Tüllschleppen sind am Rücken zu fedrigen Knoten hochgebunden, ähnlich den Haaren der beiden Frauen. Ein junges Mädchen läuft als Bunny verkleidet durch die Arkaden: Alles ist Bühne und Maske in Venedig. Sogar die knorrigen Bäume verziehen ihre Rinde zur Grimasse. Dazwischen wirken Radicchio und Artischocken in der Nahaufnahme beunruhigend nackt. Sandberg fotografiert in allen Nuancen des Schwarz-Weiß. Mit den Farben filtert er die Realität aus den Bildern und öffnet den Spielraum für die Imagination.

In einem mit dem Handy gedrehten Film erklärt der Fotograf seine Arbeitsweise. Methodisches Suchen funktioniere nicht, an den Originalschauplätzen zerstöre die Banalität den Zauber, der die Orte in der Vorstellung umgibt. Die Szenen, die Sandberg in Erinnerung hat, sind beim langsamen Prozess des Lesens entstanden. Auf seiner eigenen Odyssee durch Europa folgt der Fotograf seiner Intuition.

„Zu sehen sind Menschen und Dinge in einem Europa, das alt geworden ist“, schreibt er im Katalog. Er selbst benutzt eine Leica, die ebenfalls alt geworden ist, dazu ein Objektiv, das er 1975 für 28 Rubel in Moskau gekauft hat. Die historische Ausrüstung im Gepäck wartet Sandberg darauf, dass die Bilder ihn finden.

Drei weitere Kapitel geplant

In Dublin grüßen Strohhüte im Joyce-Stil den Fotografen durch eine Schaufensterscheibe. Zwei junge Frauen, die eine blond, die andere brünett, beobachten ihn reserviert. Ein blinder Bettler streckt ihm freundlich die Hand entgegen. Im Kapitel über Bulgakows Roman „Meister und Margarita“ kreuzt ein Junge mit Batman-Maske auf seinem Roller den Weg des Fotografen. Aus einem Auto fletschen Tiger ihre Zähne, die wilden Tiere sind auf die Sitzbezüge gedruckt und erinnern an Bulgakows teuflischen Kater Behemoth.

In der luftigen Anordnung des Kurators Antonio Panetta können sich Betrachter auf ein Einzelbild konzentrieren oder den Zusammenhang wahrnehmen. Die Tableaus entwickeln ihr Eigenleben in den Aussparungen. In der Collection Regard, der Galerie des Berliner Fotografiesammlers Marc Barbey, kosten die Motive als Silbergelatine-Abzug je 1200 Euro (Auflage: 10), ein Vintage-Print ist für 3000 Euro erhältlich. Drei weitere Kapitel der fotografischen Erzählung sind geplant, aber das kann dauern. Denn, so schreibt Thomas Sandberg, „das Einzige, was ich brauche, ist Zeit.“

Collection Regard, Steinstr. 12, freitags von 14–18 Uhr oder nach Vereinbarung

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