Thriller : Die Nabe der Welt

Der beste Fahrradkurier New Yorks kurvt im Thriller „Premium Rush“ durch Manhattan. Nach einem langen Plagiatsstreit kommt der Film jetzt auch bei uns in die Kinos.

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Manischer Biker. Joseph Gordon-Levitt als Wilee in "Premium Rush".
Manischer Biker. Joseph Gordon-Levitt als Wilee in "Premium Rush".Foto: Sony/dpa

er bedeutendste Film, in dem sich alles ums Fahrrad dreht, ist der Neorealismus-Klassiker „Fahrraddiebe“, der das Elend italienischer Arbeitsloser schildert. Und der wichtigste deutsche Film in diesem Genre ist der von Brecht mitverfasste „Kuhle Wampe“, auch da ging es um Arbeitslose. Kein Wunder also, dass Hollywood dieses Fortbewegungsmittel lieber ignoriert. Für Verfolgungsjagden ist es zu langsam, für Glamour-Posen zu ungemütlich. Nun aber hat ein US-Studio mutig 35 Millionen Dollar in einen Actionfilm investiert, dessen Held die Pedale bedient. Wilee (Joseph Gordon-Levitt) ist der beste Fahrradkurier New Yorks und sieht darin seinen Lebensinhalt. Die Freundin, die ihn soeben verlassen hat, und der Rivale um ihre Gunst sind ebenfalls als Kuriere tätig. In „Premium Rush“ ist das Rad die Norm. Einen anständigen Polizisten erkennt man daran, dass er Rad fährt, während der Schurke das Auto nimmt.

Dass der im Sommer 2010 gedrehte Film erst jetzt fertig geworden ist, liegt an einem Rechtsstreit um Plagiatsvorwürfe. Dabei ist die Story der wesentliche Schwachpunkt: Eine in die USA eingewanderte Chinesin will ihre Tochter zu sich holen, die Menschenhändler verlangen einen Gutschein im Wert von 50 000 Dollar, und ausgerechnet diesen Gutschein vertraut die Chinesin einem Fahrradkurier an, statt ihn persönlich zu überbringen. Wer macht denn so was? Ein korrupter Polizist mit Spielschulden erfährt von der Lieferung und will sie dem Kurier abnehmen. Was folgt, ist eine Neuauflage von „Lola rennt“ mit Nonstop-Action, Zeitsprüngen, Rückblenden und originell gestalteten Was-wäre-wenn-Sequenzen.

Mit dem Einsatz von Computertechnik ist Regisseur David Koepp allerdings zu weit gegangen. Der Zuschauer hat nie den Eindruck, dass tatsächlich Rad gefahren wird. Dabei geschah das selbstredend, der Hauptdarsteller hat sich sogar bei einem Unfall leicht verletzt. Aber wegen der intensiven Nachbearbeitung wirken die Radrenn-Sequenzen künstlich wie ein Computerspiel. Immerhin ist die Besetzung vorzüglich. Michael Shannon, bisher auf zerbrechliche Versager abonniert („Take Shelter“), genießt seine Schurkenrolle und verleiht ihr sogar ein bisschen Tragik. Wenn man einen ganzen Tag lang mit dem Auto einen Radfahrer verfolgt und der immer wieder entwischt, ist das lächerlich, demütigend – und irgendwie tragisch. Frank Noack

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