Kultur : Tiere, Tod und heilige Landschaften

Ein Besuch bei Hans Werner Henze, dessen Oper „Gogo no eiko“ morgen Abend in der Berliner Philharmonie gespielt wird

Christine Lemke-Matwey

Der Flughafen Rom-Ciampino ist kein Ort zum Glücklichsein. Auf dem Rollfeld dösen Rosinenbomber der Canadian Airlines. Dottergelb und träge, abgestellt, um mit ihren Wasserbäuchen im Land die Hitzebrände zu löschen. Drinnen in der Ankunftshalle quietschende Gepäckbänder und Wellblech. Dagegen ist Berlin-Schönefeld ein Luxus-Airport. Außerdem will der Taxifahrer 60 Euro für die lächerliche Strecke nach Castell Gandolfo und einen Quittungsblock hat er auch nicht.

Von Rom-Ciampino aus wird Hans Werner Henze nach Salzburg fliegen, im festspieleigenen Privatjet, um der konzertanten Uraufführung seiner Oper „Gogo no eiko“ („Das verratene Meer“) beizuwohnen. Es ist seine erste Reise nach schwerer lebensbedrohlicher Krankheit, und jetzt, im Juni, als wir das Gespräch führen, sieht er ihr mit Bangen entgegen.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Nicht die Bohne.

Das Hotel Castel Vecchio in Castel Gandolfo gleicht einem Fellini-Palazzo. Dunkle Hölzer, schwere Stoffe, flackernde Lichter. Im Restaurant spielen leise italienische Opernarien, eine junges Ehepaar posiert mal am Flügel, mal am Fensterkreuz, ein gestrenger Ober fotografiert sie. Im Erdgeschoss tobt ein Familienfest, Bambini im aufgelösten Sonntagsstaat kreischen durch die Nacht. Und tief unten grinst mondlos und stumm der Albano-See. Er soll Untiefen haben, jedes Jahr ertrinken hier Menschen, erzählt Michael Kerstan, der Henze-Freund und ehemalige Assistent, der mich am nächsten Morgen in einem alten Cabrio nach Marino chauffiert. Hier, inmitten seiner geliebten „heiligen Landschaft“, lebt der Komponist seit 40 Jahren.

Gibt es unkomponierte Stücke in Ihrem Kopf? Wo blieb die Musik, als Sie krankwaren?

Die Musik war das Letzte, was mich interessiert hat. Sie müssen bedenken, ichhatte beinahe die ganze deutsche Sprache vergessen. Was ist dagegen die Musik.

In seiner ersten Fassung wurde das „verratene Meer“ 1960 an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt. Regie führte Götz Friedrich, und Henze war besonders mit dessen Arbeit, gelinde gesagt, unzufrieden. Auch die Kritiken fielen eher mäßig aus. Dennoch ist Berlin für ihn an viele „attraktive Dinge“ gebunden: an seine ersten großen Erfolge als Komponist, an ein ergiebiges Nachtleben, an den Niedergang des Nazi-Regimes. Im Frühjahr 1945, mit seiner Einheit aus Prag kommend, betrat der Neunzehnjährige die Stadt zum ersten Mal und sah rund um den Bahnhof Zoo die Dachstühle brennen. Der Ruß nahm der Sonne den Schein. Nach solchen Bildern, sagt Henze, wisse man mehr von der Welt. Auch, dass die Nazis die demolierte Lindenoper mitten im Krieg noch einmal aufgebaut haben, lässt ihn bis heute nicht los: Furtwängler dirigiert „Tristan“ – und einen Tag später ist wieder alles kaputt. Henze runzelt die Stirn, seine blitzblauen Augen verfinstern sich. „Das hatte so etwas verrückt Heroisches, so etwas heroisch Verrücktes. Das macht mir Angst.“

Es gab beim „verratenen Meer“ also einen Rest, ein Unbehagen?

Henze löffelt ungerührt weiter sein Eis. Wir sitzen auf der Terrasse in Marino und es ist schön. Die drei Whippets – Dario, Aristeo und Belmonte – tollen durch den Park. Ab und zu flattert ein Wiedehopf von Baum zu Baum. Auf gewisse Fragen reagiert der Maestro einfach nicht. Ohnehin muss man sich das Gespräch mit ihm mehr als ein Stanzen von Sätzen vorstellen. Die aber haben es in sich. Henze ist Westfale und ist es geblieben, querschädelig, stur, nicht eben leicht zu erheitern, außerdem, glaubt man seiner Autobiografie, extrem egomanisch. Dabei: ein Herr, natürlich, mit vollendeten Manieren, wenn er nur könnte.

Ist die Überwindung Ihrer Herkunft auch ein Motor für Ihre Kunst gewesen?

Meine Lebensverhältnisse sind eine Antwort auf diese Frage. Ich lebe so, wie esfür mich existenziell notwendig ist.

Im Gymnasium in Bielefeld, erzählt der Achtzigjährige, habe es Zwillingsbrüder gegeben, Objekte seiner hingebungsvollen und stummen Bewunderung. „Großbürgersöhne von wohlhabenden Eltern; ich war ein Kleinbürgersohn von armen Eltern, was einen enormen Unterschied macht.“ Überhaupt kämen ihm oft Klassenkameraden in den Sinn, Namen und Adressen, Kleidung, die sie trugen.

„Das verratene Meer“ / „Gogo no eiko“ (Hans-Ulrich Treichel schrieb das Libretto auf einen Roman von Yukio Mishima) erzählt die Geschichte eines Seemannes, der seine Ehre an eine große bürgerliche Liebe verrät und dafür hingerichtet wird. Die Idee, den deutschen Text auf das japanische Original zurückzuführen, hatte der Dirigent Gerd Albrecht, der auch dafür sorgte, dass Henze rund vierzig Minuten neue Musik hinzukomponierte. So heißt das „Verratene Meer“ heute also „Gogo no eiko“, und die Tokioter Uraufführung vor zwei Jahren war ein solcher Erfolg, dass der Komponist sich das Ganze noch einmal zum 80. Geburtstag wünschte, in Salzburg und in Berlin.

Sie hätten eine Standleitung zu Gerd Albrecht nach Stuttgart gelegt, flachst Henze und drückt mir ein Telefon in die Hand. Der Dirigent redet ohne Punkt und Komma, über die Atemlosigkeit und Aggressivität der Musik, Henzes Vaterhass und Homosexualität und anderes Autobiogafische, was sich in der Partitur fände. Henze derweil lässt sich ein weiteres Glas apulischen Rosé einschenken, das findet er bei geschätzten 35 Grad im Schatten „erfrischend“.

Maestro, Albrecht sagt, „Gogo no eiko“ sei Ihr zornigstes Stück.

Damit könnte er recht haben.

Fausto Moroni bringt die Partitur, die gerade mit UPS aus Mainz angekommen ist. Ein dickes Ding, der Komponist kann es kaum halten. Parkinson, außerdem hat er sich vor einiger Zeit das linke Handgelenk dreifach gebrochen. Also wandert das Trumm auf den Esstisch, wo es alsbald von Anissa, der jungen mazedonischen Haushaltshilfe und Zaubermaid zugunsten von Pasta, Gemüse, Obst und Gelato ins Hausinnere verräumt wird.

Fausto: Ma quanto sei bello, amore mio, bellissimo!

Henze: Was?

Fausto: Ma come bello!

Henze: Ja, besonders an der einen Stelle.

Fausto Moroni, Henzes langjähriger Lebensgefährte und Adoptivsohn und bedeutend jünger als dieser, sieht man das Leben an. Alkohol, Drogen, zahllose Genüsse und Exzesse. Während Henze krankheitshalber alles Buddhaeske verloren zu haben scheint, mehr wie ein winziger tibetischer Mönch im Sessel hockt, appetitlich und tadellos gekleidet, geht es Fausto an diesem Sommertag nicht gut. Er sei müde, klagt er, zu viel Arbeit und keine Erholung: „I’ve got no chance. But it doesn’t matter. He is always full of himself. He is a queen.“ Seine dunklen Augen streicheln Henze, der sich an der Hand von Michael Kerstan zu Tisch tastet.

Wenn Kerstan Marino verlässt, was er als freier Regisseur und Dramaturg gelegentlich muss, dann findet sich der Maestro „von Unsicherheit und Traurigkeit“ geplagt. Erpresserisch wie er ist, stellt er das Komponieren meist sofort ein. Weil Kerstan eben nicht mehr mit im Zimmer sitzt und ihn im Falle des Falles keiner auffängt. Und weil es da eine zweite innere Stimme gibt, die sagt: Gib acht, fall nicht hin. Oder sie flüstert: Warum hörst du eigentlich nicht auf.

Welche Vorteile hat das Alter?

Ich glaube ja nicht, dass ich achtzig bin. Ansonsten ist Altwerden blöd, richtigblöd.

Zurzeit arbeitet Hans Werner Henze an einer „Phädra“-Oper (nach Euripides und Racine), die die Berliner Lindenoper 2007 uraufführen will. Ein mythologischer Stoff, wie schon bei „Venus und Adonis“ und „L’ Upupa“, gespiegelt und sich spiegelnd in jener mythisch-poetischen Landschaft südlich von Rom, die Henze den Bereich der „göttlichen Diana“ nennt. Vittorio Colonna wurde hier geboren, die Renaissance-Dichterin: „Wenn müde sinkt am Strand der Träume nieder/Mein süß Gedenken vom gewohnten Fluge …“

Ich habe in meinem Leben furchtbare Sachen gemacht. Das kann man gar nichterzählen.

Schade.

Ja, das ist ein bisschen schade.

Vom Arbeitszimmer des Komponisten grüßen zur Rechten die Hügel Roms und links das Meer, il mare, bei schönem Wetter als sprichwörtlicher Silberstreif am Horizont. Drinnen harren die gespitzten Bleistifte, wie kleine Kadetten in Reih und Glied. Es hätte sich herausgestellt, so Kerstan, dass Papier ohne Taktstriche für Henze praktikabler sei. Ein Blatt aus dem zweiten Akt „Phädra“ liegt oben auf. In blasser, zittriger, verhutzelter Schrift. Briefe kann der Achtzigjährige schon lange nicht mehr schreiben, einzig die fünf Notenlinien halten seine Hand noch „an der Kandare“.

Ein Gewitter beginnt zu kreisen. Ratzinger, findet Henze unvermittelt, während er angewidert seinen Ginseng-Tee trinkt, sei ein richtiger reaktionärer Kathole, „so wie es sich gehört“. Eine kurze Führung noch über das Anwesen, durch Gemüsegärten, an Lauben vorbei bis zum Pool samt Badehaus und einem wundersam verwunschenen, versunkenen Federballplatz, dann wird der Nachmittag auf der Terrasse beschlossen. Mit dem rituellen Whiskey und Blick auf den Olivenhain. Kräftige Hühner hüpfen unter den Bäumen auf und ab, Fausto bringt drei Eier aus dem Stall, im ganzen Haus werden jetzt die Läden zugemacht. „Enigma“ heißt ein Gedicht Ingeborg Bachmanns: „H.W.H. aus der Zeit der Ariosi“. Die Dichterfreundin hatte ein Zimmer hier, kaum ein Sims oder Tischchen kommt ohne ein Foto von ihr aus. Beim Abschied lässt Henze es sich nehmen aufzustehen. „Un bacio“, bittet er, und es ist klar, wer hier am Ende wen küsst. Glücklichere Augen hat Ciampino nie gesehen.

„Gogo no eiko“ wird morgen um 20 Uhr konzertant in der Philharmonie aufgeführt;Gerd Albrecht dirigiert das Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI Torino; Werkeinführungmit Henze um 19 Uhr.

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