Kultur : "Tiger & Dragon": Denken, kämpfen, lieben

Silvia Hallensleben

Es war beim vorletzten James Bond: Zum ersten Mal blickten viele westlicher Kinozuschauer bewusst auf eine Schauspielerin, die damals in ihrer asiatischen Heimat längst legendären Ruhm besaß. Michelle Yeoh Choo Kheng, 1963 geboren, hatte als Ballettänzerin und Schönheitskönigin begonnen, sich aber schon bald von ersten Filmrollen als Kung-Fu-Polizistin zum Star des asiatischen Actionkinos hochgearbeitet. Mitte der Neunziger war sie die höchstbezahlteste Schauspielerin Hongkongs. Michelle war schön, sowieso, aber sie konnte auch kämpfen. Und sie war das erste Bond-Girl, das es mit dem Helden in Sachen Fahrzeug- und Körperbeherrschung aufnehmen konnte. Ja, "Tomorrow Never Dies" war so sehr ein Michelle-Yeoh-Film, dass es schon aussah, als könnte er das Ende eines überkommenen Heroen einläuten.

Dem war - leider - nicht so. Bond-Held Pierce Brosnan musste noch einmal zurück in die muffige Product-Placement-Ecke. Doch Michelle Yeoh durfte wiederkommen. In "Tiger & Dragon" ist sie eine gestandene Schwertkämpferin. Und in besserer Gesellschaft: Chow Yun Fat etwa spielt ihren Schwertbruder, der ihr - kampfesmüde - sein Zauberschwert zur Aufbewahrung anvertraut. Oder die aufmüpfigen Kampfkunstschülerin Jen (Zhang Ziyi): Sie bringt alle Talente für eine Kämpferinnenkarriere mit - außer der erforderlichen Geisteshaltung: Geduld und Respekt.

Auch bei der Entwendung des Schwertes spielt Jen eine undurchsichtige Rolle. Die Tat veranlasst die ältere Generation unserer Helden zu leichtfüßigen Flugversuchen und einer Kette rasant geschnittener Kampfszenen. Ihren grandiosen Höhepunkt finden die Luftnummern in den schwingenden Wipfeln eines viel zu zarten Bambuswäldchens. Es geht um Leben und Tod, Weisheit und Liebe. Und irgendwann siegt zwar die Jugend, doch auch die Vernunft. Und Jen darf in die Lüfte entschweben.

Keine Frage: "Tiger & Dragon" ist ein echter Martial-Arts-Film (es gibt wohl außer dem abwertenden "Kung-Fu-Film" keine deutsche Entsprechung). Regie führt Ang Lee, der seit dem "Hochzeitsbankett" (1993) als Garant intelligenter Kinounterhaltung gilt, wobei er sich fröhlich durch die Genres schwingt. Kollektive Identitätsversicherungen hat dieser Mann nicht nötig. Lieber übt er sich darin, seine jeweiligen Stoffe unverkrampft auf ihre emanzipatorischen Potenziale zu befragen. Insofern erstaunt es schon, wenn Lee sich ausgerechnet bei seinem Griff in die chinesische Traditionskiste als Traditionalist beweist.

Ein scheinbarer Widerspruch. Denn das oft verschrieene Genre ist alles andere als ein Hort miefiger Reaktion. Zum anderen ist bei Lee zwar alles so, wie es immer war, doch auch ein bisschen anders. Das umworbene Schwert etwa: Hier soll es nicht eingesetzt, sondern aus dem Verkehr gezogen werden. Die Liebesentsagung der Kämpfer: So offen wurden Gefühle in diesem Genre noch nie verhandelt. Und auch die altehrwürdige Schwertkämpfer-Moral bekommt durch Jens rebellisches Aufbegehren eine ungewohnte Wendung.

Lee variiert das Genre durchaus erfindungsreich. Abweichend von westlichem Geniekult fand die chinesische Kunst ihre Vollendung von jeher im Spiel von Wiederholung und Variation. So erinnern die Kampf-Choreographien von Yuen Wo-Ping, einem Altmeister der Kunst, in ihrer markanten Rhythmik an die Operntradition, der der Kampfkunst-Film einst entstiegen ist. Und auch die tragende Rolle, die kämpfende Frauen spielen dürfen, ist keineswegs Lees Erfindung, sondern reicht bis in alte chinesische Legenden zurück und hinterlässt bis heute ihre Spuren im Hongkonger Actionfilm. Mit der Darstellerin Cheng Pei Pei in der Rolle der bösen Hexe Jadefuchs darf zudem eine weibliche Martial-Arts-Ikone aus den heroischen sechziger Jahren in diesem Film ihr Unwesen treiben.

Manches dagegen ist echt neu. Die Intimität der Liebesgeschichten etwa mit ihren Geständnissen und Großaufnahmen galt bisher als unerhört. Auch die delikate Farbgebung, die manchmal sehr ins nächtliche Dunkel abkippt, verrät Gestaltungswillen. Manchmal gerät das einen Touch zu kitschig. Alles in allem aber entgeht Ang Lee mit klugem Understatement den Gefahren, die ambitioniertes Künstlertum für einen Genrefilm bedeuten kann.

Martial-Arts-Filme polarisieren. Manche verehren sie als vollkommene Verschmelzung von Aktion mit Spiritualität. Andere, wohl die Mehrzahl der Kinogänger, halten sie für letzte Zeugen einer Zeit, als sich Vorstadtbengels statt an Computerspielen an den "Todeskrallen der Shaolin" erbauten. Schund. Daran konnte auch der kleine Seriositätsschub wenig ändern, den das Genre durch King Hus Cannes-Auftritt mit "A Touch of Zen" 1975 erlebte. Selbst, als einige Exemplare der postmodern-ironischen Spielart über Festival-Nachtschienen manche Off-Off-Kino-Leinwand eroberten und Namen wie Tsui Hark, Sylvia Chang und Johnnie To populär machten, wurden diese lange nur von einem Fan-Publikum goutiert. Das dürfte sich mit diesem Film ändern.

Ein Crossover-Film ist "Tiger & Dragon" auch in anderer Hinsicht. Michelle Yeoh sollte damals James Bond das Türchen in den riesigen chinesischen Festlands-Markt eröfffnen. Mit der US-chinesischen Koproduktion "Tiger & Dragon" erhofft sich Columbia/Sony wohl Ähnliches. Doch die Globalisierung hat immer zwei Seiten.

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