Tim Renner und die Buchbranche : Augenhöhe ist alles

Berlins neuer Kulturstaatssekretär Tim Renner macht sich Gedanken über die Digitalisierung des Buchs - und tut sich keinen Gefallen damit.

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Tim Renner trat am vergangenen Montat sein kulturpolitisches Amt in Berlin an. Er kommt aus der Popmusikbranche.
Tim Renner trat am vergangenen Montat sein kulturpolitisches Amt in Berlin an. Er kommt aus der Popmusikbranche.Foto: epd

Tim Renner ist zwar erst seit vergangenen Montag als Berliner Kulturstaatssekretär im Amt, also noch nicht einmal seit einer Woche. Aber ein bisschen Wirbel hat er zumindest in der Buchbranche schon verursacht. Zunächst hielt Renner Anfang April eine Rede bei einer Veranstaltung des E-Book-Dienstleisters Readbox und schrieb dort der gesamten Branche ins digitale Stammbuch, „Angebote auf Augenhöhe“ zu machen und zu akzeptieren, „dass sie keine Kontrolle mehr haben“, nämlich über den digitalen Wandel. Eine vermutlich ausgearbeitete Version dieser Rede hat Renner jetzt auch in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ veröffentlicht. Nach der Lektüre darf man enttäuscht sein über das wenige, das dem neuen Berliner Kulturstaatssekretär zur Digitalisierung der Buchbranche einfällt; sein Kenntnisstand speist sich vor allem aus den leidvollen Erfahrungen, die Renner als Musiklabelbetreiber gemacht hat. „Einen Formatwechsel moderiert man nicht, indem man ihn verzögert, sondern indem man ihn konsequent und entschlossen angeht. Wichtig scheint mir, zu verstehen, dass das eigene, alte Geschäftsmodell sich nicht immer auf die neue Welt übertragen lässt“, heißt es am Ende des Beitrags, der sich nach langen Ausführungen über die Versäumnisse der Musikindustrie überhaupt erst im letzten Fünftel mit dem Buchmarkt befasst.

Renner ist schlecht informiert über den digitalen Wandel der Buchbranche

Man fragt sich bei solchen wohlfeilen Mahnungen, ob Renner in den vergangenen Jahren nicht nur Bücher gelesen hat – was ja, zugegeben, schon eine Menge ist: Ja, der Mann hört Rammstein und Tocotronic, er liest aber auch, nimmt gar, wie er schreibt, acht Bücher mit in den Sommerurlaub, dazu noch schwere gedruckte! Nein, sondern ob ihm irgendwann auch einmal die vielfältigen Anstrengungen der Buchbranche untergekommen sind, den digitalen Wandel zu bewältigen? Von Verzögerung und Geschäftsmodellkopien kann da keine Rede sein. Seit Jahren arbeitet die Branche an digitalen Formaten, versucht sie, digitale Plattformen für Bücher einzurichten, bastelt sie an E-Book-Lesegeräten.

Jeder Bestseller ist mittlerweile als E-Book zu haben, und zwar, anders als Renner suggeriert, zeitgleich mit der Veröffentlichung der Printausgaben (genau wie viele andere literarische Spitzentitel). Und wenn nicht jeder Titel bisher elektronisch zu erwerben ist, hat das auch mit den Gesetzen des Marktes zu tun: Allein, dass es immer noch so überaus viele, ganz sicher nicht bestsellertaugliche, aber literarische Titel gibt, stellt eine schützenswerte Besonderheit dar. Was spricht gegen die Koexistenz von analog und digital?

Zur Übermacht der digitalen Superkonzerne sagt Renner kein Wort

Renner beklagt zudem, die „meisten Anbieter“ würden auf einem Kopierschutz bestehen, „der die Texte zwischen den unterschiedlichen Readern inkompatibel macht“. Nur ist die Buchbranche hier nicht der erste Adressat, sondern Amazon, Google, Apple und Co. Diese sorgen zuvorderst mit ihren jeweiligen Readern für die (tatsächlich enorm nervige) Inkompatibilität. Wer sich im iTunes-Laden von Apple ein Buch kauft, kann das nicht auf seinem Kindle lesen; wer einen Kindle besitzt, muss bei Amazon kaufen – und Amazon kontrolliert mittlerweile gar gezielt die Preise auf dem Buchmarkt weltweit. Überhaupt äußert sich Renner mit keinem Wort zur Übermacht der digitalen Superkonzerne. Dabei sind sie es vermutlich, die den Buchmarkt eines Tages unter sich aufteilen, nicht der mittelständische Verlag oder die große Buchhandlung.

Ja, „Angebote auf Augenhöhe“ – das klingt genauso gut wie wischiwaschi, denn die Kids, die die Musikindustrie zu Fall gebracht haben mit ihrer Downloaderei, die besorgen sich nun mitnichten auch illegal im Netz die Romane von Martin Walser, Martin Mosebach oder Katharina Hacker, die Bücher eines Christopher Clark oder Florian Illies.

Da helfen laut Tim Renner – sein Vorbild stammt selbstredend aus der Musikbranche, Stichwort Spotify – womöglich Streaming-Dienste, die E-Books anbieten, ohne dass diese sich erwerben lassen (besitzen im herkömmlichen Sinn tut man die sowieso nicht mehr). Also E-Book-Bibliotheken, in denen man sich als Abonnent Bücher ausleihen kann. Was für eine zukunftsträchtige Idee!

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