Kultur : Titos traurige Enkel

Mazedonische Gedichte von Nikola Madzirov.

Jan Volker Röhnert

Nikola Madzirovs Gedichte enthalten so etwas wie die geträumte Geografie Südosteuropas. Innere und äußere Grenzen, die in der Realität des heutigen Balkans oft holzschnittartig Ethnien, Religionen und gemeinsame Vergangenheiten voneinander scheiden, werden durchlässig. Sie verschwimmen und vereinigen sich zu einer Welt, die dem alten Jugoslawien nur insofern entspricht, als nachträgliche Erinnerungen eine Art verschollene Polaroidfotografie beschreiben. Anstelle klarer Konturen tritt eine Melancholie, die ihres Gegenstands nur im Modus des Nachfühlens und Nachtastens habhaft werden kann.

Aus Nikola Madzirovs Versen spricht eine Sehnsucht, die sich der Entrücktheit der Kindheitsprojektion vom großen Ganzen bewusst ist: Adam Zagajewski oder Tomas Tranströmer schrieben wahrscheinlich so ähnlich, wenn sie, wie Madzirov, im mazedonischen Strumica zu Hause wären. Aber der Dichter ist kein Epigone, er hat lediglich seine Vorbilder im Weltatlas der Poesie, so wie jeder Dichter über ein Verwandtschaftsnetz poetischer Korrespondenzen verfügt. Aus seinen Versen sprechen die Bilder einer Kindheit, die erwachsen wurde, als die Idee des großen Jugoslawien zersprang. Platos Höhle hat einen konkreten Ort – die elegische Zeichenwelt des Lyrikers, der sich in ein Zurück sehnt, das noch vor ihm liegt: „Europa vereinte sich / bevor wir geboren wurden / und das Haar / eines Mädchens breitete sich ruhig / über die Oberfläche / des Meeres aus.“ Jan Volker Röhnert

Nikola Madzirov: Versetzter Stein.

Gedichte. Aus dem

Mazedonischen von Alexander Sitzmann.

Edition Lyrik Kabinett, Hanser Verlag 2011.

64 Seiten, 14,90 €.

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