Kultur : Todesengel

Alina Wituchnowskaja ist Russlands neue Pop-Ikone

Oliver Heilwagen

Bekennende Faschisten sind heutzutage selten. Alina Wituchnowskaja ist eine. „Ich verbinde den Faschismus nicht mit Konzentrationslagern und Nationalismus“, sagt die 29-jährige russische Dichterin: „Für mich ist er die Apotheose der Rebellion, des Kampfes gegen die Realität, die Bestätigung des Übermenschen als Alternative zum Demiurgen oder zur Natur, die uns zwingt, so zu sein, wie wir zu sein haben, ohne dass wir es selbst wollen. So gesehen, ist der Faschismus mir nah.“ Den zu ihrer Weltanschauung passenden Look hat sie. Auf dem Umschlag eines soeben bei DuMont erschienenen Sammelbandes mit Gedichten und Prosaskizzen, den ersten Übersetzungen ihrer Arbeiten ins Deutsche, posiert sie als verführerischer Todesengel. Im schwarzen SS-Ledermantel samt hochgeschlagenem Kragen, mit blutroten Lippen und Hitlers Haarschnitt. Kein Wunder, dass Wituchnowskaja von ihrem Verlag als „schwarze Ikone der radikalen Moskauer Jugend“ vermarktet wird.

Nun sind extreme Schockeffekte in der Pop-Kultur ziemlich wohlfeil, solange sie die Auflage steigern. Das gilt auch für das Spiel mit nationalsozialistischen Symbolen. Doch Alina Wituchnowskaja nimmt ihren politischen Nihilismus ernst. „Vernichtung der Realität“ nennt sie ihr poetisches Projekt. Da rollen dutzendweise abgeschlagene Köpfe, spritzt Blut aus allen Körperöffnungen, verrecken die Protagonisten an ihrem Erbrochenen. Von der Koketterie mit Splatter-Elementen bei deutschen Autorenkollegen wie Tim Staffel und Tobias O. Meißner unterscheidet die junge Russin allerdings, dass sie für ihre Überzeugungen zu leiden bereit ist.

1994 wurde Wituchnowskaja ins Butyrka-Gefängnis eingeliefert. Der Geheimdienst war auf einen ihrer Artikel über die Moskauer Drogenszene aufmerksam geworden und verlangte, sie solle die Namen rauschgiftsüchtiger Kinder von Prominenten preisgeben. Die Dichterin weigerte sich. Ihr wurde ein Schauprozess gemacht. Am Ende standen 18 Monaten Haft. Als sie entlassen wurde, war sie berühmt: „Ich nehme gerne eineinhalb Jahre Gefängnis auf mich, um der Gesellschaft über die Medien meine Ideen aufzuzwingen.“

Ihr Ansehen im zeitgenössischen russischen Kulturleben verdankt Wituchnowskaja allerdings nicht nur ihrem Märtyrerstatus. Sie spielt ein Rollenmodell durch, das in der Geschichte ihres Landes seinen festen Platz hat. Auf die Unmenschlichkeit des russischen Alltags reagierten Intellektuelle seit jeher mit Auslöschungsfantasien. Bereits Bakunin empfahl, alles in die Luft zu sprengen. Auch nach dem Ende der Sowjetunion wollen Schriftsteller wie Wladimir Sorokin und Eduard Limonow den verhassten Verhältnissen mit Gewalt beikommen: Ihre Werke sind meist bluttriefende Burlesken.

Damit finden sie hierzulande in Kreisen Gehör, die sich angesichts einer als belanglos empfundenen Gegenwart nach dem ganz Anderen sehnen. Während in Berlin Einrichtungen wie die Volksbühne und das „Kaffee Burger“ den radical chic als Dauerdebatte inszenieren, spielt die Gothic-Szene gerne mit Emblemen des Satanskults. Ihr ist Wituchnowskaja geistesverwandt; nicht von ungefähr veröffentlicht sie ihre Elaborate in dem Internet-Forum „Gothic.ru“. Indes gelingen ihr auch manchmal solche Zeilen: „Nur Mord ist wirklich erotisch und sinnlich. Aber wir sind unendlich allein, verzweifelt allein. Und nur meine Kugel kann wirklich in dir sein.“

Vorstellung des Buches „Schwarze Ikone“ mit Alina Wituchnowskaja, Kathrin Angerer und Milan Peschel morgen, 22.30 Uhr, im Roten Salon der Berliner Volksbühne.

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