Kultur : Todesgeruch der Herrschenden Ägyptens Intellektuelle forcieren den Widerstand

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Aufruhr. Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Foto: Asmaa Waguih/Reuters Foto: REUTERS
Aufruhr. Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Foto: Asmaa Waguih/ReutersFoto: REUTERS

Vor zwei Jahren ist der Tahrir-Platz zum Symbol des ägyptischen Frühlings aufgestiegen. Zehntausende Demonstranten versammelten sich im Zentrum Kairos, um eine Revolution anzuzetteln und ihren Diktator zu stürzen. Zuletzt machte der als „Liberation Square“, Befreiungsplatz, gefeierte Ort nur noch mit Massenvergewaltigungen Schlagzeilen. Aktivisten sehen in den Gewaltakten gezielt in Auftrag gegebene Provokationen, um den Ruf der jungen Demokratie zu ruinieren.

Welche Demokratie? Khaled al Khamissi, Autor des Bestsellers „Taxi“, erzählt von seinen Freudentränen am Tag des Rücktritts von Mubarak, sagt aber auch: „Auf diesen Rücktritt folgte kein Neuanfang. Das wirtschaftliche, soziale und politische System Ägyptens hat sich nicht verändert.“ Sein Buch, das die Sorgen, die Hoffnungen und den Trotz Kairoer Taxifahrer in der Spätphase des Mubarak-Regimes protokollierte, wurde als „Roman zur Revolution“ gefeiert. Doch der Rolle des Revolutions-Troubadours verweigert sich al Khamissi. Nichts sei erreicht, beim Versuch, eine funktionierende Demokratie aufzubauen, sei man auf halber Strecke stecken geblieben. Für ihn ist der neue Präsident Mursi genauso ein „Verbrecher“ wie Mubarak, und Kanzlerin Merkel, die den Anführer der Muslimbruderschaft in Berlin empfangen hat, eine Art Kollaborateurin. Da müssen seine Zuhörer bei einem Festessen auf einem Nildampfer bei Luxor, zwei Dutzend westliche Journalisten, erst einmal schlucken. Al Khamissi, ein 50-Jähriger mit Jungsgesicht, spricht mit ruhiger Stimme und wirkt trotzdem wütend. Wütend vielleicht auch darauf, dass man ihn, der darauf beharrt, Künstler zu sein, immer wieder zur Tagespolitik befragt.

Mit seinem Fundamentalismus steht der Schriftsteller unter Ägyptens Intellektuellen nicht allein. Friedensnobelpreisträger Mohammed al Baradei hat seine Landsleute zum Boykott der Parlamentswahlen aufgerufen, die ein „Schwindel“ seien und von Ende April an in vier Runden stattfinden sollen. Auch al Khamissi will der Urne fernbleiben, schließlich gäbe es „nicht wirklich eine Wahl“. Ägyptens Oppositionellen scheint das Rechthabenwollen wichtiger als eine Regierungsbeteiligung, sie stellen das Prinzip über jeden Pragmatismus. Wären sie nicht so zersplittert, hätten sie wohl 2012 die Präsidentschaftswahlen gewinnen können. Mursi hatte im ersten Wahlgang nur knapp 25 Prozent erreicht.

In dem politisch gärenden, wirtschaftlich angeschlagenen Land kursieren die krudesten Verschwörungstheorien und Rettungsszenarios. Vielleicht wäre es am besten – heißt es hinter vorgehaltener Hand – wenn sich bald das Militär an die Macht putsche. So weit könnte es spätestens dann sein, wenn die Weltbank Mursi zwinge, die hoch subventionierten Brotpreise zu erhöhen. Das hatte Sadat schon einmal 1977 versucht. Gewalttätige Unruhen auf dem Tahrir-Platz waren die Folge. Hatte 1789 nicht auch die französische Revolution mit Brotunruhen begonnen?

Al Khamissi, der auch für Zeitungen schreibt, sagt, dass er heute stärker zensiert werde als in den letzten Jahren unter Mubarak. Dabei ist sein Wunsch, Schriftsteller zu werden, einst aus dem Widerstand erwachsen. Dass er unbedingt schreiben wollte, merkte er, als die Manuskripte, die er bei einer Studentenzeitschrift abgab, demonstrativ von einem Zensor in den Papierkorb geworfen wurden. Auf seinem Kopf erinnert eine Narbe an die Schläge eines Salafisten, die er sich zuzog, weil in einem Text der Name „Darwin“ vorkam. In seinem neuen Roman „Arche Noah“, dessen deutsche Ausgabe im Mai erscheint, folgt al Khamissi den Biografien ägyptischer Emigranten. Hat er selbst schon mal ans Exil gedacht? „Nein“, antwortet er. „Weil ich in einem Land lebe, das sich in einer Endzeit befindet. Man spürt bereits den Todesgeruch der Herrschenden.“ Christian Schröder

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