Tom Kummers Buch "Nina und Tom" : Trauern und klauen

Wenn das Vertrauen in die Wirklichkeit fehlt: Tom Kummer schreibt ein Requiem auf seine Frau – und bedient sich wieder einmal bei anderen.

Tom Kummer
Tom KummerChristian Werner

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So, so, hat er es wieder einmal getan, der Schweizer Journalist, Interviewfälscher, Paddle-Tennislehrer und Schriftsteller Tom Kummer. Er bediente sich für seinen Roman „Nina und Tom“ bei anderen Schriftstellern und Schriftstellerinnen, bei Richard Ford und seinen Ende der achtziger Jahre veröffentlichten Erzählungen „Rock Springs“, bei Kathy Acker und ihrem 1991 erstmals ins Deutsche übersetzten Buch „Harte Mädchen weinen nicht“, bei Frédéric Beigbeders Roman „39.90“, erschienen 2001.

Das fand der Filmkritiker der „Süddeutschen Zeitung“ Tobias Kniebe in seiner Besprechung des Kummer-Romans vergangene Woche heraus, woraufhin sich der Berliner Aufbau Verlag, der „Nina und Tom“ im Aufbau-Imprint Blumenbar veröffentlicht hat, zu einer Stellungnahme veranlasst sah: „Tom Kummer kann nicht anders kreativ arbeiten, als er es tut und das ist nicht einmal auf der Ebene des Bewusstseins.“ Und Aufbau-Geschäftsführer Gunnar Cynybulk versprach: „Da der Verlag es versäumt hat, die Quellen der direkten und indirekten Zitate nennen zu lassen, wird er dies schnellstmöglich nachholen. Diese werden in der nächsten Auflage kenntlich gemacht.“

Das hätte er natürlich bei der ersten Auflage schon tun können, gerade im Falle eines Wiederholungstäters wie Tom Kummer. Zumal Cynybulk eingesteht, dass Kummer gar nicht anders könne, und dessen Abschreiben im Bereich des Unbewussten verortet. Aber womöglich findet Tom Kummer seine Romanästhetik durch das gewissenhafte Aufdecken des neuerlichen Plagiarismus jetzt erst hinreichend gewürdigt, als Konzeptkunst oder Literaturcollage, nachdem ihm in ersten, durchaus positiven Besprechungen von „Nina und Tom“ niemand auf die Spur gekommen war – oder kommen wollte.

Nina und Tom verbindet eine irre, wilde Liebe

Kummer schildert im Roman eindringlich, offen und schonungslos das Sterben und den Krebstod seiner Frau Nina, bevorzugt vor dem Hintergrund der oft in ein übergrelles Licht getauchten städtischen Kulisse von Los Angeles, wo das Ehepaar mit den beiden Söhnen Henry und Jack bis zu Ninas Tod 2014 in einem riesigen Zweizimmer-Appartement in Koreatown lebt.

Gleichzeitig erzählt er die Geschichte ihrer Liebe. Wie sie sich in einem Club in Barcelona in den achtziger Jahren kennenlernen, nach Berlin gehen, in der Yorckstraße leben und neben Leuten wie Nan Goldin oder Nick Cave an den Theken der Bars und Clubs stehen. Und schließlich, nachdem sich das Magazin „Tempo“ von ihm getrennt hat, wie sie nach L.A. ziehen und nach der Geburt mit den Kindern ein zunehmend bürgerliches Leben führen.

Manchmal ist das arg kraftmeierisch, Kummer versucht mit aller Macht, den Punk und den Geist der Zeit in seiner Sprache nachzubilden, der irr-wilden Liebe, als die er seine Beziehung zu Nina schildert, ein sprachliches Pendant zu geben. Wenn man will, die gute alte „Tempo“-Gonzo-Schreibe.

"Wir sind wie erfunden", schreibt Kummer einmal

Störender jedoch ist, wenn Kummer einstreut, wie er journalistisch gearbeitet hat, wie seine Einstellungen zur Wirklichkeit und zur Wahrheit sind. Einmal weist er darauf hin, dass er sein ganzes Leben lang gesampelt habe, „schon bevor es den Begriff gab“. Als würde es nicht genügen, dass ihm sein Verlag mit der Gattungsbezeichnung „Roman“ einen gewissen Schutzraum und fiktive Freiheiten für seine sehr private Geschichte verschafft hat, betont er ohne Unterlass, dass ihm für journalistische Vorgehensweisen, für Recherchen vor Ort und Gesprächen mit Menschen, über die er schreibt, „die Geduld“ fehle, „das Vertrauen in die Wirklichkeit“, dass er „die Wahrheit für ein Gespenst“ halte, „eine Einbildung von Leuten, die hoffen, dass alles real ist, was ihnen widerfährt.“ Da fragt er schon mal, ob Nina „sein Werk“ sei oder empfindet ihrer beider Dasein in Los Angeles als im höchsten Maß irreal: „Wir sind zu abstrakten Zeichen geworden, alles fühlt sich künstlich an. Wir sind wie erfunden.“

Ob Kummer solche Eingebungen auch im Unterbewussten kommen, er sie quasi schlafwandlerisch in seinem Manuskript untergebracht hat? Oder sie doch nur das Produkt einer Strategie sind, die er damals anwandte, als er seine Interviews fälschte, wie er es in dem Roman darstellt: „Ich werfe beliebige Sachbücher in die Luft und lasse mich dann von der zufällig aufgeschlagenen Seite zu Dialogen mit Hollywood-Stars inspirieren“. Ja, so viel Komik muss schon sein.

„Nina und Tom“ soll jedenfalls viel mehr sein als ein Requiem, als ein Buch der Trauer: das Kunstwerk einer höheren Ordnung, mit Sätzen und Zitaten anderer Autoren und Autorinnen, die anzeigen könnten, dass selbst eine Liebesgeschichte wie die zwischen ihm und Nina und nicht zuletzt ihr Tod nur aus zweiter Hand darzustellen ist und letztendlich nie ein Original sein kann. Wie hat es Kummer einst in einem Text für die Zeitschrift „Cicero“ auf den ihm ganz eigenen Punkt gebracht? „Existieren ist doch bloß ein Plagiat.“

Tom Kummer: Nina und Tom. Roman. Blumenbar Verlag, Berlin 2017. 253 S., 20 €.

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