Kultur : Tonnen Farbe

Wenn Galeristen zu Sammlern werden: Ein Besuch bei Rolf Ricke in Mitte

Nicola Kuhn

Galeristen, die selber sammeln, sind keine Seltenheit. Von Ernst Beyeler und Heinz Berggruen ist bekannt, dass sie erfolgreich handelten und gleichzeitig die besten Stücke – ob von Picasso, Matisse oder Klee – doch für sich behielten. Mittlerweile tragen Museen ihren Namen; ihre Kollektionen gehören zu den Besuchermagneten in Basel und Berlin.

Als sich Lucius Grisebach, der Direktor des Nürnberger Neuen Museums, vor einigen Jahren bei einem Empfang bei Rolf Ricke umblickte und sagte: „Das ist ja eine richtige Sammlung. Die würde ich gerne mal in Nürnberg zeigen.“, da war der Kölner Galerist selbst überrascht. So hatte er das bislang noch nicht gesehen. Inzwischen befinden sich seine Schätze ebenfalls im Museum, genauer gesagt: in drei – im Frankfurter Museum für Moderne Kunst sowie in den Kunstmuseen von Liechtenstein und St. Gallen.

Rolf Ricke sitzt mittlerweile in Berlin, wie befreit von Galeriegeschäft und Sammlung, dafür umgeben von neu erworbener Kunst. In unmittelbarer Nachbarschaft der Charité hat er vor zwei Jahren ein Loft bezogen, nach vorn den Blick auf das Schlaflabor, nach hinten auf den begrünten Campus. Auch Archiv und Bibliothek wurden von Köln nach Berlin geholt. Vor wenigen Wochen kam allerdings ein ganz besonderes Buch hinzu, das seine eigene Geschichte erzählt: „Sammlung Rolf Ricke. Ein Zeitdokument“. Wer den schwergewichtigen Band mit all seinen Interviews, Fotodokumenten und Künstlerbriefen einmal in die Hand genommen hat, legt ihn so schnell nicht mehr weg. Hier wird die Kunstgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebbar dank einer einzelnen Person – durch die des allerersten Vermittlers. Ricke hat mit den wichtigsten Künstlers seiner Zeit zusammengearbeitet, hat Richard Serra, Donald Judd, Keith Sonnier nach Köln geholt. Gleichzeitig hat er die Art Cologne mitbegründet, für deren heutigen Niedergang er nicht einmal mehr Mitleid übrig hat.

Nein, für sich hat Rolf Ricke mit der Händlertätigkeit Schluss gemacht. 2004 zeigte er mit Gajin Fujita, einem jungen Japaner, seine letzte Ausstellung in der Kölner Volksgartenstraße; 40 Jahre waren genug. Stattdessen ist der 74-Jährige mal hier als Kurator wie im August in der Villa Merkel in Esslingen, mal dort als Referent, dann wieder als Berater gefragt. „Ich wollte rechtzeitig aufhören, solange ich es selbst bestimmen kann,“ erklärt er. Der Verkauf der Sammlung hat ihm den Lebensabend gesichert, ansonsten würde er noch immer seine Galerie führen. Allerdings ungern, wie er erklärt, denn seit den Neunzigern hat sich das Klima verändert: Plötzlich stand nicht mehr die Kunst im Mittelpunkt, sondern das Event. „Alles wurde immer mehr: das viele Geld, das soziale Drumherum, die mediale Aufbereitung, dazu die Auktionen und Messen,“ zieht er Bilanz und zitiert Gerhard Richter, der schon 1968 bei ihm zu sehen war: „Je mehr Tonnen Farbe, desto schlimmer wird es.“

Für einen konsequenten Kämpfer für die Sache der Kunst, wie Ricke einer ist, stimmte die Umgebung nicht mehr. „Ich habe stur, aber nicht verbissen immer meinen Weg verfolgt,“ so der Selfmade-Galerist, der nach einem Kunststudium an der Kasseler Akademie zunächst für das Plattenunternehmen CBS tätig ware. Die erste Documenta von Arnold Bode und ihre kompromisslose Form der Präsentation entflammte ihn so sehr für die Vermittlung von Kunst, dass er sie zu seinem Beruf gemacht hat. Zu den Besonderheiten seiner Galerie gehörte deshalb immer die unmittelbare Zusammenarbeit mit den Künstlern.

Insbesondere für die Maler und Bildhauer aus den USA wurde Ricke zum Verbindungsmann nach Europa. In einem Brief gibt etwa Richard Serra ihm klare Instruktionen, welchen Stahl er sich für das Kröller-Müller-Museum und die Skulpturenausstellung im holländischen Sonsbeek wünscht. Gleichzeitig mahnt er den Galeristen freundschaftlich an, sein Programm sorgfältiger auszuwählen. Zu Ricke hatten die Künstler Vertrauen. Bedenkenlos schickte ihm etwa Keith Sonnier die Konstruktionspläne für seine Neon-Skulpturen, die dann in Köln produziert wurden. Der Galerist durfte selbst die Farben auswählen. „Das kannst Du ohnehin besser als ich“, hatte der Bildhauer ihm erklärt.

Wer den Ricke-Band durchblättert, ist immer wieder erstaunt über die vielen Namen, die sich lange vor ihrer großen Zeit in der Kölner Galerie ein Stelldichein gaben. „Meine Trefferquote war sehr hoch,“ so Ricke stolz. Das hat ihn allerdings nicht vor einigen Fast-Pleiten bewahrt, denn der Erfolg kam häufig erst mit Verspätung. „Die Künstler sind ihrer Zeit zehn Jahre voraus,“ musste der Galerist immer wieder erfahren; oft haben dann andere von seinen Entdeckungen profitiert. So hatte die Malerin Lee Lozano, die auf der jüngsten Documenta plötzlich große Beachtung erfuhr, ihre erste europäische Galerieschau zwar bei Ricke. Heute aber wird der Nachlass von Hauser & Wirth betreut; auf der jüngsten Art Basel waren Lozanos Werke für 1,2 bis 1,4 Millionen Euro zu haben.

Bei vielen seiner Künstler vermag Ricke als Käufer deshalb heute nicht mehr mitzuhalten. Er verbucht das als Erfolg und macht sich stattdessen selbst wieder auf die Suche. Seit einiger Zeit sind japanische Künstler in seinen Fokus gerückt. Gerade hat er das in Basel erworbene Werk einer jungen Zeichnerin gerahmt. Beim Verabschieden weist er auf ein weiteres Blatt im Flur. Man kann sich förmlich vorstellen, wie sich in einigen Jahren wieder ein Museumskustos begehrlich umschaut und sagt: „Das ist doch eine Sammlung, ...“ Auf die letzte Frage, ob er sich selbst nun als Sammler sehe, weicht Ricke allerdings aus. „Nein, ich sammle CDs, Schallplatten, habe ein Archiv. Da bin ich Besitz ergreifend und kann nicht widerstehen.“ Für Außenstehende sieht es allerdings jetzt schon in der Ricke-Wohnung nach etwas anderem aus.

Sammlung Rolf Ricke. Ein Zeitdokument. Hrsg. von Christiane Meyer-Stoll, HatjeCantz-Verlag 2008, 448 S., 49 €.

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