Kultur : Traum einer Tochter

In „Schildkrötenwut“ folgt eine Berlinerin ihrem fremd gewordenen Vater nach Palästina.

von

Pary El-Qalqili weist ihrem Vater mit ausgestrecktem Finger den Platz auf dem Sitzkissen an. Vor der Kamera soll das Gespräch stattfinden, von dem sich die Tochter eine Annäherung an den fremd gebliebenen, fremd gewordenen Vater erhofft. Zwischen den tief verletzten Dickköpfen entbrennt ein Streit – unverstellt, nicht inszeniert.

Die junge Regisseurin des Dokumentarfilms „Schildkrötenwut“, Tochter eines Palästinensers und einer Berlinerin, will wissen, warum der Alte seine Familie in Berlin verließ, um für Jahre nach Palästina zurückzukehren. Wo ist seine Heimat? Im Gaza-Streifen, bei den Beduinen der Negev-Wüste, in jordanischen Flüchtlingslagern, im Schatten der israelischen Sperrmauer in Qalqilia im Westjordanland – wo immer sein zerstreuter Clan Zuflucht fand? Was meint er, wenn er sagt, er kämpfe für Palästina?

Seit der Vater zornig verstummt wiederauftauchte, wohnen die Eltern in verschiedenen Etagen ihres Berliner Siedlungshäuschens. Miteinander zu reden, scheint kaum möglich. Die drei „blonden Geschwister“, die die Filmemacherin erwähnt, bleiben in ihrer heiklen Familienaufstellung außen vor. Sie ist es, die ein besseres Verhältnis sucht. Ihr trauriger Kindertraum, den Vater vor seinem lähmenden Unglück beschützen zu müssen, gab den Anstoß zum Film.

Pary El-Qalqili beschreibt die explosiven Emotionen, die das Flüchtlingsschicksal hinterlassen hat. Ihr westlich geprägter psychologischer Redefluss prallt auf den gedemütigten Stolz des Vaters. Eine Reise zu seinen Wurzeln soll aus dem Dilemma heraushelfen. Die Dokumentaristin macht sich auf die Suche, als stille Beobachterin: der Vater im Hotelbett, mit fernen Verwandten, beim Schwatz mit Taxifahrern. Die Bilder der Kamerafrau Aline László zeigen, wie nervös und euphorisch er auf die Eindrücke reagiert. Die Verlorenheit bleibt spürbar. Claudia Lenssen

Eiszeit-Kino

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben