Traumjob Kurator : Stell die Verbindung her

Früher wollten junge Leute DJ werden. Der Trendjob heute: Kurator. Über eine zentrale Figur des Kulturbetriebs.

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An die Wand gebracht. Die Arbeit „A perfect Day“ des Italieners Maurizio Cattelan zeigt dessen Galeristen.
An die Wand gebracht. Die Arbeit „A perfect Day“ des Italieners Maurizio Cattelan zeigt dessen Galeristen.Foto: AFP

„Immer mehr neigen Ausstellungen dazu, nicht mehr Ausstellungen von Kunstwerken zu sein, sondern sich selbst als Kunstwerk auszustellen“, schrieb der Konzeptkünstler Daniel Buren 1972 im Katalog der Documenta 5. Die Angst der Künstler, von Kuratoren überflüssig gemacht zu werden, ist also schon etwas älter. Sie gleicht dem freundschaftlich-misstrauischen Verhältnis zwischen Schriftsteller und Verleger. Oder dem zwischen Kritiker und Redakteur. Der eine schafft das Werk, der andere schneidet es für die Öffentlichkeit zu. Und fast immer hat der Erstere den Zweiteren im Verdacht, nichts von seiner Arbeit zu verstehen.

Nie aber hatten Künstler mehr Anlass zur Angst als heute: Wo man hinsieht, sind Kuratoren am Werk. Sie kuratieren nicht nur Kunstausstellungen, sie kuratieren auch Tanz- und Theaterfestivals, Modeschauen und Magazine. Sie treten zahlreich auf: Für die europäische Wanderbiennale Manifesta waren letztes Jahr drei Kuratorenkollektive verantwortlich. An „Based in Berlin“ waren acht Kuratoren beteiligt – aber worin genau ihre Arbeit bestand, ist in der Ausstellung selbst nicht recht zu erkennen.

Man weiß ja, was man selber macht, wenn man ins Museum geht. Und man hat eine ungefähre Vorstellung davon, was die Arbeit eines Künstlers ist. Aber was macht der Kurator?

Seit kurzem lässt sich das Kuratieren auch studieren, Hochschulen witterten die steigende Nachfrage und bieten Aufbaustudiengänge wie „Kuratieren und Kritik“ in Frankfurt am Main, „Kunstkritik und kuratorisches Wissen“ in Bochum oder „Kulturen des Kuratorischen“ in Leipzig. Als dort vor zwei Jahren die Seminare begannen, warnte im Aufzug ein Graffiti vor der „Kuratitis“. Begreift man das Kuratieren, das ja im Lateinischen für „pflegen, heilen“ steht, als Krankheit, lautet die Diagnose: Epidemie.

Früher wollten junge Menschen mit Geltungsdrang Musiker werden. Später DJ. Dann vielleicht Künstler. Heute, so scheint es, wollen plötzlich alle Kuratoren werden. Von Berufsbildern wie „kuratorische Assistenz“ geht eine Sachlichkeit aus, die für Legitimation zu bürgen scheint. Es klingt wissenschaftlich, seriös, jedenfalls nicht nach dem so aus der Mode gekommenen Bild vom Künstler als entrücktem Genie. Eine weihevolle Atmosphäre herrscht bei Pressekonferenzen, wenn die Kuratoren sprechen. Im symbolischen Raum der Kunst sind sie die Architekten der Utopie, die Direktoren neuer Erlebnis- und Verständigungsformen. So steht der Aufstieg des Kurators zur zentralen Glanzfigur des Kunstbetriebs für einen gesellschaftlichen Strukturwandel und ein Stück Mentalitätsgeschichte.

Ausstellungen sind ein Feld der Macht. Hier erfahren Sie, warum.

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