Kultur : Treppe rauf, Treppe runter

Puppe mit Köpfchen: „Young Victoria“ erzählt die Jugend der epochemachenden britischen Königin

von
Die Queen privat. Victoria (Emily Blunt) und Albert (Rupert Friend). Foto: Capelight
Die Queen privat. Victoria (Emily Blunt) und Albert (Rupert Friend). Foto: CapelightFoto: ddp

Bald wird im Londoner Kensington Palace gebaut. Vorab hatte Schloss-Kuratorin Joanna Marschner die Idee, Theaterleute und Designer einzuladen, die Lebensgeschichten der Prinzessinnen und Königinnen zu inszenieren, die im Palast ein- und ausgingen: die kluge Caroline von Brandenburg-Ansbach, die mit Leibniz korrespondierte, Queen Anne, von deren 17 Kindern nur eins die ersten zehn Jahre überlebte, die lebenslustige Princess Margaret, die unglückliche Diana. Und eben auch Victoria, die am 24. Mai 1812 im Palast zur Welt kam und als Queen Victoria die längste Regierungszeit durchgehalten hat, 63 Jahre, vierzig davon als trauernde Witwe.

Im Kensington Palace beginnt auch Jean-Marc Vallées Film „Young Victoria“. Victoria, bewacht von ihrer Mutter (Miranda Richardson) und deren Berater John Conroy (Mark Strong), verlebt eine einsame Kindheit, umgeben von 132 Puppen. Bewusst wird sie vom lebenslustigen Hof ihres Onkels William IV. (Jim Broadbent) ferngehalten, lebt unter ständiger Kontrolle: nicht einmal die Treppe darf sie allein heruntergehen, immer nur assistiert von einer Hofdame. Zu groß die Gefahr, die junge Frau, auf der als Thronfolgerin alle Hoffnungen von Mutter und Berater ruhen, könne sich verletzen.

Doch die Dame hat ihren eigenen Kopf. Emily Blunt spielt sie als renitenten Teenager, unbändig, voller Freiheitsdrang. Als 17-Jährige weigert sie sich, eine Unmündigkeitserklärung zugunsten von Conroy zu unterschreiben. Wenn keiner hinschaut, hüpft sie die Treppen hinunter. Kaum an der Macht, mit sagenhaft jungen 18 Jahren, zieht sie in den Buckingham Palace, verbannt Mutter und Berater in die hinterste Kammer. Und paktiert mit dem charmanten Lord Melbourne (Paul Bettany), bis das Volk protestiert.

Die Queen privat: Wie in „The Duchess“, wie in „The Other Boleyn Girl“ oder „Mrs. Brown“ steht auch im Zentrum von „Young Victoria“ eine Liebesgeschichte: die zum deutschen Prinzen Albert von Sachsen-Coburg. Eine Geschichte, die in höfischen Zusammenhängen, wo Ehen aus Staatsräson geschlossen werden und Liebe als Störfaktor gewertet wird, immer auch politisch ist. „Young Victoria“ wählt, trotz oscarprämierter Kostüme, eine neuzeitliche Perspektive, die der Vorstellung vom prüden viktorianischen Zeitalter ganz und gar nicht entspricht. Diese Victoria – ähnlich wie die in Berlin gerade wieder gefeierte Königin Luise – nimmt sich das Recht zu lieben, wo sie regieren soll. Und fordert von ihrem Partner eben das: Liebe. Und dass er sie regieren lässt.

Victoria & Albert: Wie die beiden sich umschleichen, wie sie taktieren und das höfische Zeremoniell immer wieder durchbrechen – das ist psychologische Feinstarbeit. Rupert Friend gibt Prinz Albert mit mühsam antrainiertem deutschen Akzent verhalten selbstbewusst. Für Emily Blunts Ungestüm ist er der ideale Gegenpart. Am Ende steht ein Ideal: Zwei Schreibtische, Seite an Seite. So kann man ein Leben gemeinsam leben.

Capitol, Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Sony-Center (OV), Kulturbrauerei, Kurbel, Neues Off (OmU)