Tschechow : „Sie spielen zu viel“

Liebe zu Kleinigkeiten: Der legendäre Schauspieler Konstantin Stanislawski erinnert in einem nun auf Deutsch erschienenen Buch an Anton Tschechow, der allerdings ungreifbar wie seine Figuren bleibt.

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Das Uraufführungstrauma. Der junge Anton Tschechow, 1891 in Moskau. Foto: akg-images
Das Uraufführungstrauma. Der junge Anton Tschechow, 1891 in Moskau. Foto: akg-imagesFoto: akg-images

Es ist auf dreihundert Seiten von Anton Tschechow die Rede, doch man muss während der Lektüre unablässig an Bartleby denken, diesen seltsamen Büroangestellten aus der gleichnamigen Erzählung von Herman Melville, der auf alle Fragen immer wieder „Ich möchte lieber nicht“ sagt und vor lauter Zurückhaltung zu verschwinden scheint.

Das ist das Überraschende an dem Kleinod, das gerade im Alexander Verlag erschienen ist: zwei „Theatermenschen“, der Schauspieler Konstantin Stanislawski und der Autor Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko, erzählen plastisch und mitreißend von der Gründung des legendären „Moskauer Künstlerischen Theaters“ 1898 und ihrer Zusammenarbeit mit Anton Tschechow. Aber je mehr sie den elegant gekleideten Mann mit dem Kneifer zu fassen suchen, desto mehr entzieht er sich. Bleibt durchsichtig und ungreifbar wie eine seiner Figuren.

Der Grund liegt auf der Hand. Die Zusammenarbeit fand ausschließlich im Kontext des Theaters statt, aber über seine Stücke wollte Tschechow nicht sprechen. „Hören Sie, ich habe alles da reingeschrieben, was sie wissen müssen“, lautete seine Standartantwort. Lieber sprach er „mit den Schauspielern über Nebensächliches“. Er habe, wie sich Stanislawski erinnert, eine „große Liebe zu den Kleinigkeiten“ gehegt. Als ihm in der Inszenierung der „Drei Schwestern“ das Sturmläuten misslungen schien, schleppte er Töpfe und Büchsen auf die Bühne, um „den Schall selber richtig herzustellen“. Aber das blieb die Ausnahme. Meist hielt sich Tschechow im Hintergrund, murmelte nur hin und wieder: „Das ist eine hervorragende Sache – ihr Theater.“

Als Tschechow als Theater-Autor schlagartig berühmt wurde, mit der Inszenierung „der Möwe“ im Dezember 1898, war er ein anerkannter Erzähler, litt aber an Tuberkulose und hatte das Stücke- schreiben eigentlich frustriert wieder aufgegeben. Erstens hielt er sich nicht für einen Dramatiker und zweitens war die Uraufführung zwei Jahre zuvor am Kaiserlichen Theater in Petersburg ein Reinfall gewesen. Tschechow war damals entsetzt vom schablonenhaften Getue der Schauspieler („Sie spielen zu viel“), und weder Publikum noch Kritiker konnten seiner Art, einfache Leute in einem alltäglichen Milieu über einfache Dinge sprechen zu lassen, etwas abgewinnen. Tschechow wollte nie wieder ein Stück schreiben.

Dass er es doch tat, ist dem Drängen und dem Engagement von Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko zu verdanken. Denn der Autor war von der selbstgefälligen Theatertuerei der damaligen Bühnen so abgestoßen, dass er mit Stanislawski beschloss, ein neues Theater zu gründen und in einem 18-stündigen Gespräch auch gleich die neuen Prinzipien festlegte, von denen die meisten noch heute Gültigkeit haben. Ein Stück sollte als lebendiges Ganzes behandelt werden, es wurden Durchläufe beschlossen, außerdem war es verboten, nach Beginn der Vorstellung zu kommen. Und natürlich: keine exaltierte Gefühlsdarstellerei. Der Ernst und das Pure – das entsprach Tschechows Geist, der sich schließlich darauf einließ, „Die Möwe“ freizugeben, deren Premiere er, aus Krankheitsgründen auf Jalta, entgegen fieberte. Nemirowitsch-Dantschenko telegrafierte: „Kolossaler Erfolg ... Endloser Beifall ... Wir sind vor Glück wahnsinnig...“

Der Erfolg erschien Tschechow tatsächlich wie ein spätes Glück, das er genoss, dem er aber auch nicht über den Weg traute. Er zögerte erst, der Truppe „Onkel Wanja“ zu geben, schrieb dann aber, langsam und auf Bettelbriefe auch seiner Frau Olga Knipper hin, schließlich noch „Drei Schwestern“ und, bis wenige Monate vor seinen Tod 1904, den „Kirschgarten“. Tschechows Diskretion, seine Flüchtigkeit, auf die vor allem Stanislawski abzielt, hatte nicht nur mit seiner Schüchternheit und der Krankheit zu tun, die ihm lange Aufenthalte in Moskau verbot. Sie war auch Vorsichtsmaßnahme, Reaktion auf das Uraufführungstrauma „der Möwe“. Als die Premiere von „Drei Schwestern“ anstand, fuhr Tschechow innerhalb weniger Tage von Nizza nach Algier, dann nach Pisa, Florenz, Rom, nur, um das Telegramm nach der Premiere nicht entgegen- nehmen zu müssen. Seine Intuition hatte ihn nicht getäuscht. Die Reaktionen waren verhalten. Um dem Autor die Kränkung zu ersparen, brachen die Theatermacher zum ersten Mal eine ihrer goldenen Regeln. Sie logen und telegrafierten: „Großer Erfolg.“

Konstantin Stanislawski, Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko: Tschechow oder Die Geburt des modernen Theaters. Hrsg. und übersetzt von Dieter Hoffmeier. Alexander Verlag, Berlin Köln 2011. 357 S., 24,99 €.
Am Freitag, 25.11., liest Otto Sander im Bücherbogen am Savignyplatz aus dem Buch, 20 Uhr.

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