Türkische Autorin Aslı Erdoğan in Haft : Zur Terroristin gemacht

Nach der Verhaftung der bekannten türkischen Schriftstellerin Aslı Erdoğan: Zahlreiche internationale Journalisten und Schriftsteller protestieren und setzen sich für ihre Freilassung ein.

Hülya Gürler
Die preisgekrönte Schriftstellerin Aslı Erdoğan.
Die preisgekrönte Schriftstellerin Aslı Erdoğan.Foto: Imago

Die Liste der Unterzeichner ist beeindruckend. Menschen aus mehreren Ländern haben sich seit letzter Woche mit der türkischen Journalistin und Schriftstellerin Aslı Erdoğan solidarisiert, die in einem türkischen Gefängnis festgehalten wird. Die Initiative ging von den französischen Schriftstellern Patrick Deville und Olivier Rolin aus, die neben Erdoğans Freilassung „die totale Meinungsfreiheit der Schriftsteller überall in der Welt“ fordern. Unterschrieben haben den Aufruf unter anderem Javier Cercas, Charif Majdalani, Boualem Sansal, Jonathan Littell, Marie N’Diaye und Peter Schneider. Erdoğan, 48, hat einige Monate in Frankreich gelebt und gearbeitet, in Deutschland sind zwei Romane von ihr herausgekommen. 2010 wurde sie mit dem „Sait-Faik-Literaturpreis“ ausgezeichnet, dem wichtigsten Literaturpreis der Türkei.

Die von Frankreich ausgehende Protestaktion steht in einer Reihe mit mehreren anderen. Rund 28 480 Unterschriften kamen bei einer Kampagne auf der Protest-Plattform change.org zusammen. Einige Prominente aus dem Kunst- und Kulturbetrieb in der Türkei ließen sich mit einem Satz auf Türkisch abbilden: „Wenn Aslı Erdoğan drinnen ist, ist keiner von uns draußen."

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Die Schriftstellerin ist Mitglied im Beirat der türkisch-kurdischen Zeitung „Özgür Gündem“ und schrieb Kolumnen für das Blatt. Das reichte einem Istanbuler Gericht aus, um ihr „Volksverhetzung“ sowie „Propaganda für und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ vorzuwerfen. Am 16. August hat das Gericht das Zeitungshaus geschlossen, „vorübergehend“. Der „Özgür Gündem“ werfen die Beamten vor, Propaganda für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK zu betreiben. 24 Journalisten und Unterstützer der Zeitung haben die Behörden festgenommen, 22 wurden wieder freigelassen. Das sagte der Anwalt der Zeitung.

Erdoğan setzte sich für Frieden in den Kurdengebieten ein

Zwangsschließungen und Propagandavorwürfe sind nicht neu in der Geschichte der Zeitung. Die „Özgür Gündem“ berichtet seit Jahrzehnten über den Konflikt mit den Kurden. Neu ist, dass eine international bekannte türkische Schriftstellerin verhaftet wird, weil sie für die Zeitung gearbeitet hat. Am Mittwoch nahm die Polizei ein weiteres Mitglied im Beirat der „Özgür Gündem“ fest, die 70-jährige Necmiye Alpay.

Aslı Erdoğan sitzt seit dem 19. August in Untersuchungshaft. Menschenrechtler, Politiker, Gewerkschaftler und Kollegen von ihr halten vor dem Frauengefängnis im Istanbuler Stadtteil Bakirköy seit letzter Woche eine Mahnwache. Eine von ihnen ist Gaye Boralıoğlu. Die Istanbuler Autorin sieht nicht nur die Meinungsfreiheit in Gefahr: „Jeder in der Türkei weiß, dass sich Erdoğan für den Frieden in den Kurdengebieten einsetzt. Ihre Verhaftung ist ein klares Signal der Regierung an Friedensaktivisten: So kann es auch euch ergehen, wenn ihr euch für den Frieden mit den Kurden einsetzt.“ Ähnlich sieht es die Krimischreiberin Esmahan Aykol: „Mit Erdoğans Verhaftung will die Regierung offensichtlich die Kurden vom Rest der Gesellschaft isolieren.“ Das Kriegsgeschehen im Nahen Osten, das Vorrücken türkischer Truppen gegen die Kurden in Syrien, spiegele sich auch in der türkischen Gesellschaft wider.

Wallraff: "Ein besonders krasser Fall"

Anfang des Jahres hatten die „Akademiker für den Frieden“ die Regierung aufgefordert, die „Vernichtungs- und Vertreibungspolitik“ gegenüber Kurden im Südosten des Landes zu beenden. Über 1000 Professoren und Dozenten aus der ganzen Türkei unterzeichneten die Petition. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan erklärte die Wissenschaftler zu „Vaterlandsverrätern“ und verlangte deren Bestrafung. Es kam zu mehreren Festnahmen, Entlassungen gab es nur unter Auflagen.

Auch Günter Wallraff engagiert sich für Erdoğans Freilassung, zusammen mit dem Kölner Kulturforum Türkei-Deutschland. Ihre Verhaftung sei „kein Einzelfall, aber ein besonders krasser Fall“, sagt er. „Erdoğan wusste von Anfang an, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzt, wenn sie sich für Frieden und Versöhnung mit den Kurden engagiert“, sagte Wallraff dem Tagesspiegel. „Ich vermisse, dass deutsche Politiker klar Stellung beziehen und aktiv werden, wenn Schriftsteller und andere in der Türkei verfolgt werden.“

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