Türkische Metropole im Umbruch : Prinzip Planierraupe

In Istanbul wehren sich immer mehr Menschen gegen die rabiate Erneuerung ganzer Stadtviertel. Ein Traditionskino ist nun das Widerstandssymbol der Protestbewegung gegen die Abrisspolitik.

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Schönes neues Istanbul. Der Wirtschaftsboom hat die 15-Millionen-Metropole am Bosporus zu einer der angesagtesten Städte Europas gemacht. Entsprechend rasant wird gebaut.
Schönes neues Istanbul. Der Wirtschaftsboom hat die 15-Millionen-Metropole am Bosporus zu einer der angesagtesten Städte Europas...Foto: Kerem Uzel/Narphotos

Heruntergekommene Häuser mit leeren Fensterhöhlen, schmutzige Gassen, in die kaum ein Lichtstrahl fällt. „Ein Ort, der am Ende ist“, sagt eine sonore Männerstimme. Das Video der Istanbuler Stadtverwaltung zum Erneuerungsprojekt des Viertels Tarlabasi soll den Zuschauer das Fürchten lehren. In Tarlabasi leben viele arme Leute, Flüchtlinge, Kurden, Christen. Die Gegend hat einen schlechten Ruf, in türkischen Musikvideos dient sie gern als Kulisse für pittoreske Armut.

Nun soll aus dem verrufenen Viertel ein Multikulti-Stadtteil werden, mit Wohnhäusern, Cafés und Büros. Dafür müssen fast 300 Gebäude, Straßen und Gassen auf 20 000 Quadratmetern erneuert werden. „Hoffnung für die Zukunft“ spreche aus dem Projekt, sagt die Stadt. Kahlschlag und Vertreibung der angestammten Bevölkerung, fürchten andere. Eine berechtigte Angst, denn es wäre nicht das erste Mal in Istanbul. Der Widerstand gegen die Gentrifizierung am Bosporus wächst.

Der türkische Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre hat die 15-Millionen-Metropole zu einer der angesagtesten Städte Europas gemacht. Aushängeschild dieses Trends ist die Gegend um das Kneipenviertel Beyoglu, an das Tarlabasi angrenzt. Bürgermeister Kadir Topbas hat dort, im europäischen Teil Istanbuls, so viele Modernisierungsprojekte angestoßen, dass Beyoglu eine riesige Baustelle ist. Der zentrale Taksim-Platz ist seit Monaten gesperrt, weil Topbas den Autoverkehr in Tunnel versenken und auf dem Taksim eine Kaserne aus dem 18. Jahrhundert originalgetreu wieder aufbauen lassen will.

In Beyoglu, wo die Sitten schon immer etwas lockerer waren als im Rest des Landes, trifft sich die türkische Boheme mit reichen Aufsteigern. Nirgendwo ist Istanbul cooler. Und nirgendwo steigen die Mieten und Grundstückspreise so stark wie hier. Einkaufszentren, teure Restaurants und feine Kunstgalerien verdrängen mehr und mehr die angestammten Kleinhändler und Handwerker in den Gassen.

Das neue Tarlabasi soll seinen Bewohnern mehr Lebensqualität und mehr Sicherheit bringen? Da kann Esra Balci nur lachen. Wer in Tarlabasi sein Haus nicht für das Erneuerungsprojekt hergeben wolle, der werde enteignet, sagt die Architektin, die sich in der Bürgerinitiative SOS Istanbul engagiert. Viele der jetzigen Bewohner werden sich das Leben im neuen Tarlabasi nicht mehr leisten können, so deren Einschätzung. Und für ein Bürogebäude werden Quadratmeterpreise von 9000 Dollar genannt.

Der Istanbuler Stadtverwaltung gehe es weniger um die Erneuerung und Verschönerung der Metropole als ums schnelle Geld, lautet ein Hauptargument der Kritiker. „Abzocke und Plünderung“ seien die Ziele, sagt Eyüp Muhcu, Chef der türkischen Architektenkammer. Einige Bewohner von Tarlabasi stünden nach der Zwangsräumung ihrer Häuser auf der Straße, kritisiert auch Amnesty International. Wobei nicht nur in Tarlabasi Baumaßnahmen mit ruppigen Methoden durchgesetzt werden. Ein paar hundert Meter vom Abrissviertel entfernt ging die Polizei kürzlich mit Wasserwerfern und Tränengas gegen friedliche Demonstranten vor, die gegen die Zerstörung des 90 Jahre alten Emek-Kinos protestierten: Das Traditionskino soll einem neuen Einkaufszentrum zum Opfer fallen.

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