Türkischer Oscar-Kandidat "Sivas" : Von wegen Zwerg!

Als Kind schon erwachsen sein: Das versucht der Junge Aslan im eindrucksvollen Filmdebüt „Sivas“ des Berliner Regisseurs Kaan Müjdeci.

von
Der Stärkere gewinnt. Der elfjährige Aslan (Dogan Izci) will sich im Dorf Respekt verschaffen.
Der Stärkere gewinnt. Der elfjährige Aslan (Dogan Izci) will sich im Dorf Respekt verschaffen.Foto: Promo

„Was ist schlimm daran, ein Zwerg zu sein?“ Der Lehrer kann nicht verstehen, warum Aslan (Dogan Izci) mit seiner Rolle im Schultheaterstück unglücklich ist. Für den Elfjährigen jedoch, der in einem patriarchalisch geprägten Dorf in Zentralanatolien lebt, hängt viel davon ab: Ayse spielt das Schneewittchen und ausgerechnet Osman, der Sohn des Dorfvorstehers, hat die Rolle des Prinzen bekommen. Das nagt an Aslan. Gesehen werden, sich durchsetzen, Respekt bekommen – Aslans Welt ist keine Kinderwelt mehr. Er will ein Mann sein, muss ein Mann sein. Dabei hilft ihm ausgerechnet ein riesiger Hirtenhund.

Von schmerzhaften Entwicklungsschritten und ungewöhnlicher Kameradschaft erzählt „Sivas“, das mehrfach ausgezeichnete Spielfilmdebüt des in Ankara geborenen Berliners Kaan Müjdeci. Bereits 2014 gewann er den Spezialpreis der Jury beim Filmfest Venedig, derzeit ist der Film türkischer Anwärter für den Auslands-Oscar 2016.

Kind und Hund beißen sich durch

Die Kulisse von Aslans Leben: karg, einfach, der Blick fährt über baumlose Steppen und den immergrauen Himmel. Die Häuser: bloße Hütten, überall liegt Schrott und Schutt. Aslan bewegt sich in dieser Welt mit großer Ernsthaftigkeit, nie ist kindliche Albernheit oder Angst in seinem Gesicht, seine Augen funkeln wütend, wenn seine Mutter ihm noch immer beim Baden helfen will oder der erwachsene Bruder ihn in den Schwitzkasten nimmt. Als das alte Pferd der Familie in der Wildnis ausgesetzt werden soll, schickt der Bruder aber Aslan vor. Der Junge weiß: Kein Recht zählt mehr als das des Stärkeren. Jeden seiner Schritte begleitet die Handkamera von Armin Dierolf und Martin Solvang aus geradezu dokumentarischer Perspektive.

Aslans Wandel beginnt nach einem illegalen Hundekampf. Die halbe Nacht bleibt er bei dem schwer verletzten, zurückgelassenen Verlierer. Das massige Tier, Sivas, übersteht die Qualen, kommt zu Kräften und gehört nun Aslan. Hund und Kind bilden fortan eine kuriose Schicksalsgemeinschaft – Sivas beißt sich wortwörtlich durch und wird zum gefürchteten Kampfhund, sein Herrchen strotzt vor Selbstbewusstsein, pafft die erste Zigarette und genießt die Aufmerksamkeit der Dorfkinder und der Erwachsenen. Von wegen Zwerg!

Sehnsuchtsbilder aus "Lassie"

Doch irgendwie ist Aslan dann doch noch Kind. Mit einem alten View Master sieht er sich Szenenbildchen aus „Lassie“ an, kitschige Motive voller Freundschaft und Harmonie. Seinen größten Sieg erringt Aslan, als er sich über den Willen der Männer des Dorfs hinwegsetzt und selber bestimmt, dass Sivas nicht mehr kämpfen wird. Beide haben genug bewiesen, beide haben ihren Platz – doch wie lange?

Neukölln Arcaden, City Kino Wedding, fsk am Oranienplatz (alle OmU)

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben