Türkischer Schwesternfilm "Mustang" : Es waren einmal fünf Schwestern

Märchen mit Mädchen: Der türkische Debütfilm „Mustang“ ist für den Oscar nominiert. Die fünf Heldinnen sind unterdrückt und innerlich frei zugleich. In den Bildern steckt eine ungeheure Kraft und Poesie. Eine Lobeshymne.

Julia Dettke
Nichts soll sie trennen. Sonay, Selma, Ece, Nur und Lale halten gegen die Außenwelt zusammen. So lange es geht.
Nichts soll sie trennen. Sonay, Selma, Ece, Nur und Lale halten gegen die Außenwelt zusammen. So lange es geht.Foto: Weltkino

Unterdrückte Mädchen und autoritäre Patriarchen, Zwangsheirat und die Pflicht zur Jungfräulichkeit bis zur Ehe, Gehorsam und Keuschheit als oberste Erziehungsprinzipien – all das ist eng verbunden mit dem, was man über die Situation der Frauen in der Türkei zu wissen glaubt. So eng, dass ein Spielfilm darüber dem puren Klischee womöglich kaum entkommt. Wenn die fünf Mädchen in „Mustang“ nicht so unterdrückt und innerlich frei zugleich wären. Wenn da nicht diese Kraft und Poesie und Leichtigkeit in den Bildern wäre.

So zeigt das Debüt der französisch-türkischen Regisseurin Deniz Gamze Ergüven im Gegenteil, was Kino im besten Fall sein kann, in einem wunderbaren Fall wie diesem: Drama und Märchen in einem, Schwärmerei und Anstiftung zum Ungehorsam. Und wurde deshalb völlig zu Recht für einen Oscar nominiert.

Weinblätter nur mit Großmutter

„Mustang“ setzt sich nicht nur im Kopf fest, sondern sogar in der sinnlichen Erinnerung: Wie etwa künftig gefüllte Weinblätter essen, ohne dabei an die Großmutter zu denken, wie sie ihren fünf Enkelinnen die Zubereitung dieses Gerichts beibringt? Mit allen sitzt sie um einen runden Tisch und mahnt: „Nicht zu viel Reis, sonst werden sie weich – niemand mag sie weich!“ Niemand, das sind die künftigen Ehemänner, auf deren Zufriedenstellung die Schwestern im Alter von etwa zwölf bis 17 Jahren nun vorbereitet werden. „Unser Haus hatte sich in eine Ehefrauenfabrik verwandelt“, kommentiert Lale (Günes Sensoy), die jüngste von ihnen, lakonisch aus dem Off.

Lale erzählt die Geschichte aus ihrer Perspektive: die Geschichte vom plötzlichen Ende der Sorglosigkeit, vom Einbruch der Strenge in den jugendlichen Übermut von Sonay (Ilayda Akdogan), Selma (Tugba Sunguroglu), Ece (Elit Iscan), Nur (Doga Zeynep Doguslu) und Lale, die in einem Dorf an der Schwarzmeerküste seit dem Tod ihrer Eltern bei Großmutter und Onkel aufwachsen.

Nachdem die Schwestern kurz vor den Sommerferien beim Herumtollen mit Jungs im Meer gesehen wurden, erwartet sie zu Hause eine Standpauke: „Ihr habt euch an ihnen gerieben“, schreit die Großmutter. Während sie den Heranwachsenden dennoch vertraut, meint der Onkel, die Ehre der Familie mit allen Mitteln schützen zu müssen. Von nun an leben die Mädchen hinter verschlossenen Türen. Computer und Handys werden ihnen abgenommen – und als ein Arzt ihre Jungfräulichkeit bestätigt hat, geht die Suche nach geeigneten Ehemännern los.

Gefangen im Zuhause

Die Gefangenen reagieren mit Widerstand. Zunächst indem sie jede Möglichkeit nutzen, die Verbote zu umgehen: Die Fenster des Hauses verwandeln sich in Ein- und Ausgänge, neue keusche Kleider werden zerrissen, das Sinnlichkeitsverbot unterlaufen die Schwestern durch ausgelassene, körperbetonte Spiele, in denen sie sich mit ihrer entstehenden Weiblichkeit auseinandersetzen.

Lale, die Mutigste, verteidigt ihre Verspieltheit und Neugier und begehrt am unbedingtesten auf. Sie leiht sich die BHs ihrer Schwestern und stolziert damit durchs Haus, verfolgt statt der für Frauen vorgesehenen Seifenopern sämtliche Fußballspiele und findet auch gegen das Verbot des Onkels einen Weg ins Stadion. Selbst noch zu jung, um verheiratet zu werden, beobachtet sie, was mit ihren Schwestern geschieht – und trifft Fluchtvorbereitungen, um sie zu retten. Eine fantastische Heldin ist Lale, die schier unendliche Kräfte mobilisiert.

Ein realistisches Werk habe sie nicht drehen wollen, eher ein Märchen, erklärt die Regisseurin. Insofern ist es konsequent, dass die fünf Schwestern beinahe überirdisch schön sind und als elfengleiche Fabelwesen durchs Haus schweben. Dass die unglaublich langen Haare sie dramatisch umflattern und in der Sonne leuchten, die von draußen hereinbricht. Und zum Märchen wohl gehört auch, dass Lale und ihre Schwestern bei aller Disziplinierung innerlich lange völlig ungebrochen scheinen. Als seien sie, unberührt von der autoritären Umgebung, vollkommen freie Wesen.

Freiheit im Inneren

Und ist es nicht auch das, was uns an Filmen fasziniert – die freien, wilden Heldinnen und Helden, die uns vorführen, wie wir selber gerne wären, zumal in Lebensumständen, die so viel mehr zu fordern scheinen als unsere? „Mustang“ schürt die Sehnsucht nach dieser inneren Freiheit – und verführt zu der schönen Selbstbefragung: Wenn Lale das schafft – wozu wäre ich dann fähig?

In 14 Berliner Kinos

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