Türkischer Thriller „Abluka“ : Angst kriecht durch die Nacht

Perfektes Repressionssystem: Emin Alper inszeniert mit seinem vorausschauenden Thriller „Abluka“ ein verstörendes Porträt der Türkei.

Janis El-Bira
Kadir (Mehmet Özgür) wird auf seinen nächtlichen Streifzügen zum Opfer der staatlichen Paranoia.
Kadir (Mehmet Özgür) wird auf seinen nächtlichen Streifzügen zum Opfer der staatlichen Paranoia.Foto: Grandfilm

Gelegentlich gelingt es dem Kino noch, unserer enteilten Wirklichkeit einen Schritt voraus zu sein. Nur freuen kann man sich darüber in der Regel nicht. Die Realität überholt die Fiktion im Rückspiegel. Als der türkische Regisseur Emin Alper 2015 für „Abluka“ (Wahn) in Venedig preisgekrönt wurde, war noch nicht absehbar, dass sich sein Heimatland wenige Monate später auf dem direkten Weg in einen Polizei- und Überwachungsstaat befinden würde. Doch seit im Sommer 2016 nach dem gescheiterten Militärputsch Hubschrauber über Ankara kreisten, ist „Abluka – Jeder misstraut jedem“ keine grimmige Dystopie mehr, sondern bereits ein Film von gestern über das Morgen.

„Abluka“ ist ein kompromissloses Nachtschattengewächs. Oft erhellen nur die nie verglimmenden Zigaretten zwischen den Lippen seiner Figuren die Dunkelheit. Man kneift die Augen zusammen, wenn durch aufgerissene Vorhänge doch einmal ein Sonnenstrahl in die finsteren Wohnräume dieses Films fällt. Mit dem Licht kommt die Transparenz und mit ihr die Angst. Deshalb verrichtet Kadir (Mehmet Özgür) seine Arbeit auch am liebsten bei Nacht. Er ist er aus dem Gefängnis entlassen worden, doch seine Freiheit steht unter Auflagen. Für die Polizei soll er die Mülleimer eines Istanbuler Armenviertels durchkämmen: auf der Suche nach Material, das sich zum Bauen von Sprengsätzen eignen könnte. Denn der Terror regiert die Stadt. Über die Fernsehschirme flackern Bilder von Bombenanschlägen, am Horizont brennen Bürotürme.

Moderne Pervertierung einer tragischen Figur

Im Viertel trifft Kadir auf seinen Bruder Ahmet (Berkay Ates), einen Trinker und Außenseiter, den seine Frau mitsamt den Kindern verlassen hat. Auch Ahmets Job hat mit dem Aufspüren unliebsamer Subjekte zu tun. Tagtäglich erschießt er streunende Hunde. Als er einen von ihnen nur verwundet, nimmt er ihn mit und päppelt ihn heimlich auf. Einen Ausweg aus dem selbstgebauten Gefängnis kann das Tier ihm dennoch nicht weisen. Im Gegenteil. Ahmet mauert sich ein, weil ihn das, was von draußen kommt, kaum mehr ängstigt, als was in ihm rumort.

Damit ist die Achse vorgegeben, auf der sich dieser Film bemerkenswert schwindelfrei bewegt. Denn anders als in Alpers Debüt „Beyond the Hill“ figuriert der äußere Feind des Kontrollapparats hier auch als Sichtbarmachung innerer Zerrüttungen. Das System der gegenseitigen Denunziation findet erst in den Brüchen innerhalb der türkischen Gesellschaft und seiner entgleisten Biografien den geeigneten Nährboden. Daraus entwickelt Alper eine tragfähige Doppelbödigkeit.

Kadirs Schuldigwerden an seiner Mitwelt durch den Verrat ist zugleich strukturell begründet wie psychologisch motiviert. Als er vom wohlbegüterten Nachbarsehepaar eingeladen und versorgt wird, mischen sich in dem Mann, den Mehmet Özgür wie einen flügellahmen Riesenfalter umherschweifen lässt, Dankbarkeit, Scham und neidvolle Missgunst. Mit dem plötzlichen Verschwinden des Paares greifen in Kadir schließlich die staatlich eingepflanzten Instrumente der Selbstermächtigung: Die Freunde werden zu Verdächtigen, die er an der Spitze einer Verschwörung vermutet. Parallel dazu plagt Kadir die Aufkündigung alter Ordnungen. Seinen Bruder Ahmet ermahnt er, seine Frau wiederzufinden, da die Kinder nicht beim Stiefvater aufwachsen sollen. Die Polizei bittet er im Austausch gegen seine Dienste um Mithilfe bei der Suche nach einem weiteren, vor Jahren verschollenen Bruder, um die brüchige Familienbande wiederherzustellen.

Emin Alper entwirft seinen Antihelden als moderne Pervertierung einer tragischen Figur. Denn Kadirs Handlungsmöglichkeiten sind nur auf Zeit geborgt. Nutzt er sie nicht im Sinne der staatlichen Gewalt, führt sein Weg zurück ins Gefängnis. Das ist eine Albtraumlogik, für die „Abluka“ Bilder findet. Irgendwann wird die Trennung zwischen Wirklichkeit und Wahn immer unschärfer. Im Traum rettet Kadir die Nachbarsfrau, die er begehrt, vor der Polizei. Tatsächlich aber schwärzt er sie an, während dröhnende Panzerfahrzeuge die Fensterscheiben der Häuser springen lassen. Alpers sehenswerter Film zeigt darin ein Repressionssystem am Punkt seiner höchsten Perfektionierung: Dort, wo es selbst noch die Gespenster in den Köpfen seiner Bürger für sich arbeiten lässt.

In 4 Berliner Kino, alle OmU

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben