Kultur : Überall Kriegshetzer

Michael Lüders hat eine eigene Sicht auf den Iran: Das Land bedroht niemanden, es wird vielmehr bedroht.

Sylke Tempel

Es gibt gute Gründe, die gegen einen militärischen Einsatz zur Zerstörung des iranischen Nuklearpotenzials sprechen: Der Iran könnte als Vergeltung die für den globalen Handel wichtige Straße von Hormus sperren. Ein israelischer Militärschlag könnte Aufruhr im ohnehin schon instabilen Nahen Osten auslösen. Und eine militärische Option wäre nur dann erfolgreich, wenn sie schnell, gezielt (also mithilfe guter Geheimdienstinformationen), überraschend und möglichst ohne Verluste für Zivilisten und eigenes Personal durchgeführt wird. Das heißt: Es kann eine Menge schiefgehen.

Es gibt aber auch gute Gründe, die für den Einsatz militärischer Mittel als allerletzte Konsequenz sprechen. Der Iran legt sein Uran-Anreicherungsprogramm nicht zweifelsfrei offen, obgleich er als Unterzeichner des Nichtverbreitungsvertrags (NPT) dazu verpflichtet ist. Experten sind sich einig, dass er über genug angereichertes Uran verfügt, um eine Bombe bauen zu können. Besäße der Iran Atomwaffen, würde er seinen Hegemonialansprüchen in der Region ungezügelt nachgehen können. Er hätte den NPT in einer Weise verletzt, die eine Kontrolle über Weiterverbreitung militärischer Nukleartechnik in Zukunft hinfällig machte – womit Teheran eines der wichtigsten globalen Vertragsregimes faktisch zerstört hätte. Islamistische Terroristen könnten mithilfe des Iran in den Besitz schmutziger Bomben gelangen.

Wie mit einem Iran auf dem Weg zur Bombe zur verfahren ist, ist also eine der vertracktesten Fragen für die Staatengemeinschaft. Nur nicht für Michael Lüders. Ihm ist klar: Der Countdown zu einem weiteren „Krieg“ läuft und er begann mit dem Bericht der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA), die die Einhaltung des nuklearen Nichtverbreitungsvertrages kontrolliert. Sie stellte im November 2011 zum ersten Mal in aller Deutlichkeit fest, dass der Iran tatsächlich (über die ihm zugestandene friedliche Nutzung der Kernenergie) auf eine Atombombe hinarbeitet. Humbug, findet Lüders: „Einem Bericht der New York Times vom 6. November 2011 zufolge wurde der IAEA-Direktor Yukiyo Amano einige Tage vor der Präsentation des Iran-Reports ins Weiße Haus zitiert. Offenbar war man dort unzufrieden mit der ursprünglich eingereichten Fassung und sah Abstimmungsbedarf.“ Dass das Weiße Haus in einer solch wichtigen Frage vorab informiert sein will, davon darf man ausgehen. Dass die US-Regierung „unzufrieden“ gewesen wäre und womöglich den Bericht „abgestimmt“, also manipuliert habe, das beruht nicht auf Informationen der „New York Times“, sondern allein auf Lüders Fantasie.

Wie überhaupt viel Fantasie und wenig seriöse Recherche die Grundlage für dieses Buch sind: „Kriegshetzer“, wie Lüders jeden nennt, der sich auch nur Gedanken über eine militärische Intervention macht, bereiteten nach dem Irakkrieg einen weiteren völkerrechtlich zweifelhaften Krieg und einen Regimewechsel gegen den Iran vor. Nur verfügt derzeit kein westlicher Staat über das Potenzial oder den politischen Willen, ein Land wie den Iran zu besetzen und einen Regimewechsel militärisch herbeizuführen. Das „Kriegsgeschrei“, auch in der deutschen Öffentlichkeit, übertöne jede Stimme der Vernunft – zu denen Lüders natürlich vor allem sich selbst zählt. In welcher Umfrage jedoch sich eine Mehrheit der Deutschen je für einen Militärschlag oder gar einen Krieg gegen den Iran ausgesprochen hätte, das möchte gerne wissen. Vor allem die USA – und dort natürlich die schreckliche jüdische Lobby – und Israel betrieben reine „Kriegstreiberei“. Dabei zitiert er selbst zwei ehemalige und einen gegenwärtigen israelischen Geheimdienstchef, die sich dezidiert gegen einen Militärschlag aussprechen. Dass iranische Politiker wie der Präsident des Landes und auch Militärs Israel regelmäßig mit Vernichtung drohen – und nicht umgekehrt – wischt er mit einer recht charmanten Logik weg. Mahmud Ahmadinedschads „Rhetorik rechtfertigt nicht die Annahme, die iranische Führung spiele mit dem Gedanken einer nuklearen Zerstörung Israels. Wer das behauptet, betreibt seinerseits Demagogie“, schreibt Lüders. Das Ziel der Hardliner in Teheran sei „nicht die ‚Vernichtung‘ Israels, sondern ein neu zu schaffender Staat ‚Palästina‘ ohne jüdische Vorherrschaft über Araber und Muslime“. Seltsam nur, dass die „Hardliner in Teheran“ jeden Versuch einer Zweistaatenlösung torpedieren und keinen Zweifel daran lassen, dass ein Staat Palästina auch das Staatsgebiet Israels umfassen sollte.

So funktioniert das Prinzip Lüders. Alles wird so verdreht, dass es in sein Weltbild der bösen israelischen und amerikanischen Kriegshetzer und des armen, rein defensiven Iran passt. Das ist schnell durchschaut, rätselhaft bleibt nur, wie er sich den Ruf eines „Experten“ erworben haben mag: In seinem Literaturverzeichnis findet sich eher Zweit- und Drittklassiges oder „Selbstfindungsliteratur“ zur Identität Israels, die für die Iranfrage höchstens am Rande wichtig ist. Neuere Fachliteratur von Forschern renommierter Thinktanks wie Karim Sadjapour (Carnegie Endowment), Bruno Tertrais (Fondation pour la Recherche Stratégique) oder Oliver Thränert und Walter Posch von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, um nur wenige zu nennen, ist ihm entweder unbekannt oder er ließ sie mit Bedacht ungenutzt. Seine Unkenntnis der israelischen politischen Landschaft ist eklatant. Die durchaus kontroversen Ansichten zu einem Militärschlag im israelischen und amerikanischen Sicherheitsestablishment finden kaum Erwähnung oder werden als „Ausnahme“ abgetan, obgleich es dazu zahlreiche, öffentlich zugängliche Thesen- und Diskussionspapiere gibt. Das alles ist nicht einmal mehr Schlamperei. Das ist reine Propaganda. Sylke Tempel







– Michael Lüders:
Iran. Der falsche Krieg. Wie der Westen seine Zukunft verspielt. C.H. Beck, München 2012. 175 Seiten, 14,95 Euro.

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