Kultur : Überleben in der Lagune

Das Migrantenmärchen „Venezianische Freundschaft“.

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Stützen der Gesellschaft. Shun Li (Zhao Tao) und Bepi (Rade Šerbedžija).Foto: Verleih
Stützen der Gesellschaft. Shun Li (Zhao Tao) und Bepi (Rade Šerbedžija).Foto: Verleih

Knöchelhoch steht das Wasser in der Osteria Paradiso. Besorgt schaut Shun Li (Zhao Tao) hinter dem Tresen hervor und fragt: „Wann geht das zurück?“ – „In zwei bis drei Stunden“, lautet die Antwort der Stammgäste, die in Gummistiefeln durch den kleinen Laden stapfen. Shun Li kennt sich nicht aus mit Hochwasser, sie ist neu in Chioggia, einer kleinen Stadt in der Lagune von Venedig. Die chinesische Mafia hat sie ins Land geholt und als Näherin in Rom beschäftigt, um sie plötzlich zu versetzen. Li kämpft mit der Sprache und den zunächst nicht sonderlich freundlichen älteren Herren, die regelmäßig in der Osteria Café und Schnaps trinken.

Aber da ist auch noch Bepi (Rade Šerbedžija). Der alte Fischer und Gelegenheitsdichter kam vor 30 Jahren ebenfalls als Arbeitsmigrant nach Italien. Der Exjugoslawe hat ein Herz für Li, die ihren achtjährigen Sohn möglichst schnell aus China nachholen will. Die beiden freunden sich an, was sowohl in ihrem als auch in seinem Umfeld bald für Aufsehen, Ablehnung und Ärger sorgt.

„Venezianische Freundschaft“ ist das anrührende Spielfilmdebüt des Dokumentarregisseurs Andrea Segre, der – inspiriert von der Begegnung mit einer chinesischen Café-Angestellten in Chioggia – zusammen mit Marco Pettenello auch das Drehbuch schrieb. Segres Mutter stammt aus der Stadt, er selbst kennt die Gegend gut, die er in winterlichem Licht recht unprätentiös in Szene setzt. Nur an den beiden emotionalen Höhepunkten seines Dramas erlaubt er sich, die Lagune in stimmungsvollen von Klavier- und Akkordeonklängen begleiteten Panoramabildern zu zeigen. Sie tragen zum märchenhaften Touch eines Filmes bei, der auch durch die etwas naiv-harmlose Zeichnung der chinesischen Mafia bedingt ist.

Gewalt und Rassismus kommen in „Venezianische Freundschaft“, der im Original weit sinnvoller mit „Io sono Li“ betitelt ist, vor allem von italienischer Seite. Ein Anwalt verbreitet vorurteilsvolle Theorien über angebliche Heiratstaktiken von Chinesinnen, und zwei Nichtsnutze schlagen Bepi zusammen. Relativ realistische Reaktionen in einer Gegend, die als Hochburg der xenophoben Lega Nord gilt. Doch Andrea Segre hält mit seiner zarten Geschichte und den wunderbaren Hauptdarstellern nicht nur seinen Landsleuten einen Spiegel vor – die Fragen und Konflikte, die er nachzeichnet, sind in ähnlicher Form überall in Europa anzutreffen. Nadine Lange

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