Überwachung im c/o Berlin und im Fotomuseum : Alles sehen, alles wissen

Formen der Überwachung: In einer gemeinsamen Ausstellung von c/o Berlin und dem Fotomuseum reflektieren Künstler wie Ai Weiwei über das Beobachten und das Beobachtetsein.

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Tote Leitungen. Edu Bayer fotografierte 2011 nach Gaddafis Fall die Büros der staatlichen Überwachungsdienste in Tripolis.
Tote Leitungen. Edu Bayer fotografierte 2011 nach Gaddafis Fall die Büros der staatlichen Überwachungsdienste in Tripolis.Foto: Edu Bayer

Den Mitarbeitern von City Watch dürfte das künstlerische Projekt richtig Spaß gemacht haben. Da sollten sie eine hübsche junge Frau mit knallrotem Trenchcoat und geschlossenen Augen einen Monat lang per Knopf im Ohr durch die Straßen Liverpools geleiten. Geblieben sind von dieser ungewöhnlichen Performance nur die Aufnahmen des städtischen Überwachungsunternehmens. Zu künstlerischem Material mutiert, wird es nun metergroß bei c/o Berlin, der Fotogalerie im Amerikahaus, an die Wand geworfen, statt in irgendeinem Büro klein auf einem Monitor zu laufen.

Der intime Moment zwischen Beobachter und Beobachtetem ist aufgebrochen, die britische Künstlerin Jill Magid, die sich da an der unsichtbaren Leine durch die Straßen führen ließ, hat das Verhältnis ohnehin umgekehrt. Die ansonsten geltende Anonymität im Geschäft mit der Überwachung ist zum bekennenden Verhältnis zwischen den Partnern geworden. Mit regelrechten Liebesbriefen bat Magid anschließend City Watch um die Herausgabe des Filmmaterials. Der Betrachter fühlt sich hin- und hergerissen zwischen Besorgnis und Schmunzeln über eine absurde Lovestory, die humorvolle Offenlegung allgegenwärtiger Kontrolle im öffentlichen Raum. Die Grenze zwischen Big Brother als Freund oder Feind ist schmal, Magid balanciert darauf gekonnt.

„Watched!“, lautet dramatisch der Ausstellungstitel bei c/o Berlin. „Ertappt!“ könnte er auch heißen, denn zehn Künstler präsentieren hier, wie sie Überwachung – nicht zuletzt am eigenen Leib – erfahren, wie sich diese zumindest reflektieren lässt, wenn man sich ihrer schon nicht mehr erwehren kann.

Bombardement der Bilder als Schutz

Ai Weiwei gilt als bekanntester Fall. Er wurde 2012 aus der Haft entlassen, rund um sein Haus wurden von den Behörden Kameras installiert, um seine Aushäusigkeiten festzuhalten. Der Künstler setzte noch eins drauf, indem er weitere Kameras in seinem Schlafzimmer, Büro und Garten anbrachte und sich damit auf seiner Website präsentierte. Der Staat verstand die provozierende Geste durchaus und zwang Ai Weiwei, nach 26 Stunden wieder offline zu gehen. Eine Fototapete mit hunderten kleiner Bilder erinnert an das Selbstüberwachungsprojekt „Weiweicam“ von nur einem Tage. Der Staat wollte sich die Kontrolle über die Kontrolle nicht aus der Hand nehmen lassen.

Den gleichen Umkehrtrick wandte Hasan Elahi an, der 2002 nach 9/11 als Verdächtiger auf dem Detroiter Flughafen festgenommen worden war und trotz aller Unschuldsbeweise weiter auf dem Radar der Überwacher blieb. Als Konsequenz fotografierte er sich fortan selbst und baute sein Handy zum Trackinggerät um. Was er isst, welche Gebäude er betritt, selbst wo er auf Toiletten geht, wird seitdem festgehalten. Das Bombardement der Bilder soll ihn schützen.

Das Auge des Architekten. Kupferstich von Claude-Nicolas Ledoux (1804).
Das Auge des Architekten. Kupferstich von Claude-Nicolas Ledoux (1804).Foto: KuBi

Die zu überwältigenden farbigen Bannern zusammengestellten Miniaturmotive Elahis hängen sowohl bei c/o Berlin als auch im nahe gelegenen Fotomuseum, wo sich die Ausstellung unter dem Titel „Watching you, watching me“ fortsetzt. Während die Schau bei c/o zu großen Teilen von einer Übernahme der Hasselblad Foundation aus dem Kunstmuseum Arhus stammt, ist im Fotomuseum eine Wanderausstellung der „Open Society Foundations“ zu sehen, die ihren Sitz in New York hat. Das Thema Überwachung treibt Künstler auf der ganzen Welt um. Virulent ist es allerdings nicht erst seit Entwicklung der entsprechenden elektronischen Apparaturen, sondern sehr viel früher. Das Berliner Fotomuseum fügt als eigenen Baustein außerdem einen historischen Abriss hinzu, der das Phänomen bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgt.

Von 1546 stammt der anonyme Holzschnitt „Das Feld hat Augen“, welcher der dritten Ausstellung im Bunde auch den Titel gibt. Tatsächlich entsprießen auf dem Blatt dem Feld Augen und besitzen die Bäume Ohren. Ein am Feldrand laufender Mann mit übermäßig großen Hör- und Sehorganen könnte sowohl Spion als auch Verfolgter sein. Auch wenn sich heute der Sinn des Blattes nicht mehr vollständig entschlüsseln lässt, die Paranoia, stets Teil der Überwachung, ist deutlich herauszulesen.

Die zentralistischen Herrscher hatten alles im Blick

Mit gutem Grund, denn das System – beruhend auf dem göttlichen Blick – war damals sehr viel umfassender. Der Allmächtige konnte nicht nur durch das Dunkel der Nacht alles sehen, sondern auch noch Gedanken lesen. Bis heute bedienen sich Detekteien des himmlischen Auges als symbolischer Darstellung ihrer Dienste. Der immerwährende Wechsel vom religiösen zum säkularen Bereich reicht ins 17. Jahrhundert zurück. Damals hatte der absolutistische Herrscher von seinem zentralistischen Sitz aus alles im Blick: ob nun der König selbst in den Gärten von Versailles, der Fabrikdirektor in einer von Ledoux entworfenen Saline oder der Gefängnisdirektor am Kreuzungspunkt der Trakte.

Die kleine, feine Historienschau von Michalis Valaouris in vier Kapiteln mit 75 Stücken ist der interessanteste Teil in diesen Ausstellungen, wartet sie doch nicht mit dem erwartbaren Erregungspotenzial über Google Street View, Stasi und Snowdon auf. Aktuell agieren viele Künstler eher wie Journalisten, wenn sie vorgefundenes Material einfach nur an die Wand pinnen, wie es etwa Simon Menner mit Polaroids von der Stasi macht, die bei heimlichen Hausdurchsuchungen entstanden, damit die Spitzel hinterher alles wieder akkurat zurückräumen konnten. Oder Edu Bayer, der für das „Wall Street Journal“ im August 2011 die verlassenen Räume von Gaddafis Überwachungszentrale in Tripolis fotografieren sollte. Die hastig verlassenen Büros mit ihren altmodischen Telefonen, den abgewetzten Möbel und unvernichtet gebliebenen Akten sind gute Reportagebilder, mehr nicht.

Drama und tragikomische Aspekte

Trotzdem ist das Zusammenspiel von c/o Berlin und Fotomuseum gelungen. Erstmals präsentieren die beiden Institutionen zusammen eine Schau, nachdem es schon länger gemeinsame Tickets gibt. Das Ausstellungsprojekt zeigt nicht nur das Drama einer von Überwachung geprägten Lebenswelt, sondern auch tragikomische Aspekte wie jene monströsen Horchtrichter, mit denen seit den 30ern die Ankunft von Flugzeugen Minuten im voraus gehört werden konnte – im Krieg überlebenswichtig.

In Ann-Sofi Sidéns Beitrag wiederum schwingt Poesie mit. Sie zeigt das Ergebnis hauseigener Überwachung in einem irischen Pub auf mehreren von Biergläsern getragenen Bildschirmen: ein bitterer Abgesang auf die Heimeligkeit der Kneipe nebenan, in die das große Misstrauen bereits hineingekrochen ist.

c/o Berlin, Hardenbergstr. 22–24, bis 23. 4.; Fotomuseum, Jebensstr. 2, bis 2. 7.

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