• Ulrich Khuon schreibt an Senator Mario Czaja: "Können Sie nicht oder wollen Sie nicht?"

Ulrich Khuon schreibt an Senator Mario Czaja : "Können Sie nicht oder wollen Sie nicht?"

Die Lage der Flüchtlinge am Lageso wird immer unerträglicher. Wir dokumentieren einen offen Brief von Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters Berlin, an Senator Mario Czaja.

Ulrich Khuon
Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters Berlin. Foto: Mike Wolff, Tsp
Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters Berlin.Foto: Mike Wolff, Tsp

Theater in Deutschland ist traditionell ein politischer Raum. Das zeigt auch der Fall Alvis Hermanis. Der aus Lettland stammende, auf großen europäischen Bühnen erfolgreiche Regisseur hat eine Inszenierung am Hamburger Thalia Theater abgesagt, weil das Haus sich für Flüchtlinge einsetzt. In Berlin hilft das Deutsche Theater geflüchteten Menschen unmittelbar und praktisch. Intendant Ulrich Khuon hat – im Namen vieler Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen seines Hauses – Mario Czaja, dem Berliner Senator für Gesundheit und Soziales, einen offenen Brief geschrieben. Er wirft dem CDU-Politiker vor, nicht genug zur Verbesserung der Lage der Flüchtlinge in Berlin tun zu wollen, und fordert schnelles Umsteuern. Wir dokumentieren den Brief leicht gekürzt.

„Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Deutschen Theaters Berlin beherbergen seit September jede Nacht obdachlose Flüchtlinge (mittlerweile waren es an die 300) und aus dieser Perspektive möchte ich mich an Sie wenden. Der Rücktritt von Franz Allert (bis vor Kurzem Leiter des Lageso, die Red.) hat die folgenden Beobachtungen und Forderungen nicht überflüssig gemacht.

Im Gegenteil: Diese gravierenden Probleme müssten Sie nun mehr als bisher zu Ihrer Sache machen. Kürzlich sagten Sie: „Wir tun alles, um Obdachlosigkeit zu vermeiden und Flüchtlinge anständig unterzubringen und zu verpflegen – und nicht das Gegenteil.“ Unsere Wahrnehmung und Erfahrung widerspricht dem. Auch mit Öffnung der neuen Registrierungsstelle in der Bundesallee haben sich die Abläufe nicht verbessert.

Mario Czaja, (CDU), Berlins Senator für Gesundheit und Soziales. Foto: Mike Wolff, Tsp
Mario Czaja, (CDU), Berlins Senator für Gesundheit und Soziales.Foto: Mike Wolff, Tsp

Wir bekommen keine verbindlichen Informationen, wie und wo die Menschen registriert und untergebracht werden, auf wen wir sie am Morgen nach ihrer Notübernachtung bei uns verweisen, wo wir sie hinbringen können, wie es für sie weitergeht. Es gibt ein völlig undurchschaubares System von alten Wartenummern und neuen täglich wechselnden farbigen Armbändchen. Menschen sind obdachlos und müssen bei jedem Wetter draußen vor dem Lageso campieren, weil offizielle Stellen sich nicht um sie kümmern. Es gibt keine funktionierende medizinische und sanitäre Versorgung für die Ankommenden. Das Security-Personal vor Ort ist völlig überfordert.

Flüchtlinge warten viele Stunden täglich und viele Tage, bis überhaupt irgendetwas passiert. Es gibt keine Information, keine Kommunikation, keinen Leitfaden, was wann wie wo passieren wird. Niemand weiß, ob und wann er wohin „abgeholt“ wird. Zu absolvierende Termine sind teilweise auf viele verschiedene Institutionen quer über die Stadt verteilt, es gibt keine Wegbeschreibungen, schon gar nicht in den benötigten Sprachen.

Hotelgutscheine laufen aus oder werden nicht akzeptiert

Leute werden untergebracht und sind kurz darauf wieder obdachlos. Hotelgutscheine laufen aus oder werden nicht akzeptiert. Es fehlen Dolmetscher und Betreuer. In den Unterkünften herrschen teils unwürdige Zustände, Mitarbeiter sind alleingelassen, wissen nicht, woher sie Unterstützung, Essen und medizinische Hilfe bekommen.

Ich fordere Sie dringend auf: Öffnen Sie die beheizten Zelte am Lageso nachts für Ankommende und installieren Sie ein zügiges, transparentes Registrierungsverfahren, das Sie allumfassend kommunizieren – an Flüchtlinge, an die unzähligen freiwilligen Helfer und die eigenen Behördenmitarbeiter. Organisieren Sie ausreichend Essen, Sanitäranlagen und medizinische Versorgung für das Lageso-Gelände und alle Unterkünfte. Arbeiten Sie aktiv zusammen mit den Freiwilligen – sie sind es, die großteils die Aufgaben von Politik und Verwaltung übernehmen!

Behandeln Sie die Situation gemäß eines Ausnahmezustandes: unbürokratisch, zügig, prioritär und beherzt. Bezahlen Sie offene Hostelrechnungen. Stellen Sie mehr – gutwillige – Leute in Ihrer Behörde, in den Unterkünften ein.

Es ist nicht nachvollziehbar, warum in der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland auch noch nach Monaten derart katastrophale und dramatische Bedingungen herrschen. Ich fürchte, dass an Schlüsselpositionen positive Haltung bewusst oder unbewusst unterlaufen wird. Nach Monaten der Konfrontation mit Ereignissen und Situationen, die anfangs sicher neu und überwältigend waren, sollte ein reiches, stabiles und gut strukturiertes Land wie Deutschland sich darauf eingestellt haben. Unser Land ist weltweit bekannt für Organisationsfähigkeit. Wir sollten dies – zumal als Hauptstadt – jetzt in dieser Situation unter Beweis stellen.

Ein derartiges Chaos spricht nicht für „Nicht können“ sondern für „Nicht wollen“. Es sollte möglich sein, mit engagierten Mitarbeitern und neu dazugewonnenen das Gegenteil zu beweisen.“

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