Kultur : Und täglich grüßt das Sandmännchen

Der Puppenstuben-Herd „Brutzel“ konnte wirklich braten: Eine Ausstellung zeigt Spielzeug aus der DDR

Kerstin Decker

Die Cowboys waren, wo sie hingehörten: im Fort. Die Indianer standen davor. Ihre Pfeile zielten auf das Fort, denn für die Gefahr in ihrem Rücken waren sie jedesmal blind. Im indianischen Hinterland, direkt neben den Beinen des Wohnzimmertischs, parkte der Raketenwerfer. Er kann nicht aus dem Westen gewesen sein wie die Indianer, denn Spielzeug bekam der Junge von seinen Verwandten fast nie. Die Indianer waren die Ausnahme. Der Plaste-Raketenwerfer mit Fernsteuerung war also aus der DDR, genau wie das Wild-West-Fort. Der Junge hatte auch ein großes Gewehr, dass ihm sein Vater extra aus Moskau mitbringen musste, weil es so große in der DDR nicht gab. Aber zur Niederschlagung eines Indianderaufstands war es nicht zu gebrauchen. Und die Gummi-Indianer waren so aufreizend in ihrer Bewegungslosigkeit. Stehen oder fallen, mehr konnten sie nicht. Der Raketenwerfer hingegen schob Geschosse einer nicht unbeträchtlichen Größe auf die Startrampe und feuerte sie mit einer Feder ab. Nach Art aller militärischen Flugkörper hatten diese Raketen die Angewohnheit, irgendwo einzuschlagen statt sanft zu landen. Sie machten dann unschöne Schrammen an die Tischbeine, die man mit Filzstift übermalen konnte.

In der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg gibt es jetzt die Ausstellung „Spielzeug in der DDR“. Weder der Raketenwerfer noch das Ost-Wild-West-Fort sind da. Nach Art von Menschen, die alle wichtigen Schlachten geschlagen haben, ist der frühere Eigentümer des fernlenkbaren Raketenwerfers heute ein bemerkenswert friedfertiger Mensch, aber trotzdem ein bisschen enttäuscht. Auch die einstigen Besitzer der Metallbaukästen „Construction 110“ sowie des revolutionären Nachfolgemodells „Construction 111“ müssen wieder nach Hause gehen ohne den blau-gelben Karton mit den Blechen, Schrauben, Muttern, Rädern ihrer Kindheit wiedergefunden zu haben. Dafür gibt es nie gesehene Modellkästen zum Nachbau der Stalinallee oder Plastiksets „Für den jungen Großblockbaumeister“. Auf dem Gesicht des Ausstellungsmachers Hein Köster erscheint der selbstbewusste Ausdruck aller Weglasser: Was hier fehlt, macht uns reicher!

Wahrscheinlich hat er recht. Seit wann gehen wir ins Museum, um etwas zu finden, das wir auch zu Hause haben – oder sagen wir: zu Hause hatten? Zum Veranstalter einer Retro-Show ist der einstige Mitarbeiter des Amtes für industrielle Formgestaltung der DDR vollkommen ungeeignet. Aber warum hat er dann so viele Sandmännchen in eine große Vitrine gestellt? Wahrscheinlich ist das Sandmännchen das einzige Spielzeug, das von der DDR bleiben wird. Obwohl es der Outcast unter unseren Teddies und Puppen war. Es gehörte doch eher ins Fernsehen. Überhaupt stimmt in der Vitrine etwas nicht. Das sind ja nur Beinahe-Sandmännchen. Lauter Sandmännchen-Hybriden. Und eines mit vollkommen falscher Nase. Köster nickt. Die DDR war einfach nicht in der Lage, vollkommen identische Sandmännchen herzustellen. Oder sie hatte keine Lust dazu. Köster scheint nicht zu wissen, ob er sie dafür nun bewundern oder tadeln soll.

Was ist Spielzeug? Kein Kind würde darauf kommen. Spielzeug in Massengesellschaften ist vor allem ein Anwendungsfall industrieller Formgestaltung. Und industrielle Formgestaltung wiederum ist die Einpflanzung einer Utopie in das utopiefeindliche Prinzip der Massenproduktion. Wenn alles gut geht. Und Kösters Ausstellung ist die Nagelprobe darauf, was gut ging und was nicht in der DDR. Es gibt viel mehr Holzautos, Holzkrane, Holzfeuerwehren, Holzzüge und Holzgrubenfahrzeuge zu sehen als mobile Konkurrenten aus Metall. Vielleicht, weil die DDR im wirklichen Leben für ihre Autos auch fast nie Metall nahm? Aber das konnte noch keiner wissen, als Klein- und Kleinstbetriebe nach dem Krieg wieder Spielzeug bauten. Natürlich aus Holz, sagt Köster, denn die Metallwarenfabriken und Hersteller mechanischen Spielzeugs saßen traditionell in Süd- und Westdeutschland.

Ein kompletter Fuhrpark des Wiederaufbaus steht in der Kulturbrauerei. Der Geist der Zeit formulierte, dass Kinder „spielend die Gemeinschaftsarbeit aller Beteiligten als Voraussetzung für die große Leistung“ erlernen sollten. „Und das funktioniert alles!“, wiederholt Köster vor den Automobilen aus Abfall-Schichtholz mit einer Begeisterung, die nichtformgestalterischen Ursprungs sein muss. Hein, über sechzig Jahre alt, ist wie alle DDR-Formgestalter eigentlich ein Ironiker. Das war die beste Alternative zum Wahnsinn. Aber auch der Puppenstuben-Herd „Brutzel“ nötigt ihn zu einem Ausdruck tiefer Andacht. Auf diesem Herd konnte man noch richtige Spiegeleier braten. Und ist das nicht das Mindeste, was ein Kind von einem Herd verlangen darf?

1956 feierte die DDR die erste „Plastik-Puppe“. Ein paar besonders beredte Exemplare der Entseelung der Puppe durch ihre normierte Plastifizierung hat Köster kommentarlos in die Vitrinen gestellt. Gleich daneben die handgefertigte Fünfzigerjahre-Puppe „Kuck in die Welt“, Typus selbstbewusstes Schulkind mit fernen Käthe-Kruse-Zügen. Ein Schrankkoffer mit allem, was eine Weltreisende so braucht, gehörte zur Grundausstattung. Ein Zeitenbruch in einem einzigen Schaukasten. Die DDR hat auch immer sehr viele „Neger-Puppen“ produziert. Vielleicht wegen des proletarischen Internationalismus. „Negerpuppe“: Das Wort klingt fremd heute, aber gibt es ein anderes? Gleich neben den industriellen Puppen-Irrtümern findet sich die Verfallsgeschichte der DDR-Puppenstuben. Hein Köster trägt nun wieder den Gesichtsausdruck des Berufsironikers. Am Ende ist hier nichts mehr zu benutzen. Und wer eine Plaste-Schranktür öffnet, kann froh sein, wenn sie nicht gleich herausfällt. Eine Billig-Espressomaschine aus bunter Plaste, zu nichts zu gebrauchen, schon gar nicht zum Kaffeekochen, kommt uns seltsam bekannt vor. Diese Art von Spielzeug stammt heute meist aus Asien. Und es ist klar, was die DDR am Ende auch als Spielzeug-Produzent war: ein Billighersteller, stolz darauf, Spielzeug „in den schönsten Farben wie auch in den beliebigsten Formen“ produzieren zu können. Ein Hauptabnehmer des großen Spielzeugexporteurs DDR war neben der Sowjetunion die Bundesrepublik.

Köster stellt auch das Nie-Produzierte aus, abgelehnte Entwürfe der Kunsthochschulen. Und natürlich die handwerkliche, „hochschulnahe“ Nischen-Produktion. Dazu gehört auch das „therapeutische Spielzeug“, massive Sitztiere für Kinder mit Hüftgelenkschäden, schon in den Fünfzigerjahren entworfen von der Thüringer Gestalterin Helene Haeusler. Ihre späteren Puppen für schwerstkranke Kinder gehören zu den beeindruckendsten Gegenständen der Ausstellung – wie auch ein Flugzeug-Modell und ein früher Pseudo-Transrapid. Das Verkehrsflugzeug, die „152“, gab es wirklich. Den „Transrapid“ sollte es geben. Die richtige „152“ ist bei Dresden abgestürzt. Bald darauf verschwanden auch ihre Spielzeugmodelle. Als Spielzeug überlebt so auch ein Stück Beinahe-Industriegeschichte der DDR.

„Spielzeug in der DDR“, Sammlung industrielle Gestaltung in der Kulturbrauerei, Knaakstraße 97 (Prenzlauer Berg), bis 28. März, Mi–So 13–20 Uhr.

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