Kultur : Unermüdlich

Zum 75. Geburtstag des Regisseurs Harry Kupfer

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Foto: ddp
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Es ist noch gar nicht so lange her, da war Harry Kupfer der König der hauptstädtischen Opernszene: 2002, als er nach 21 Jahren seinen Posten als Chefregisseur der Komischen Oper aufgab, war nicht allein die Bühne in der Behrenstraße vollständig von seinen Inszenierungen dominiert, parallel dazu hatte auch die Staatsoper Unter den Linden zehn Kupfer-Produktionen im Repertoire, nämlich alle wichtigen Werke Richard Wagners, die er hier auf Wunsch von Daniel Barenboim realisiert hatte. Darum wurde das Ende der Ära Kupfer von vielen Opernfans durchaus mit Erleichterung aufgenommen. Man war seiner Auffassung vom „realistischen Musiktheater“ in der Nachfolge Walter Felsensteins einfach überdrüssig geworden, hatte sich an seinen Stückdeutungen sattgesehen, an Bösewichten mit Trenchcoat und Aktentasche, leidenden Sopranistinnen im Nachthemd und von der Obrigkeit geknechteten Volksmassen.

In der Saison 2010/ 11 werden weder an der Komischen Oper noch an der Staatsoper Arbeiten von Harry Kupfer zu sehen sein. Nach nur neun Jahren ist das Erbe des Regisseurs fast vollkommen aus dem Berliner Theaterfundus getilgt. Lediglich mit seinem „Tristan“ hatte Kupfer Glück im Unglück, denn der wurde auf Wunsch Barenboims exhumiert, nachdem sich die Nachfolger- Produktion als Flop erwiesen hatte.

Je mehr vertraute Kupfer-Produktionen allerdings durch Neuinszenierungen ersetzt wurden, desto größer wurde gleichzeitig – rückblickend – der Respekt vor seiner handwerklichen Meisterschaft: Wie virtuos Harry Kupfer die Darsteller zu bewegen weiß, wie erfindungsreich er den Chor in eine Gruppe von Individuen auflöst, wie souverän er librettobedingten Leerlauf mit szenischem Arrangement auffüllt! Aus der jungen Regisseursgeneration beherrscht fast keiner das Metier so wie er.

Auf der klassischen Ochsentour durch die Provinz hat sich der 1935 in Berlin Geborene seinen unverwechselbaren Stil erarbeitet: 1958 debütiert er in Halle an der Saale, ackert sich über Stralsund, Karl-Marx-Stadt und Weimar an die Spitze der DDR-Bühnen hoch, wird 1972 Operndirektor in Dresden, erreicht 1981 die Hauptstadt, inszeniert aber auch viel im Westen. Als Chefregisseur der Komischen Oper bietet er mutig optische Lösungen an, die vom Publikum begierig als Kritik am Staatsapparat gelesen werden. Nach der Wende allerdings fehlt ihm der Widerpart, wirkt seine Lesart der Werke immer öfter routiniert, wohlfeil.

Harry Kupfer, der die stickige Luft der Probebühnen offensichtlich zum Leben braucht, blieb auch nach seinem Abschied von Berlin unvermindert aktiv, hat mittlerweile an die 150 Inszenierungen realisiert. Zuletzt widmete er sich in Frankfurt/Main Berlioz’ „Damnation de Faust“, 2011 wird ihm Zürich den „Tannhäuser“ anvertrauen, Hamburg hat ihn für Mussorgskis „Chowanschtschina“ verpflichtet. Vielleicht ist ja auch Berlin bald reif für eine Wiederbegegnung mit dem einstigen König der hauptstädtischen Opernszene. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch zum heutigen 75. Geburtstag! Frederik Hanssen

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