Kultur : Ungnade der späten Geburt

Mari Cantus „Rosenhügel“ erinnert an den Ungarn-Aufstand von 1956

Hans-Jörg Rother

Seit einem Vierteljahrhundert lebt Mari Cantu in Berlin, aber der Kindheit in Budapest sinnt sie noch immer nach. Ihr Vater, den sie in ihrem ersten abendfüllenden Spielfilm Gábor Pálfi nennt, gehörte bis 1956 zur ungarischen Parteiführung. Was hätte seine Tochter erlebt, wenn sie nicht erst 1958 geboren worden wäre, sondern zwölf Jahre früher? Aus solchen Überlegungen mag die Figur der Panka entstanden sein, die in „Rosenhügel“ gemeinsam mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Mischka mit aufgerissenen Augen verfolgt, was sich vor, während und nach dem Volksaufstand vom Oktober 1956 im Haus zuträgt.

Ob diese Perspektive dem Film hilft, jene Zeit näher zu bringen, bleibt fraglich. Die Kinder bekommen in Budapests Prominentenviertel von den Ereignissen nicht viel mit. Sie toben im Garten umher, stöbern nach Geheimnissen wie einem Brief aus Israel, den sie entwenden, sehen erschrocken zu, wie ein russischer Panzer vor dem Haus auffährt, klettern durch ein Loch im Zaun zum Spielgefährten, deren Mutter plötzlich Schwarz trägt. Und am Tor steht ein Wachsoldat, man grüßt sich mit „Freiheit“ statt mit „Guten Tag“. Und Tante Roza, die proletarische Haushälterin, bestellt telefonisch im Laden der Nomenklatura die dem Volk unbekannten Luxusgüter.

Doch Mari Cantu will nicht wirklich über die Grunstücksmauer blicken, sondern dem Vater – Péter Andorai gibt ihn als unwirschen Grübler – ein Denkmal setzen. Zu Beginn ist er ein Gefolgsmann des stalintreuen Parteichefs Rákosi, der sich nicht scheut, dem Genossen zur Geburtstagsfeier ein erlegtes Wildschwein zu schicken, was jedermann als höhnische Anspielung auf die jüdische Abstammung des Jubilars versteht. Dann kommt es anders. Das Radio meldet Straßenkämpfe in der Stadt, aufgeregte Freunde wollen nach Moskau fliehen, Gábor aber bleibt, erst in seinem Büro, dann im verschlossenen Zimmer, aus dem laute Wagner-Musik dröhnt.

Auf einem Tonband hören die Kinder einen Teil seiner Lebensbeichte: Im Widerstand gegen Hitlers Verbündeten Horthy hat Gábor einst seine große Liebe der Polizei überlassen. Hätte er sich gestellt, wäre sie – vielleicht – freigekommen. War sein Leben wichtiger? Im richtigen dramaturgischen Moment rücken die Kinder endlich den Brief aus Israel heraus, der vom Tod der Geliebten in Auschwitz berichtet und den Vater von Schuld freispricht.

Die Konstruktion des Films erinnert an Bergmans „Fanny und Alexander“, doch die dffb-Absolventin Mari Cantu füllt sie nicht genug aus. Lieber zitiert sie jene dramatische, im heutigen Ungarn gern verklärte Zeit, ohne sich mitten hinein zu begeben. Die naiv gezeichnete Kinderwelt ist ein allzu blasser Spiegel für den Abschied vom Parteizwang und die Rückkehr zur Menschlichkeit. So bleibt „Rosenhügel“ ein glückloser Zwitter aus einem ungarischen und einem deutschen Spielfilm: ein Kunstversuch.

In Berlin im Blow Up (englisch untertitelte Originalfassung)

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