Kultur : Unser schöner Tingeltangel

Lust und Kunst des New Burlesque: „Tournée“ – von und mit Mathieu Amalric

von
Backstage. Joachim Zand (Mathieu Amalric) und Julie Atlas Muz. Foto: farbfilm-verleih
Backstage. Joachim Zand (Mathieu Amalric) und Julie Atlas Muz. Foto: farbfilm-verleih

Irgendwie ist New Burlesque, diese Wiederbelebung einer Variété-Variante aus den zwanziger Jahren, schon wieder ziemlich durch. Die Rückkehr zum Striptease mit Federboa und Fummel, zur lustvoll-ironisch inszenierten Pose abseits der spillerigen Schönheitsnormen: Eine Zeit lang genossen abgebrühte Nachtschwärmer diese aus Amerika importierte Mode als Zitat aus der besseren, alten Zeit. Dralle Erotik plus Entertainment plus Humor, und das alles zusammen auf einer Bühne? Nicht uninteressant, aber jetzt der nächste Kitzel bitte.

Ganz besonders durch schien das Phänomen zudem, als Anfang dieses Jahres „Burlesque“ ins Kino kam, das Star-Vehikel für Christina Aguilera und Cher – die eine als Gesangs-Newcomerin, die andere als Mutter der „Burlesque Lounge“Kompagnie. Aber um verruchte StripNummern mit Wummerwimpern und Nippelnippes rubensrunder Schönheiten ging es in diesem geheimnislos inszenierten Musical kaum. Sondern einmal mehr um den Aufstieg eines Provinzkükens aus dem Nichts zum Ruhm. Die Endstation solcher Hollywood-Produkte heißt im Zweifel Las Vegas, aber jetzt und bitte sofort die nächste Nummer.

Hereinspaziert also zu „Tournée“, Matthieu Amalrics etwas anderem New-Burlesque-Film! So eisern wie Chers und Aguileras „Burlesque“ unter dem Vorwand, vom Leben backstage zu erzählen, bloß Show war, so beiläufig zieht Mathieu Amalric den Zuschauer in den Lotter-Alltag seiner Tingeltangeltruppe hinein – und lässt dabei die Show keineswegs aus. Nur dass die Kamera die Tänzerinnen Mimi Le Meaux, Kitten on the Keys, Dirty Martini, Julie Atlas Muz und Evie Lovelle, die auch im richtigen Leben Burlesque-Tänzerinnen sind, bei ihren Auftritten meist von der Seite oder aus dem hinteren Bühnenraum wahrnimmt – als gingen sie nur mal eben aus gemeinsamer, herzhafter Wärme dienstlich ins Scheinwerferlicht.

„Tournée“ ist die filmische Skizze einer Reise durch französische Atlantikküstenstädte nach Süden, von Le Havre über Nantes nach La Rochelle, und  diese Reise geht von einer Hoffnung über massive Enttäuschungen in einen zauberhaften Schwebezustand über. Joachim Zand heißt der Impresario, den Amalric selbst als hochnervösen Schnurrbart-Typen spielt; der ehemals erfolgreiche Pariser TV-Produzent will nach einer Auszeit in den USA, wo er sein „Cabaret New Burlesque“ aufgebaut hat, Frankreich neu erobern. Natürlich ist auch hier die Provinz nur der Anlauf und Paris das Ziel. Nur was, wenn diesem typisch hollywoodesken Comeback-Plot dies und das und ein Drittes dazwischen kommt und alles am Ende anders, als alle denken?

Stellenweise nahezu dokumentarisch wirkt dieses Tour-Tagebuch, als Road- und Railmovie zwischen drögen HotelLounges, schäbigen Disko-Schuppen in Hafennähe und Vorstadttheater-Bonbonnieren, in denen die üppigen US-Mädels die Attraktion der Woche sind. Unter seinem Glitterlametta aber, das als dramaturgische Oberfläche stets erkennbar bleibt, erkundet der Film behutsam die Spannung zwischen Rolle und Identität. Die Tänzerinnen agieren absolut natürlich; ihre Bühnenrollen streifen sie über wie ein Kostüm, dessen man sich so lustig wie lustkunstvoll entledigt. Zand dagegen muss aus der Rolle des Managers, mit der er verwachsen scheint, erst in einem schmerzhaften Prozess herausfinden. Denn der Siegertyp ist, wie sich bei seinen krachend misslingenden Begegnungen in Paris herausstellt, beruflich und familiär ein armes Würstchen.

Wie aus Verlusten eine neue Würde erwächst, eine Wärme gar: Das ist das Leitmotiv dieses am Lauten nicht sparenden Films, der sich wie ein hochsensibles Lebewesen immer tiefer in seine genuine Melancholie einspinnt. Eine Lieblingsszene? Joachim Zand ist im billigen Leihwagen unterwegs nach Paris, um das vereinbarte Gastspiel zu retten. An einer Tankstelle, es ist schon Abend geworden, muntert er eine wunderbare Mini-Minute lang eine Kassiererin (Aurélia Petit) auf, die müde in ihrer Glaskabine sitzt. Und schon spielen sie mit Wörtern, Blicken, Forschheit, Zögern, das ganze Programm – als flirteten da zwei mit dem Leben selbst, das ihnen nicht ganz abhanden gekommen ist.

Kulturbrauerei, Kurbel; OmU im

Central, Xenon und Eiszeit

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben