Kultur : Unsere Bühne!

Asylbewerber auf Tournee: Die Doku „Can’t be silent“.

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Foto: Neue Visionen
Foto: Neue Visionen

„Flüchtlinge sind keine Kriminellen. Flüchtlinge sind keine Mörder. Warum sind wir dann immer eingesperrt?“, singt Revelion. Der melancholische Reggaesong des Musikers von der Elfenbeinküste bringt zum Ausdruck, was viele Asylsuchende in Deutschland fühlen – auch die Protestierer im Camp auf dem Berliner Oranienplatz: Die Heime, in denen sie untergebracht sind, empfinden sie als Gefängnisse. Die Anlagen sind mit Stacheldrahtzäunen umgeben und haben – wie in Revelions Fall – mitunter sogar vergitterte Hinteraufgänge für reibungslose nächtliche Abschiebungszugriffe.

Rund 80 Asylbewerberheime hat sich der Songwriter und Bassist Heinz Ratz im Jahr 2011 bei einer Deutschlandtour angesehen. Überall fragte er nach Musikern und fand so die späteren Mitglieder des Projekts The Refugees. Mit seiner eigenen Band Strom & Wasser begleitete Ratz die Männer aus Dagestan, Afghanistan, Gambia und der Elfenbeinküste auf einer Konzertreise durch Deutschland. Auch zwei Alben sind mittlerweile entstanden.

In der sehenswerten Dokumentation „Can’t be silent“ kombiniert die Berliner Journalistin und Regisseurin Julia Oelkers Aufnahmen der Auftritte mit Porträts der Flüchtlinge. Ohne zusätzliche Musik, einen Off-Kommentar oder anderweitige Effekte lässt sie die Bühnen- und Heimsituationen aufeinanderprallen. In einer Szene singt der Multiinstrumentalist Sam eine herzzerreißende Melodie, in der nächsten ist er nur noch ein Verwaltungsfall, ein irgendwer mit Ausreiseaufforderung in der Tasche. „Ohne die Musik wüsste ich nicht weiter“, sagt der nachdenkliche Mann aus Gambia, der seit vier Jahren in Reutlingen festsitzt.

Er und seine Bandkollegen sehen Heinz Ratz als Retter. Durch ihn können sie sich vor Publikum artikulieren und den Asylalltag vergessen. Zudem sind sie nicht mehr allein und dürfen trotz Residenzpflicht reisen, denn Ratz besorgt für alle die nötigen Dokumente. Doch auch sein Einfluss ist begrenzt: In der verstörendsten Sequenz des Films wird der Bandleader im Bundeskanzleramt von der Integrationsbeauftragten Maria Böhmer ausgezeichnet. Sam und der Rapper Hosain aus Afghanistan begleiten ihn. Nach der Zeremonie ist die CDU-Politikerin sehr um ein gutes Foto mit Hosain bemüht. Ein paar Wochen später bekommt der junge Mann trotzdem einen Abschiebungsbescheid. Nadine Lange

Im Lichtblick, Hackesche Höfe und

Moviemento; Konzerte v. Strom & Wasser

mit den Refugees am 19. November (Wabe)

und 17. Dezember (SO 36)

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