Kultur : „Unsere Sprache hat keine Worte“ Ernst Klees Lexikon zu Auschwitz

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Vor zehn Jahren publizierte Ernst Klee sein „Personenlexikon zum Dritten Reich“. Damit gab er einen Einblick in seine aufwendig geführte Arbeitskartei, quasi ein Extrakt seiner jahrzehntelangen Forschungen. Vor sechs Jahren ließ er das „Kulturlexikon zum Dritten Reich“ folgen und legte auch darin Wert auf die Lebenswege nach 1945. Nun also das Personenlexikon zu Auschwitz. Gut viertausend Einträge, „darunter 3621 Personen, die als Täter zu bezeichnen oder zum Umfeld der Täter zu rechnen sind“.

In der Minderzahl die Opfer. Prominente Namen, dazu Bruchstücke von Biografien. Jean Améry: 17.1.44 Ankunft Auschwitz; Häftling Nr. 172364; Suizid 17.10.1978. Dann ein paar Hinweise auf seine Literatur, Auszüge, und am Ende ein Zitat: „Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.“ Tadeusz Borowski: 29.4.43 Ankunft Auschwitz; Häftling Nr. 119198; Suizidversuch 1.7.1951; gestorben am 3.7.1951. Primo Levi: Februar 1944 nach Monowitz deportiert; Häftling Nr. 174517; Suizid 11.4.1987. Und ein Zitat zur Aufnahmeprozedur in Auschwitz: „Da merken wir zum ersten Mal, dass unsere Sprache keine Worte hat, diese Schmach zu äußern, dies Vernichten eines Menschen.“

Und dann die Täter. Bekannte Namen, Eichmann, Eicke, Höß, Mengele. Und die vielen Unbekannten, die Täter an der Rampe wie Oswald Kaduk, „einer der grausamsten SS-Männer in Auschwitz“: 1947 von einem sowjetischen Militärgericht zu 25 Jahren Haft verurteilt, im April 1956 aus Bautzen entlassen; im Notaufnahmelager Marienfelde als politischer (!) Flüchtling anerkannt; im Mai 1997 im Alter von 90 Jahren gestorben.

Auch Hans Lipschis ist verzeichnet. Dem 93-Jährigen aus Aalen, der wohl Dienst an der Rampe verrichtete, soll nun der Prozess gemacht werden – wegen Beihilfe zu vorsätzlich begangenem Mord durch heimtückische und grausame Tötung. Wie schreibt Klee in seinem Vorwort? „Die Vergangenheitsbewältigung läuft unter dem Motto Versöhnung. In der Praxis haben sich die Opfer versöhnlich zu zeigen… Die wahren Überlebenden mussten sich in Entschädigungsverfahren oft noch einmal verhöhnen lassen.“

Ernst Klee starb im Mai 2013, kurz nachdem er die Arbeit an diesem Personenlexikon abgeschlossen hatte. Die Zielrichtung seiner jahrzehntelangen Arbeit geht aus einigen Titeln seiner anderen Dokumentationen hervor: „Was sie taten – was sie wurden. Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- und Judenmord“ (1986); „Persilscheine und falsche Pässe. Wie die Kirchen den Nazis halfen“ (1991); „,Euthanasie’ im Dritten Reich. Die ,Vernichtung lebensunwerten Lebens’“ (2010). Stefan Berkholz



– Ernst Klee:

Auschwitz. Täter,

Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013. 508 Seiten, 24,99 Euro.

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