Kultur : Unter aller Konfettikanone

Wo Girlies alt aussehen und Bulgarien grüßt: „Dido und Aeneas“ und „Tartuffe“ beim Theatertreffen

Christine W

In der Schlossküche zu Karthago wird lustig gebrutzelt. Suppe, Pasta, Huhn: Die Speisenfolge, die sich honorige Götter und ein gut gelauntes Hobby-Küchenpersonal für Königin Didos Fete ausgedacht haben, lässt sich schon im Theaterfoyer am Geruch erahnen. Sitzt man dann tatsächlich auf einer der Zuschauertribünen, die die Bühnenbildnerin Muriel Gerstner beidseitig der barocken Festtafel aufgebaut hat, ist endgültig klar: Dieses Theater hat mit Kulinarik nicht das geringste Problem. Sebastian Nübling kredenzt „Dido und Aeneas“, sein Theatertreffen-Gastspiel aus Basel, in der Berliner Schaubühne stilecht als dramatisches Vier-Gänge-Menü. Mit sichtlicher Lust an Opulenz. Mit vollendeten musikalischen Beigaben des Barock-Ensembles der Schola Cantorum Basiliens. Und mit so illustren Teilnehmern wie der postfeministischen Juno (Barbara Lotzmann), die konkurrierendes Partyvolk kurzerhand mit einer Fliegenklatsche von ihrem Gatten Jupiter, dem „Jupp“ (Andrea Bettini), vertreibt. Und nicht zuletzt serviert Nübling diesen Abend mit einer nicht in jedem Falle geschmackssicheren Gästeschar, die zu vorgerückter Stunde auch vorm Dilettieren in musicalnahen Choreografien nicht zurückschreckt.

Der Regisseur verschränkt Christopher Marlowes Tragödie „Dido, Königin von Karthago“ aus dem späten sechzehnten mit Henry Purcells Oper „Dido und Aeneas“ aus dem späten siebzehnten Jahrhundert – und schafft dabei neben dem Crossover von Sprech- und Musiktheater auch eine durchaus reizvolle Überlagerung von hoch stilisierter Künstlichkeit und Authentizitätsausbrüchen, von betagtem Mythos und überraschender Gegenwärtigkeit.

Die unangefochtene Meisterin dieser kontrollierten Gegenwärtigkeit heißt Sandra Hüller. Ihre Dido, die von der Sopranistin Ulrike Bartusch verdoppelt wird, lässt mit wunderbarer Beiläufigkeit offen, ob sie tatsächlich den gestrandeten Flüchtling Aeneas liebt oder vielmehr ihr eigenes Verliebtheitsgefühl. Sie weiß es wahrscheinlich selbst nicht genau – und spielt diese Unschärfe, dieses Changieren mit einer Präzision, die einen schlichtweg umhaut. Diese Frau kann sich nicht nur ohne jeden Peinlichkeitsanflug in hüftbewegten Balzduetten mit dem Objekt ihrer Begierde auf dem Tisch ergehen, ihr glaubt man auch sonst alles: selbst diesen wenig spektakulären, eher introvertierten und mitnichten in Adonis-Höhen strebenden Liebhaber Aeneas (Sandro Tajouri), der zu Beginn wie Falschgeld auf ihrer Party hockt. Dass Hüller, die sich vor allem mit Hans-Christian Schmids Film „Requiem“ in ein breiteres öffentliches Bewusstsein spielte, dem betagten Liebespathos dabei mit diesem gewissen Pragmatismus der Zeitgenossin begegnet, bereichert die Aufführung ungemein. Die junge Schauspielerin verleiht ihrer Figur eine unangestrengte Modernität, die das normalerweise gern strapazierte, nölig ins Moderne gewendete klassische Girlie verdammt blass und eintönig aussehen lässt. ahl

Nein, das war kein „Tartuffe“ und auch kein Tartuffe. Nicht das Stück und nicht die Figur. Die erste Hälfte des Abends hieß nur: „Dorine“. Hätte so heißen müssen. Dorine ist das Dienstmädchen im „Tartuffe“, eine kleine Nummer im handlungstragenden Haus der Familie Orgon. In der „Tartuffe“-Aufführung des Hamburger Thalia-Theaters (Regie: Dimiter Gotscheff) aber ist das der große Auftritt der Schauspielerin Judith Rosmair.

Hinkend aus der Tiefe des leeren Raums, begrüßt ein zierlich zähes Persönchen das Theatertreffen-Publikum mit einem guttural gefauchten „Challo, Chauptstadt!“ . Hierzu macht sie das Victory-Zeichen. Als seien nun triumphierende Verlierer oder unerschütterliche Underdogs unter sich. Diese Ouvertüre („Auch Dorine in Berlin“) wird bei Judith Rosmair zum komödiantischen Stand-up eines bulgarisch-proletarischen Einwandererfräuleins. Sie eigentlich schmeißt den Scheißladen ihres Bosses Orgon, also: den Haushalt seiner von Bettnässern, Zicken, Tucken und einer gruftigen, christlich spintisierenden Zombiegroßmutter bevölkerten Familie. Aus dem schleim- und einschleichenden Herrn Tartuffe, dem religiös-sexuell-finanziellen Hochstapler, würde sie am liebsten Tartar machen, aus seinen Weichteilen „verlorene Eier“ und aus seinem süßlichen Jesus-People-Sermon, na was?, ein Tartuffo.

Auf der Textebene reicht so was zum milden Witz, in der Slawensprache und furiosen Spielweise dieser Scheinbulgarin explodiert es immerhin zu einem schönen Sketch. Nach Dorine aber ist der lustige Abend: dahin. Zehn Minuten lang verpulvern Konfettikanonen völlig sinnfrei einen Riesenhaufen Buntes, indes wird die Aufführung immer grauer. Die Orgons verkörpern hier kein „blasiertes Neo-Rokoko“ und schon gar nicht eine „auf dem Catwalk der Eitelkeiten stolzierende Society“, wie es ein fantasierendes Mitglied der Theatertreffen-Jury im Programmheft verheißt. Nix „Luxus-Familie“, nix „Spaßgesellschaft“. Nur trübe Tassen, derangierte Laffen, siehe oben. Der religiöse Wahn des Monsieur Orgon (Peter Jordan) gebiert so keinen modernen Sektierer, bloß eine in weiße Betttücher gehüllte männliche Betschwester. Mal hysterisch, mal kitschig, ein Popanz, eine Popgans mit dem Schmachtsong „Oh happy day“.

Und Tartuffe? Ihm fehlen alle Gegner. Deshalb bleibt Norman Hacker ein fast unbeteiligt blasser Betrüger. Ein mittlerer Angestellter der Firma Heuchel & Co. Kein Fundamentalist, kein Dämon, zum Schluss nur ein dramaturgenköpfisch ausgedachter, dem Molière-Stoff angehängter Schatten aus Heiner-Müller-Texten. Plötzlich soll aus Tartuffe, wenn er die christliche Großmutter absticht (die sowieso schon tot war), noch ein Rächer „der Dritten an der Ersten Welt“ werden.

Das ist in solch pseudopolitischer Verstiegenheit ein Trauerspiel. Zweimal hat Hamburgs Thalia bei diesem Theatertreffen Eindruck gemacht, mit „Maria Ulrike Stuart“ und den „Schmutzigen Händen“. Doch der dritte Streich ging daneben. Unter aller Konfettikanone. Am Ende viele Buhs für den Regisseur Dimiter Got- scheff, der sein großes Bulgarenherz diesmal nur an Dorine alias Judith Rosmair verschenkt hat. Peter von Becker

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