Kultur : Unter den Eicheln

Wunderwerk: I.M.Pei baut in Luxemburg ein Museum für Moderne Kunst

Christina Tilmann

Er nennt es seine europäische Trilogie: Paris, Berlin, und nun Luxemburg. Und will vorerst nicht mehr in Europa bauen: Die nächsten Pei-Gebäude entstehen in seiner Heimatstadt, dem chinesischen Suzhou, und in Doha, Katar.

Große Pläne, für einen bald 90-Jährigen. Quicklebendig wandert der chinesisch-amerikanische Superstar Ieoh Ming Pei durch sein neues Haus in Luxemburg, schwärmt von der Festungsarchitektur von Vauban – „Ich habe fast alle seine Festungen in Europa besucht“ – und verschweigt taktvoll alle Probleme, die es während der Bauzeit gab. Am Abend erscheint er samt Ehefrau zur silbernen Hochzeit von Großherzog Henri und Großherzogin Maria-Teresa von Luxemburg, am Montag wird er den Okzident-und-Orient-Preis der Erwin-Wickert-Stiftung in Luxemburg erhalten, unter Anwesenheit von Helmut Kohl.

Kohl und Mitterand, das sind die Paten für Peis Tätigkeit in Europa. Der eine holte ihn nach Paris, der andere nach Berlin, beide eigenmächtig, mit dem imperialen Gestus eines Feudalherrn, der sich ein Denkmal setzt. Unter den vielen Bauten der Ära Mitterand sticht die Pyramide des Louvre ebenso heraus wie der Anbau des DHM im Berlin der Ära Kohl. Auch das neue Museum für Moderne Kunst, das ab heute in Luxemburg dem Publikum zugänglich ist, stammt aus jener Epoche: Fast 16 Jahre lang dauerten die Planungen, bis schließlich für 88 Millionen Euro das Haus vollendet wurde.

Entstanden ist ein höchst feudaler Bau. Und ein sehr barocker dazu. Barock ist nicht nur das Fundament, auf dem er ruht: eine Bastion nach Plänen des französischen Festungsbaumeisters Sébastien Le Prestre de Vauban, der unter Ludwig XIV. die Stadt ausbaute. Im 19. Jahrhundert in Teilen geschleift, hatte sich die romantisch in einem Park gelegene Architektur, gekrönt von drei barocken Turmhauben, genannt „Drei Eicheln“, zum beliebten Ausflugsziel entwickelt. Nicht alle Luxemburger waren daher froh, das Gelände als Museum überformt zu finden – es hatte im Vorfeld heftige Diskussionen über Peis Pläne gegeben, selbst die Unesco, die Luxemburgs Festungsmauern unter Schutz gestellt hatte, mischte sich ein.

Dabei hätte dem Platz kaum etwas Besseres passieren können: Fast ehrfurchtsvoll hat Pei die Grundmauern des ehemaligen Fort Thüngen rekonstruiert – und darauf seine ganz eigene Bastion gesetzt. Wie ein Kaleidoskop spielt er mit geometrischen Formen, mit Dreieck, Quadrat, Fünf-, Sechs- und Achteck, mit Durchblicken, Ausblicken, Einblicken. In dieser barocken Vielfalt, im raffinierten Verwirrspiel der Grundrisse und Wegfolgen, ist dieser Bau eine Hommage an europäische Architektur, an die strenge Rationalität der französischen Festungsarchitektur ebenso wie an die barocke Kirchen- und Palastbaukunst mit ihrem Lichtspiel. Nicht umsonst mündet der Pei-Bau immer wieder in Kapellen, Türmchen oder Kuppeln. Der belgische Skandal-Künstler Wim Delvoye fühlte sich inspiriert, eine neogotische Kapelle aus Eisenguss in einen der Räume einzubauen.

Die Bastion in Form eines Pfeils gibt den Grundriss vor. Man betritt das Haus durch ein offenes Dreieck, die Pfeilspitze sozusagen, durchschreitet ein Foyer-Quadrat, das sich wie eine Doppelkapelle nach oben öffnet, und landet im Herzstück des Hauses, einer gigantischen, zweistöckigen, Halle, die sich nach oben in ein verglastes Türmchen verengt und das Motiv der „Drei Eicheln“ aufnimmt. Erwischt man einen Sonnentag, leuchtet hier alles, der honigfarbene burgundische Kalkstein „Magny Doré“, Peis Lieblingsstein, aus dem Wand und Boden geformt sind, und die Glasfenster, die den Blick auf Wald und gegenüberliegende Stadt freigeben.

Obwohl: Die wahre Blickachse quer durchs Haus erschließt sich erst im Obergeschoss. Einen monumentalen Fürstenbalkon hat Pei in die große Halle geschoben, als Hommage an den Museumsgründer und Namensgeber, den Großherzog Jean, der 1996 mit der Sammlung moderner Kunst in Luxemburg begann. Von hier aus erst blickt man, über das weite, bewaldete Tal der Alzette, hinüber zur Altstadt mit ihren Kirchen und Festungsmauern. Dreht man sich um, sieht man in entgegengesetzter Richtung das Europaviertel, das in den vergangenen Jahren auf dem Kirchberg entstanden ist: Christian de Portzamparcs spektakuläre Philharmonie, ein lang gezogenes Oval aus 823 weißen Stelen und dahinter die beiden Glastürme der Europa-Bauten.

Der Wunsch, das Europa-Viertel für die Luxemburger attraktiver zu machen, stand hinter der Entscheidung, das Museum nicht in der Altstadt, sondern auf dem Kirchberg anzusiedeln. Seltsame doppelgesichtige Stadt: Auf der einen Seite das moderne Europa-Viertel, das sich, vom Flughafen aus, an der schier endlosen Avenue J. F. Kennedy aufreiht, eine Abfolge von Billighotels, Bürobauten, Multiplexen und Shopping-Centern, die erst am Ende, kurz bevor das Plateau steil abfällt ins Tal der Alzette, mit den Kulturbauten ein Gesicht bekommt. Und auf der anderen Seite der Schlucht die Altstadt, umschlossen von mächtigen Kasematten und Bollwerken, drei Plätze, vier Straßen, alles Fußgängerzone. Provinz vom Schönsten, ein Leben in Cafés und auf der Straße. Im Tal der Alzette blickt man auf Gärten und Klöster, Mühlen und Felder: friedliches Leben auf dem Land.

Dieser Kontrast von Tradition und Moderne, von altem und neuem Europa, hat Pei gereizt, sagt er selbst. Sein Bau, eine Verneigung vor der traditionellen europäischen Architektur mit ihren Kalksteinfassaden und Granitböden und doch gleichzeitig unverkennbar 21. Jahrhundert, mit viel wunderbar glatt geschliffenem Beton und weit spannendem Glas, ist eine eigenwillige Synthese – und ein Kunstwerk an sich.

Als Museum ist er eher problematisch. Nicht nur, weil man in Luxemburg erst seit einigen Jahren begonnen hat, eine Sammlung zeitgenössischer Kunst aufzubauen – immerhin 230 Werke von Künstlern wie Pipilotti Rist, Stephan Balkenhol, Daniel Buren, James Coleman, Konstantin Grcic, Bruce Nauman, Julian Schnabel und Thomas Struth sind zusammengekommen –, sondern vor allem, weil diese so exquisite, raffinierte Architektur dazu neigt, sich entschieden in den Vordergrund zu spielen.

Doch ein Museum hat heute eben auch eine andere Funktion, erklärt Pei, für den Museumsbauten zu den wichtigsten Herausforderungen der Gegenwart gehören. Nicht mehr ein Aufbewahrungsort für Kunst soll es sein, sondern vor allem ein Erziehungsinstrument für die nächste Generation. Ein Ort, an dem man sich gern aufhält. Deshalb die übergroßen Foyers und Hallen, die grandiosen Ausblicke und vor allem die Sorgfalt im Detail. Geländer aus Beton, in die Wand eingelassen, liegen wie Schmeichler in der Hand, Treppenstufen wölben sich am Ende sanft nach oben, am Stück gegossene Wendeltreppen, runde oder achteckige, die Pei offenbar liebt, stehen wie Skulpturen im Raum. Viel zu sehen, viel zu entdecken. Wenn man daneben noch einen Blick auf die Kunst wirft, auch gut. Sie stört ja nicht.

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