Unter Rechtspopulisten : Thilo Sarrazin als Stargast bei Homophoben-Treffen

Das als rechtspopulistisch geltende Magazin „Compact“ polarisiert in Leipzig mit einer Konferenz gegen „sexuelle Umerziehung“.

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Thilo Sarrazin spricht auf dem Podium.
Thilo Sarrazin spricht auf der Compact-Konferenz "Für die Zukunft der Familie". Gegen die Diskussionsveranstaltung der als...Foto: dpa

Schwer zu sagen, wer hier nun die Minderheit ist. Draußen hämmern schwule Aktivisten gegen die Saalwände, drinnen schreien ihre Gegner gegen das Gedonner an. „Wir“, ruft Jürgen Elsässer, Herausgeber des zwischen Rechts- und Linksaußen schwankenden Magazins „Compact“ und Organisator der soeben eröffneten „Konferenz für Souveränität“ in Leipzig, „wir sind die schweigende Mehrheit!“ Was in den nächsten zehn Stunden folgt, wirkt eher wie der Selbstfindungsprozess einer lautstarken Minderheit.

Bereits die erste Konferenz, die Elsässer 2012 in Berlin zum Thema nationale Souveränität abhielt, hatte wegen ihrer randständigen Referenten Kontroversen provoziert. Diesmal sollte es um die „Zukunft der Familie“ gehen, genauer um „Familienfeindlichkeit, Geburtenabsturz, sexuelle Umerziehung“. Was damit gemeint war, ging einigen der angekündigten Redner offenbar erst spät auf: Peter Scholl-Latour zog seine Zusage zurück, ebenso die AfD-Politikerin Frauke Petry. Selbst Eva Herman, die sich auf Drohungen berief, ließ im öffentlich verlesenen Absagebrief durchblicken, dass ihr die Veranstaltungsziele nur halb geheuer waren: Zwar beunruhige auch sie „die Umerziehung der Menschen durch das beispiellose Geschlechterexperiment Gender-Mainstreaming“, sie wolle sich aber nicht „fälschlich vorwerfen lassen müssen, an einem homophoben Kongress teilzunehmen.“

Weniger Berührungsängste hatten in dieser Hinsicht die russischen Parlamentarierinnen Elena Misulina und Olga Batalina, die als Leiterinnen des Familienausschusses der Duma zu den Urhebern des berüchtigten Gesetzes „gegen homosexuelle Propaganda“ gehören. Das wusste offenbar auch mancher der rund 150 Demonstranten aus Homosexuellen- und Antifa-Kreisen, die vor dem Konferenzzentrum etwa halb so vielen Polizisten gegenüberstanden: Als Elena Misulina die Menge passierte, ließ es sich einer der Protestler nicht nehmen, der Abgeordneten mit befriedigtem Grinsen in die Hacken zu treten. Nützlicher Idiot, dürfte sich Frau Misulina gedacht haben, die den Angriff sofort per Twitter kommunizierte, mit erwartbar großem Widerhall in den russischen Medien.

Auch später auf dem Podium konnte Misulina mit der Attacke punkten. In Russland, erklärte sie, würde die Polizei Derartiges nicht geschehen lassen, überhaupt sei dort alles andersherum: Schwule Kundgebungen würden zuverlässig von Gegendemonstranten verhindert, die Polizei rücke nur aus, um die Minderheit vor der Mehrheit zu schützen. Dass in Leipzig im Grunde nichts anderes geschehen war, blieb unbemerkt.

Noch vehementer als die beiden Abgeordneten entsetzte sich die russische Historikerin Natalia Narotschnizkaja über „Europas Rückzug von jahrhundertealten moralischen Positionen“. In der Geschlechterfrage habe sich der westliche Ultraliberalismus das totalitäre Gebaren seines ehemaligen Gegners angeeignet, des Kommunismus. „Für uns postsowjetische Intellektuelle war die Meinungsfreiheit im Westen ein Vorbild. Ich hätte nie gedacht, dass heute ich, eine Russin, diese Freiheit in Europa verteidigen würde.“

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