Ununterscheidbar Derrick : Good-bye, Mr. Gentleman: Horst Tappert ist tot

Christian Schröder
Horst Tappert
Horst Tappert als Stephan Derrick.Foto: dpa

Seinen berühmtesten Satz hat er nie gesagt. „Hol schon mal den Wagen, Harry“, dieser Imperativ, in dem sich das Herr-und-Knecht-Verhältnis zwischen dem Kriminaloberinspektor Stephan Derrick und seinem ewigen Assistenten Harry Klein so treffend auszudrücken schien, war eine Erfindung von Harald Schmidt. In den 281 Folgen der Krimi-Serie „Derrick“, die das ZDF von 1974 bis 1998 ausstrahlte, kam die Dialogzeile nicht vor.

Sie hätte auch gar nicht zum Derrick-Darsteller Horst Tappert gepasst. Denn anders als sein Vorgänger, der von Erik Ode verkörperte „Kommissar“, war sein Derrick kein autoritärer Charakter. Der Kommissar gehörte noch zu den strengen Vaterfiguren, wie sie die Bundesrepublik der Ära Adenauer geprägt hatten. Er duzte seine Untergebenen, bestand aber darauf, von ihnen gesiezt zu werden.

Derrick hingegen, ein Anti-Hierarch, der in 24 Bildschirm-Dienstjahren nicht einmal befördert wurde, näherte sich der Lösung seiner Fälle im beharrlichen Austausch mit dem subalternen Kollegen. In zähen, für den Zuschauer oftmals ermüdenden Ping-Pong-Wortwechseln wiederholten Derrick und Klein so lange ihre Ermittlungsergebnisse, bis Derrick irgendwann erleuchtet mit einem „Harry, da stimmt doch was nicht!“-Ausruf von seinem Bürostuhl aufsprang und zum Dienst-BMW stürzte, um den Täter dingfest zu machen. Am Steuer saß dann allerdings immer der von Fritz Wepper dargestellte Harry, bereit, alle Wünsche des Vorgesetzten mit einem servilen „Ist gut, Chef“ zu erfüllen.

Er zog nur zwölfmal seine Dienstwaffe

Horst Tappert gehört zu den großen Lakonikern der deutschen Film- und Fernsehgeschichte. In 281 Folgen hat Derrick nur zwölf Mal zu seiner Dienstwaffe, einem Revolver der Marke Smith & Wesson, greifen müssen, Action war in der Serie nicht vorgesehen. Derricks stärkste Waffe war sein Schweigen. Die dramaturgischen Höhepunkte der Serie bildeten stets die Verhöre, die in ihren besten Momenten die Intensität eines Kammerspiels erreichten. Zu sehen ist dabei in Großaufnahme das unbewegte Pokerface des Inspektors und im Gegenschnitt der Verdächtige, den die knappen Fragen, vor allem aber die sture Wortlosigkeit des Verhörers immer nervöser machen. „Derrick“, so hat Tappert selbst seine Rolle beschrieben, „ist kein Jäger, kein Fanatiker, kein Rächer, sondern die Ruhe selbst. In seiner Stimme ist kein Zittern und keine Atemlosigkeit zu hören. Seine Miene sagt: Ein Mord ist geschehen. Etwas auf dieser ohnehin schon so unordentlichen Welt ist in Unordnung geraten. Ich kann die Ordnung nicht wiederherstellen. Aber ich werde versuchen, herauszufinden, wie, warum und durch wen es zu dieser Tat gekommen ist.“

Stephan Derrick, wie der „Kommissar“ von Drehbuchautor Herbert Reinecker erschaffen, ist ein Idealist, den die Wirklichkeit zum Melancholiker gemacht hat. Ein Don Quixote des TV-Bildschirms, der, begleitet von Harry als seinem treuen Sancho Pansa, stets erneut den Kampf gegen das Böse aufnimmt und doch weiß, wie vergeblich das ist. Die Täter überführt er, indem er sich, ähnlich wie sein Pariser Kollege Maigret, in ihre Psyche hineinversetzt. „Gibt es schon ein Motiv, warum der Mann ermordet wurde?“, fragt eine Zeugin in der Derrick-Episode „Fundsache Anja“. „Nein“, antwortet der Ermittler darauf mit wie immer leicht stockender Stimme. „Das ist ja auch meine Aufgabe, erst einmal darüber nachzudenken.“ Nichts kann diesen Mann mehr aus der Fassung bringen, im Lauf seiner Karriere bekam er es, so hat es ein Fan errechnet, mit 167 Erschossenen, 38 Erstochenen, 14 Vergifteten und zwei Erhängten zu tun.

Selten sind Rolle und Schauspieler so sehr miteinander verschmolzen. Je länger Tappert den Derrick spielte, umso schwerer ließen sie sich noch voneinander unterscheiden. „Es war mir immer bewusst, dass man es in diesem Beruf nur mit Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit zu etwas bringen kann“, hat Tappert gesagt. Ein Credo, das genauso gut von Derrick stammen könnte. Oft harrt der Ermittler bis tief in die Nacht in seinem Dienstzimmer im dritten Stock des Münchner Polizeipräsidiums an der Ettstraße aus, um noch Akten durchzuarbeiten oder auf einen Anruf zu warten. Ein Privatleben hat er so gut wie nicht.

Maßanzug und Rock-'n'-Roll-Tolle

Ähnlich diszipliniert ist auch Tappert in seinen 24 Serien-Dienstjahren zu Werke gegangen. „Aufstehen zwischen halb fünf und fünf. Über 400 Mal hat mein Tag so angefangen“, bilanziert der Schauspieler in seinen Memoiren. Bevor ihn ein Chauffeur zu den Dreharbeiten aufs Bavaria-Gelände brachte, verwandelte sich der Darsteller eigenhändig in sein Alter Ego, indem er sein Derrick-Toupet aufsetzte. Abgesehen von den tiefer werdenden Ringen unter seinen Augen hat sich Derrick äußerlich nie verändert, seinen anglophilen Maßanzügen, Krawattennadeln und hellen Trenchcoats ist er bis zuletzt genauso treu geblieben wie der an die Rock-’n’-Roll-Rebellion der 50er Jahre erinnernden Bürstenhaartolle.

Gemeinhin bestehen Schauspieler-Erinnerungen aus freundlichen Plaudereien, doch Tappert konnte sich in seiner mit – wie sonst? – „Derrick und ich“ betitelten Autobiographie einige Seitenhiebe nicht verkneifen. Reinecker, der seine Karriere im Dritten Reich als „Schriftleiter“ einer HJ-Postille begonnen hatte, nennt er da einen „Schriftsteller, in dem sich ein Prediger verbirgt“. Bei einer Folge, in der Kriegsverbrechen in Bosnien mit den KZs der Nazis gleichgesetzt wurden, verweigerte der Schauspieler die Mitarbeit. Und über Fritz Wepper spottet Tappert, er sei der „Derrick-Repräsentant“ bei den Partys und Vernissagen der Münchner Schickeria gewesen und deshalb „regelmäßig zu spät am Drehort“ erschienen. Tappert selber, ein eingefleischter Einzelgänger, lag immer schon im Bett, wenn das Nachtleben begann.

Es muss auch etwas mit dieser Verkörperung solcher als deutsch geltender Tugenden – Fleiß, Pflichtbewusstsein, Nüchternheit – zu tun haben, dass „Derrick“ zur erfolgreichsten Krimiserie der bundesrepublikanischen Fernsehgeschichte aufstieg. Die Serie wurde nicht nur im eigenen Land regelmäßig von zehn Millionen Zuschauern eingeschaltet, sie entwickelte sich auch zum beispiellosen Exportschlager. Das ZDF konnte „Derrick“ in 108 Länder verkaufen, abgesehen von den USA gibt es kaum noch einen Flecken auf dem Globus, der Tappert-frei geblieben wäre. In Schanghai wurden die Folgen zur Polizeischulung eingesetzt, in Italien küssten Fans dem Hauptdarsteller auf offener Straße die Hand. Derricks Erfolgsrezept, so hat es Umberto Eco analysiert, sei seine „Mittelmäßigkeit“. Mit der Durchschnittlichkeit dieses Nicht-Charismatikers konnten sich die Durchschnittszuschauer weltweit identifizieren.

Dabei hatte Horst Tappert bereits vor „Derrick“ eine beachtliche Karriere hinter sich. Der Beamtensohn, 1923 in Elberfeld geboren, war im August 1945 nach einer kaufmännischen Ausbildung und dem Kriegsdienst durch Zufall zur Bühne gekommen. Er hatte sich beim Theater in Stendal als Buchhalter beworben, war aber versehentlich beim künstlerischen Direktor gelandet, der ihn fragte: „Wollen Sie nicht Schauspieler werden?“ Der schlaksige Hüne besaß eine Begabung vor allem fürs komische Fach, der Junker Bleichenwang in Shakespeares „Was ihr wollt“ wurde zu seiner Paraderolle. „Ich arbeitete wie ein Verrückter, lebte praktisch im Theater, 18 Stunden am Tag. Ich habe gespielt, gespielt, gespielt“, erinnerte er sich später an seine Anfänge.

Über Provinzstationen in Köthen, Göttingen, Kassel, Bonn und Wuppertal arbeitete er sich bis ins Ensemble der Münchner Kammerspiele, damals der westdeutsche Theater-Olymp, hoch und gab den König Peter in Fritz Kortners „Leonce-und-Lena“-Inszenierung. Daneben trat er als Scotland-Yard-Ermittler in Edgar-Wallace-Filmen auf, den Durchbruch zum Fernsehstar schaffte er aber 1966 auf der anderen Seite des Gesetzes, als Chef der Posträuberbande im Straßenfeger „Die Gentlemen bitten zur Kasse“. Als ihm der Produzent Helmut Ringelmann 1973 die Hauptrolle in einer neuen ZDF-Krimireihe anbot, war Tappert zunächst skeptisch. Er fand die ersten Drehbücher wenig überzeugend, auch Reineckers „Kommissar“ hatte ihn nicht begeistert. Den Ausschlag, die Rolle des Derrick dennoch anzunehmen, gab der Wunsch, „nach den unruhigen Jahren als freier Schauspieler endlich zur Ruhe zu kommen“.

Mehr als nur Oberschicht-Fernsehen

Kritiker haben „Derrick“ zu Unrecht als „Grünwald-Serie“ abgetan, in der es nur um die Verbrechen der Reichen, Schönen und Gelangweilten gehe. Dabei spielten die Fälle nur deshalb so oft in dem Münchner Nobel-Vorort, weil sich dort auch das Gelände der Bavaria befindet. Und genauso oft wie in den Villen der Oberschicht ereigneten sich die „Derrick“-Morde, vor allem zu Beginn der Serie, im Milieu der Normal- und Schlechterverdiener, in billigen Pensionen und möblierten Junggesellenherbergen mit ihren klaustrophobisch engen, langen Fluren. So wie man Prousts Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ lesen muss, um das Frankreich des Fin de siècle aus der Innenperspektive kennenzulernen, so kann man auch „Derrick“ studieren, um die physiognomischen Wandlungen der alten Bundesrepublik noch einmal vor Augen geführt zu bekommen.

Denn es ist alles da in dieser Serie, die immer breiter werdenden BMW-Karossen, der ästhetische Quantensprung der Möbeleinrichtungen von der Schrankwand-Gemütlichkeit zum postmodernen Stahl-und-Glas-Nippes, die Weiterentwicklung der Telefontechnik von den grauen Wählscheibe-Apparaten zu den frühen, noch klobigen Mobilgeräten. Nur eines blieb in all diesen Jahren unverändert: das Zimmer 316 im Münchner Polizeipräsidium. Derrick und Klein hatten ihre Holzschreibtische im 90-Grad-Winkel aneinandergeschoben, hinter Derrick hing ein Stadtplan, hinter Harry bekam eine Grünpflanze zu wenig Licht, dazwischen fiel der Blick durch ein Fenster auf den trostlosen Hinterhof mit den parkenden Einsatzwagen. Eine Festung der Entschleunigung, die allen Angriffen des Zeitgeistes trotzte.

So ruhig und sachlich wie er ermittelte, so unspektakulär hat Stephan Derrick auch die Bühne verlassen. Am Ende der letzten Folge „Das Abschiedsgeschenk“, ausgestrahlt am 16. Oktober 1998, wird er nicht erschossen, nur versetzt. Wegen seiner besonderen dienstlichen Befähigungen ist der Kriminalbeamte, darin dem Staatsmann Edmund Stoiber vergleichbar, als Reformer nach Brüssel zur Europakommission berufen worden. Er feiert seinen Abschied mit Kollegen und Vorgesetzten in der Münchner Residenz. Dann geht Derrick ganz allein auf regennassem Kopfsteinpflaster die Straße hinab, und Helen Schneider singt dazu im Off „Good-bye, Mr. Gentleman, old-fashioned guy“.

Horst Tappert starb am Samstag im Alter von 85 Jahren.

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