Urheberrechtsdebatte : Plattenladen? Herunterladen!

Der Schlüssel zum Habenwollen ist schlicht und ergreifend: Liebe. Sie führt zu Mundpropaganda - das ist die natürliche Art, das Publikum zur Kunst zu bringen. Die unnatürliche Art nennt sich Marketing. Welche Erfahrungen macht ein Künstler mit dem Urheberrecht? Ein Appell gegen die Hysterie.

Dietrich Brüggemann
Den großen Reibach machen im aktuellen Urheberrechtesystem nicht die Musiker, sondern die Plattenlabels. Oft benehmen sie sich dabei nicht gerade fair.
Den großen Reibach machen im aktuellen Urheberrechtesystem nicht die Musiker, sondern die Plattenlabels. Oft benehmen sie sich...Foto: dapd

Sven Regener, 51 „Tatort“-Autoren, der Chaos Computer Club, zahlreiche meiner Facebook-Freunde – alle kloppen sich zurzeit. Wegen Urheberrechten und einer Partei, die die Piraterie im Namen trägt. Parteipiraten und Netzaktivisten befürchten eine Welt, in der Firmen wie Disney und Bertelsmann auf jedes geschriebene Wort, jede gepfiffene Melodie und jede Zeile Programmcode sofort ihren Stempel draufknallen, dem Urheber anderthalb Cent hinwerfen und das Werk die nächsten tausend Jahre zu unverschämten Preisen verkaufen. Die Musiker, Schriftsteller und Filmemacher hingegen befürchten eine Entwicklung, bei der ihre gesamte Arbeit von gierigen, bleichen Computerkindern ins Netz gestellt wird und sie beziehungsweise wir alle verhungern.

Zwei Dinge stören mich daran.

Erstens die Hysterie. In den beiden oben geschilderten Szenarien steckt der gleiche Denkfehler wie in den Zukunftsbildern mit atomgetriebenen Flugautos aus den 50er Jahren – man sieht eine Entwicklung und verlängert sie in die Zukunft. Das ist so, als würde ich im Auto auf den Tacho schauen und sagen: Verdammt, jetzt haben wir schon in sieben Sekunden von null auf fünfzig beschleunigt, wenn das so weitergeht, werden wir demnächst die Schallmauer durchbrechen. Und dabei hinkt der Vergleich sogar noch, denn im Auto passieren wenige Überraschungen, im Leben aber viele.

Zweitens: Alle reden von anderen, aber niemand redet von sich selbst. Dabei ist es meist die richtige Strategie, von sich auf andere zu schließen, wenn man herausfinden will, wie Menschen funktionieren. Diese Lücke würde ich gern schließen und ein wenig von mir selber reden. Hier mein Lebenslauf als Kulturkonsument und -produzent:

Bis zu meinem zwanzigsten Geburtstag kaufte ich wenige CDs und las viele Bücher, die meisten davon aus öffentlichen Bibliotheken. Die Jahre zwischen 20 und 24 verbrachte ich mit Jobs am Filmset sowie der Arbeit an einem Musikprojekt, das nie an die Öffentlichkeit gelangte. Ich hatte diverse Gedichte von Michael Ende vertont, öffentliche Aufführungen waren aber wegen der Textrechte schwierig, und als die eine oder andere Plattenfirma sich interessierte, wurde es kompliziert und verlief im Sande.

Dann ging ich zur Filmhochschule und arbeitete nebenher für eine Musikvideofirma. Die großen Labels schickten uns Songs, meist von Bands oder „Projekten“, von denen man noch nie gehört hatte und auch nie wieder hören sollte. Die Konzepteschreiberei war natürlich unbezahlt. Von den ein- oder zweihundert Ideen, die ich aufschrieb, wurden nur zwei verfilmt, was ich aufgrund meiner eigenen Position als Newcomer nicht allein machen durfte, sondern in „Co-Regie“ mit einer erfahrenen Kraft, was bedeutete, dass ich danebenstand, während jemand anders die Ansagen machte. Auf die Musikindustrie war ich in dieser Zeit nicht so gut zu sprechen und kaufte kaum Musik. Unsere WG hatte aber seit 2001 Internet per ISDN, darüber lud ich im Schneckentempo allerhand herunter. Das meiste war nicht so interessant, einiges haute mich um und führte zu CD-Erwerb und Konzertbesuch.

2006 lernte ich ein Mädchen kennen, das nur Musik im Kopf hatte. Auf einmal war meine Welt voller Bands, die kein Schwein kannte und die wundervolle Musik machten. Es gab Blogs, auf denen man jede neue Platte herunterladen konnte. Dass man sie sich bei Gefallen auch kaufte, war eh klar. Mein Musikkonsum schnellte in die Höhe, ich lud herunter, kaufte Platten, ging auf Konzerte. Im selben Zeitraum arbeitete ich am Drehbuch für meinen zweiten Langfilm. Den ersten hatte ich mit sehr wenig Geld an der Hochschule gemacht, er wurde später für einen fünfstelligen Betrag ans Fernsehen verkauft. Das Geld ging an die Hochschule und an die Koproduktionsfirma, bei den Schauspielern und dem Team landete nichts. Beim zweiten Film hatte ich einen besseren Deal erwischt und wurde erstmals im Leben nennenswert bezahlt.

Seitdem lebe ich vom Filmemachen. Reich bin ich dadurch bisher nicht geworden, aber das war auch nie das Ziel. Dafür macht die Arbeit Freude – nur das allgegenwärtige Copyright nervt fürchterlich. Ständig muss man für Filme virtuelle Zeitungen, Zigaretten- und Biermarken erfinden, Klingeltöne sind vermintes Gelände, jedes Bild an der Wand ist ein Problem, man darf nicht mal „Happy Birthday“ singen lassen. Die Alltagswelt, in der wir leben und von der wir ja im Film erzählen wollen, besteht immer mehr aus urheberrechtlich geschützten Dingen.

Was lernen wir daraus?

1. Hätte Michael Ende seine Gedichte unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht, mit einem jener im Netz populären Verträge also, mit denen ein Urheber der Öffentlichkeit Nutzungsrechte einräumen kann, dann hätten wir unsere Lieder damals überall aufführen können. Wir hätten uns eine gewisse Bekanntheit erarbeitet, ein Album gemacht und dafür die Rechte geklärt. Niemandem wäre etwas weggenommen worden, die Welt wäre um eine CD reicher.

2. Wenn ich meine Konsumentenbiografie anschaue, dann habe ich über die Jahre einiges für kulturelle Produkte ausgegeben, aber keine Unsummen. Wohnung, Essen und Kleinkram waren teurer. Selbst mein Freund Ralph, der etwa vier Tonnen Schallplatten in seiner Wohnung hortet, zahlt vermutlich immer noch mehr für die Krankenkasse als für Vinyl.

3. Das System der großen Labels und ihrer gecasteten Horrorgestaltenbands soll meinetwegen zur Hölle fahren. MTViva sind schon dort, die großen Labels sind für mein Gefühl auch immer egaler geworden. Mittlerweile scheint ihnen aber selbst aufgefallen zu sein, dass man auch mit Substanz Platten verkaufen kann.

4. Das Geld, wenn überhaupt welches fließt, landet zum größten Teil nicht beim Künstler, sondern bei anderen Leuten.

5. Der Schlüssel zum Habenwollen ist schlicht und ergreifend: Liebe. Wenn mich etwas wirklich berührt, dann berührt es eine andere Abteilung in mir als die Finanzverwaltung. Und diese Liebe kann ansteckend sein. Sie führt zu Mundpropaganda, das ist die natürliche Art, das Publikum zur Kunst zu bringen. Die unnatürliche Art nennt sich Marketing.

Um zum Anfang zurückzukommen: Ich behaupte, dass die meisten Menschen nicht grundlegend anders funktionieren als ich. Wenn wir etwas lieben, wollen wir es haben – oder noch besser: daran teilhaben. Indem wir ins Kino gehen oder ein Konzert besuchen oder ein Buch überallhin mitschleppen. Der Rest ist Hintergrundrauschen, läuft im Radio, steht im Regal, liegt auf irgendeiner Festplatte herum. Mag sein, dass die Musikverkäufe durch Downloads nachgelassen haben. Ich habe kein Patentrezept für eine bessere Welt. Ich kann nur feststellen: Wenn ich etwas liebe, ist der Rest zweitrangig. Auch ein Download kann ein Liebesbeweis sein. Es gibt nämlich zwei Sorten von illegalen Kopien. Die Liebeskopie, die oft später in einen Kaufakt mündet, und die Mir-doch-egal-Kopie, die zu Datenleichen auf der Festplatte führt. Erstere kann ein wirtschaftlicher Schaden für den Künstler sein, kann sich auf lange Sicht aber auch lohnen. Letztere ist kein Schaden, denn der Kopist hätte das Werk ja so oder so nicht gekauft.

Die Argumentation, man würde bei jeglichem Schaffen ohnehin in erheblichem Maß auf den Schatz an öffentlichen Schöpfungen zurückgreifen (das steht so im Piraten-Programm), ist dennoch tolldreister Quatsch. Natürlich muss ich einige Lieder hören, bevor ich selbst eins schreibe, aber worauf basiert „Yesterday“? Ich würde sagen: auf einem Einfall. Ein solcher ist immer ein irrationales, irgendwie gnädiges Ereignis, deswegen heißt er ja Einfall. Dafür muss man nicht gleich auf sein Recht als Urheber pochen, dafür kann man sich ruhig erst mal in Demut vor dem Universum verneigen. Trotzdem ist ein Einfall kein Remix. Davor und danach liegt immer noch etwas namens Arbeit.

An all die Leute, die sich momentan so erbittert kloppen, hiermit der Hinweis: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Filesharing ist mittlerweile eine riskante Sportart, Kino.to und Megaupload sind tot, andere werden folgen. Die digitale Revolution wird nicht passieren, die Industrie wird weiter gut verdienen, wir werden uns weiter schlecht bezahlt durchwursteln, und ab und zu wird einer von uns einen Hit landen. Und wenn ich mir meine Lebenserfahrung angucke, stelle ich fest, dass ich mit vielen Leuten, Firmen und Instanzen zu tun hatte – und von allen hat nur die große Musikindustrie Verhaltensweisen an den Tag gelegt, wie ich sie eher von einem betrunkenen Dreijährigen erwarten würde.

Ich habe also den leisen Verdacht, dass es für Kunst und Kultur gut sein könnte, wenn die Dinge sich ein wenig in die Richtung verschieben, wie sie von den Netzaktivisten gefordert wird: kürzere Fristen, mehr Freiheiten. Dabei geht es nicht um die unrealistischen Maximalforderungen, die man in die Debatte hinaustrompetet, sondern um kleine, vorsichtige Schritte. Dann könnte vielleicht in meinem nächsten Film auch ein Nokia-Handy mit dem Nokia-Ton klingeln.

Dietrich Brüggemann, 36, lebt als Regisseur in Berlin. 2010 entstand der Kinofilm „Renn, wenn du kannst“, 2012 folgte „Drei Zimmer, Küche, Bad“. Nebenher dreht Brüggemann Musikvideos, etwa für Thees Uhlmann und Kettcar. Eine längere Version des Textes steht unter www.d-trick.de.

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