US-Fernsehserie "Copper" mit Franka Potente : Schläger, Engel und Soldaten

In der bemerkenswert guten Fernsehserie „Copper“ spielt im kriminellen New York des Bürgerkriegsjahrs 1864. Gangsterbanden aus dem Armenviertel Five Points kämpfen gegen die Reichen von Uptown - mit Franka Potente als Puffmutter. Die erste Staffel erscheint jetzt in Deutschland auf DVD.

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Corky Corcoran mustert eine Leiche in der Pathologie.
Corky Corcoran mustert eine Leiche in der Pathologie.Foto: Polyband

Das Viertel Five Points war den Stadtoberen von New York so peinlich, dass sie es Ende des 19. Jahrhunderts abreißen ließen. Selbst der Name verschwand damals. Die Gegend am Südende Manhattans, benannt nach den fünf Straßenecken einer Kreuzung, war mehr Slum als Stadtteil. Einwanderer aus Europa lebten dort, ehemalige Sklaven, Hungerleider und Verlierer. Beherrscht wurden die Five Points von kriminellen Banden, die sich The Chichesters oder Dead Rabbits nannten. Als Charles Dickens 1842 den Ort besuchte, notierte er angewidert: „Die Häuser sind vor ihrer Zeit gealtert. Sehen Sie nur, wie die verfaulten Balken einstürzen und wie finster die zusammengeflickten Glasscheiben dreinblicken, wie Augen, die bei einer Schlägerei verletzt wurden.“

Die Five Points feiern eine Wiederauferstehung, als heruntergekommene Filmkulisse für die Fernsehserie „Copper“, die jetzt in Deutschland auf DVD erscheint. Hier humpeln einbeinige Krüppel durch schlammige Straßen, in den Hinterhöfen fristen magere Ziegen ihr Dasein, Kinder betteln und stehlen und 12-jährige Mädchen sprechen Männer an: „Soll ich Sie glücklich machen?“ Und bei einer Kneipenschlägerei kann es schon mal passieren, dass eine Beinprothese durch die berstende Fensterscheibe fliegt. Denn „Copper“ spielt im Jahr 1864, auf dem Höhepunkt des Amerikanischen Bürgerkriegs. Kaum eine der Figuren ist von diesem Krieg unversehrt geblieben.

Serienheld Kevin „Corky“ Corcoran, (Tom Weston-Jones) ein irischstämmiger Polizist, muss, als er verwundet von den Schlachtfeldern zurückkehrt, feststellen, dass seine Frau verschwunden ist und seine Tochter ermordet wurde. Seine Schmerzen bekämpft er mit Morphium. Corcoran hat einen schwarzen Freund, seinen ehemaligen Armeekameraden Freeman (Ato Essandoh), der sich in den Lazaretten autodidaktisch zum Arzt ausgebildet hat und ein forensisches Genie ist. Dessen Frau (Tessa Thompson) verlässt das Haus nicht mehr, weil sie während der Einberufungskrawalle mitansehen musste, wie ein weißer Lynchmob ihre Brüder aufknüpfte. Und dann ist da noch ein weiterer Kumpel aus der Unions-Armee, der Großbürgersohn Morehouse (Kyle Schmid), der im Gefecht nicht nur ein Bein, sondern auch sein moralisches Empfinden verloren hat. Lauter Gestrandete.

Franka Potente spielt die hiesige Puffmutter

„Copper“, das wie eine Fortsetzung von Martin Scorseses Filmepos „Gangs of New York“ wirkt, erzählt vom innerstädtischen Zweikampf zwischen dem Elendsrevier Five Points und der Reiche-Leute-Gegend Uptown. Wo die schlimmeren Verbrecher leben, bleibt unklar. „So viele Millionäre“, klagt eine Besucherin der Fifth Avenue. „Vor dem Krieg gab es nur ein paar davon, aber jetzt wimmelt es davon.“ Kapitalisten mit Backenbärten bereichern sich am Krieg, indem sie Gold kaufen, wenn die Unionstruppen eine Schlacht verlieren. Ein Bischof der Trinity Church schwängert seine Haushälterin und drängt sie zur Abtreibung. Wohlsituierte Bürger missbrauchen Schulmädchen.

Heimliches Zentrum von „Copper“ ist ein Bordell, das von einer deutschen Einwanderin namens Eva Heissen geführt wird. Gespielt wird sie von Franka Potente mit der Verschlagenheit und Härte einer überehrgeizigen Businessfrau. Ihren amerikanischen Traum vom Aufstieg zu Reichtum und Glück lässt die Geliebte des Detektivs Corcoran sich nicht nehmen, dafür tötet sie eine vermeintliche Rivalin mit einem schnellen Rasiermesserschnitt. Ohne Schuld ist hier keiner. Im engelgesichtigen Bullen Corcoran steckt ein Haudrauf und Sadist. Gleich in der ersten Folge knallt er eine Bande von Bankräubern ab, als wären es Tontauben. Seine Vorgesetzten bedienen sich bei der konfiszierten Beute.

Gentrifizierung im Zeitalter der Pferdekutsche

Vieles an diesem Stadtmelodram erscheint ausgesprochen heutig. Die Gier der Finanzjongleure, die Verdrängung der Armen. Ein Millionär will Five Points aufkaufen und umwandeln, dabei helfen ihm Strohmänner. Gentrifizierung im Zeitalter der Pferdekutsche. Auf größtmögliche historische Akkuratesse haben die Macher der auf einem Set in Kanada realisierten Serie Wert gelegt. So geht die Figur des Doktors und Forensikers auf James McCune Smith zurück, den ersten afroamerikanischen Arzt von New York. In einigen Szenen, wenn Corky und Freeman eine Leiche auf Spuren des Mordes untersuchen oder die Botschaft eines scheinbar komplett verbrannten Zettels entziffern, wirken sie wie Wiedergänger von Sherlock Holmes und Dr. Watson. Wobei hier allerdings der schwarze Bürgerkriegsveteran Freeman die Sherlock-Rolle des Meisterdenkers übernommen hat. Produzent Barry Levinson, als Regisseur für seinen Film "Rain Man" mit einem Oscar ausgezeichnet, schwärmt von den Bürgerkriegsjahren als „chaotischer, verwirrender Zeit“. "Es gab Engstirnigkeit und Vorurteile. Riesige Einwandererströme kamen nach Five Points, es war überfüllt, chaotisch. Auf der anderen Seite in Uptown gab es Reichtum und ein Gefühl des Privilegiertseins."

Das Böse zu brav

Der Sender BBC America hat „Copper“ trotzdem nach zwei Staffeln wegen zu schwacher Quoten abgesetzt. Die atmosphärisch dicht inszenierte Serie geizt nicht mit Actionszenen, kommt aber nur langsam voran. Bei der Suche nach seiner Frau und den Mördern seiner Tochter wird „Corky“ Corcoran immer wieder von neuen Fällen gestört. Hauptdarsteller Tom Weston-Jones schafft es nicht, die Serie zu tragen. Dafür ist sein Spiel zu variationsarm. Weston-Jones' Hut erinnert an Stanley Kubricks Klassiker "Clockwork Orange", doch für das wirklich Böse wirkt er viel zu brav. Mimisch ist er deutlich limitiert. Franka Potente hingegen bringt Verruchtheit und Grandezza in den kaputten Stadtteil. Sie ist die Frau, die alle begehren, ihre größte Waffe ist die Liebe. Mit Auftritten in Serien wie "Dr. House", "Die Brücke" und "American Horror Story" hat es die 39-jährige Darstellerin inzwischen zum amerikanischen Fernsehstar gebracht.

Copper – Justice is brutal. Staffel eins. Polyband. Darsteller: Tom Weston-Jones, Franka Potente, Ato Essandoh. Drei DVDs. Laufzeit: 422 Minuten + 130 Minuten Bonus.

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