Verbrecher JAGD : Mord im Internet

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Ein deutsches Wort gibt es nicht dafür: Alternate Reality Games, kurz ARGs, sind internetgestützte Spiele, die die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit verwischen wollen. Ihre Wurzeln haben sie in den siebziger und achtziger Jahren, in Pen-and-Paper-Rollenspielen wie „Das schwarze Auge“. Sie erinnern sich bestimmt: Das ist dieses Spiel mit dem zwanzigseitigen Würfel und dem telefonbuchdicken Regelwerk; pubertierende Jungs verwandeln sich in Zwerge und Druiden ... Das Ganze ist dann ins Internet gewandert, wo Marketing-Agenturen die „Ersatz-Realität“ für sich entdeckt haben. Die Filmstarts von „The Blair Witch Project“ oder Spielbergs „A. I.“ wurden von pseudo-dokumentarischen Videoschnipseln und gefakten Blogeinträgen begleitet: digitale Puzzlesteine, die erst auf den zweiten Blick als Teil einer Kampagne zu erkennen waren. Audi promotete so den A3, Microsoft das Computerspiel „Halo 2“.

Auch der Krimi-Markt hat sich auf die crossmedialen Rollenspiele gestürzt. In Deutschland hat Droemer Knaur schon vor einigen Jahren USB-Sticks mit verwackelten Videos in Umlauf gebracht, dazu Hinweise auf eine Website. Dort konnte man Kontakt mit einem zehnjährigen Jungen aufnehmen, der sich für die Reinkarnation eines Serienmörders hielt – die Hauptfigur aus Sebastian Fitzeks Bestseller „Das Kind“. Seitdem werden immer mehr Thriller von ARGs begleitet. Ganz aktuell: Stephan M. Rothers „Ich bin der Herr deiner Angst“ (Rowohlt. Reinbek 2012, 574 S., brosch., 9,99 €). Das Buch wollte ich eigentlich auf keinen Fall zu Ende lesen, weil die Handlung nur aus einem Haufen amerikanischer Paperbacks zusammengestoppelt ist, unter inflationärer Verwendung von Begriffen wie „albtraumhaft“ und „dämonisch“. Hamburg wird durch eine Reihe brutaler Morde erschüttert, zwei Polizisten, eine Reporterin, später ein Psychologe. Die Opfer haben alle in den achtziger Jahren mit dem Fall eines Serienkillers zu tun gehabt, der Menschen in den Tod trieb, indem er sie ihren tiefsten Ängsten aussetzte: Unter anderem hat er eine Frau, die an schwerer Arachnophobie litt, im Tierpark Hagenbeck ins Spinnenhaus gesperrt, wo sie sich buchstäblich „zu Tode erschrocken“ hat. Damit fängt es an.

Das Buch erscheint erst in einer Woche. Rowohlt hat allerdings schon vor vier Wochen ein ARG gestartet. Kärtchen mit Angst-Motiven wurden verschickt, die ersten Mitspieler fanden sich über Google. Die Story: In Hamburg ist eine Frau entführt worden, und der Entführer – der „Herr der Angst“! – versucht auf diesem Weg, öffentliche Aufmerksamkeit für einen weit zurückliegenden Mordfall zu erzeugen. Dass das jetzt niemand für echt hält, ist klar. Trotzdem folgen die Spieler brav dem „puzzle trail“. Sie klicken nicht nur im Internet herum und posten handschriftliche Briefe an den „Herrn der Angst“, sondern finden sich auch mal an einer öffentlichen Telefonzelle in Hamburg ein, um per Anruf neue Anweisungen entgegenzunehmen. Ob’s funktioniert? Aus Marketing-Sicht geht es nur darum, einen Titel ins Gespräch zu bringen, also „buzz“ zu generieren. Mithilfe eines ARGs bekommt man immer ein paar Blogeinträge oder Postings bei LovelyBooks und anderen Bücher-Netzwerken. Und bei Facebook wird sowieso jeder Quatsch eingestellt.

Interessanterweise geht niemand davon aus, dass die ARG-Spieler selbst das Buch kaufen werden. Eigentlich logisch: Andersherum werden sich ernsthafte Leser von sogenannter Unterhaltungsliteratur ja auch kaum darauf einlassen, sich mithilfe medialer Tricks und digitaler Kaninchenlöcher in die Handlung eines Buchs hineinziehen zu lassen. Ich habe das ARG schnell abgebrochen – und mir stattdessen doch noch ein nettes Wochenende mit dem Vorab-Exemplar von „Herr deiner Angst“ gemacht. Die Handlung haut einen nicht um, das hat man alles schon tausendmal gelesen. Das aber ist auch nicht der Punkt bei Serienkiller-Romanen und vergleichbarer Massenware. Es geht darum, dass ein Spiel inszeniert wird, das festen Regeln folgt. Die größte Überraschung besteht darin, dass sich am Ende eine bis dahin weitgehend harmlose Nebenfigur als Täter entpuppt. Und selbst dem kann man vorbauen. Indem man kurz mal bis zum Ende vorblättert.

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