Verbrecher JAGD : Unser Krieg auf dem Balkan

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Hier also endlich wieder ein richtig schmutziger Polizeiroman aus Deutschland. Diller und Kessel – das sind die Polizisten – sollen im Münchner Westend eine Wohnung observieren. Kessel verlässt den Wagen, um bei ein paar Arabern ein Tütchen Stoff zu kaufen. Es kommt zum Streit, die Beamten flüchten sich in ihren Wagen. Als einer der Dealer mit einem Baseballschläger auf sie losgeht, verliert Kessel die Nerven und hält direkt auf ihn zu. Ein schwerer Unfall, Fahrerflucht. „Wenn wir dichthalten, können die uns nichts“, sagt Diller, der um seine Bezüge fürchtet und um sein Reihenhaus. Doch das Gerücht, dass zwei Polizisten einen schwer verletzten Araber auf der Straße liegen gelassen haben, macht schnell die Runde. Es kommt zu schweren Auseinandersetzungen.

Georg M. Oswald hat immer mal Kriminalromanelemente verwandt, in „Party Boy“ (1998) und „Alles was zählt“. Mit „Unter Feinden“ (Piper, München 2012. 245 S., 18,99 €) hat er jetzt seine ersten echten Thriller geschrieben. Seine Heimatstadt München hat er dafür zum sozialen Brennpunkt gemacht, mit Anklängen an die Riots in Manchester, Bristol und London im letzten Sommer: Türken und Araber stecken Streifenwagen in Brand und liefern sich Schusswechsel mit der Polizei, und das alles drei Wochen vor der jährlich stattfinden Sicherheitskonferenz. Diller und Kessel wissen, dass man sie ans Kreuz nageln wird, wenn herauskommt, was an jenem Abend im Westend passiert ist. Bevor die internen Ermittler sie ins Visier nehmen, lässt Kessel sich darum auf einen Pakt mit dem Teufel ein. Ein einflussreicher arabischer Kaufmann will die Sache mit dem Dealer aus der Welt schaffen, wenn Kessel ihm während der Sicherheitskonferenz „einen Gefallen“ tut: einen tödlichen Gefallen.

Mich hat Oswald sofort gekriegt: „Unter Feinden“ ist ein hart kalkulierter Thriller, professionell nach angloamerikanischem Vorbild gearbeitet – mit dem kleinen, aber wirkungsvollen Trick, die hässlichen Konflikte aus Einwanderungsländern wie Frankreich oder Großbritannien auf Deutschland hochzurechnen.

Es geht allerdings auch ganz anders. Oliver Bottinis Ausgangspunkt ist eine deutsche Idylle. Nach dem vorläufigen Ende seiner Serie um die Freiburger Ermittlerin Louise Bonì beginnt sein neuer Roman „Der kalte Traum“ (DuMont, Köln 2012, 446 S., 18,99 €) ganz zart in einem „sanftmütigen Tal“ bei Rottweil, „umgeben von rotgoldenen Wäldern, unter einem stillen Himmel“. 1991 bricht hier ein junger Mann namens Thomas Cavar – geboren in Deutschland, als Sohn kroatischer Einwanderer – auf, um im zerfallenden Jugoslawien für seine Heimat zu kämpfen: einer von vielen „Hobbysoldaten“, die das Land ihrer Eltern nur aus Erzählungen kennen. Vier Jahre später ist er tot, gefallen und verscharrt in einem Massengrab. Das ist heute alles lange her, der Krieg auf dem Balkan ist längst vorbei. Doch plötzlich, im fernen Den Haag, steht gerade ein kroatischer Kriegsverbrecher vor Gericht, taucht ein Mann mit osteuropäischem Akzent in dem hübschen, freundlichen Tal bei Rottweil auf. Er fragt nach Thomas Cavar – und wird den Krieg kurz darauf dann noch einmal dahin bringen, wo er begonnen hat: mitten ins Herz von Deutschland.

Das ist mein Tip für dieses Frühjahr: „Der kalte Traum“ ist ein extrem spannender und zugleich gefährlich politischer Krimi. Anhand der Geschichten von Thomas Cavar, einem Berliner Polizisten, der in Rottweil ermittelt, und einem melancholischen Ex-Außenministeriumsmitarbeiter blickt Oliver Bottini zurück auf den Sündenfall des wiedervereinigten Deutschlands.

Erinnert sich noch jemand? 1991 hatten Kohl und Genscher gegen den erklärten Willen der internationalen Gemeinschaft Kroatien anerkannt und damit den „bosnischen Albtraum“ beschworen, jenen grausamen Krieg, der durch ethnische Säuberungen und Massaker geprägt war. Ein Krieg, der eben auch „unser“ Krieg war. Es geht um Politik und Moral in diesem Roman, aber auch um Schuld und Rache, um Freundschaft, Loyalität und Verrat. Und das alles elegant runterzurechnen auf ein überschaubares Format, das man getrost als Kriminalroman bezeichnen kann: Diesen Trick soll bitte schön erst einmal jemand Oliver Bottini nachmachen.

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