Kultur : Verfolgen und Beten

Roadmovie einer Bekehrung: Wenders’ Amerika-Film „Land of Plenty“

Christiane Peitz

Am Ende der Reise stehen sie vor Ground Zero. Paul, der Vietnamveteran, stellt enttäuscht fest, dass es sich nur um eine gewöhnliche Baustelle handelt. Lana, die junge Frau sagt: „Le’s just listen.“ Lass uns hören, was der Ort uns erzählt. Und Leonard Cohen singt, eines Tages werde die Wahrheit ans Licht kommen.

Ein seltsam berührender, feierlicher Augenblick: Zum ersten Mal ist die Terrorstätte des 11. September Schauplatz eines Spielfilms: Ground Zero, aufgehoben im fantastischen Raum des Kinos, als zugleich realer und imaginärer Ort. Behutsam hat sich Wim Wenders ihm angenähert mit seiner eher lose gestrickten Geschichte um Paul und Lana, Onkel und Nichte. Der selbst ernannte Amerika-Verteidiger versteht sich zunächst kein bisschen mit seiner gottesfürchtigen, grundgütigen Verwandten, die aus dem Nahen Osten kommend in den USA weniger ein „Land of Plenty“ vorfindet als ein Land voll Hunger und Angst. Ein Wohnmobil, ein Obdachlosen-Asyl in Los Angeles, ein Kaff in der Mojave-Wüste – der amerikanische Alptraum. Und der Himmel über Downtown L.A. ist schmutzig blau.

John Diehl spielt diesen Paul – typisch Wenders – als schweigsam-nervösen Großstadt-Cowboy. Ein patriotischer Blindgänger, Nomade im Van, mit Überwachungstechnik hochgerüstet, immer im Dienst. Seit Vietnam ist er krank, seit 9/11 wittert er überall Terroristen. Bis er in seinem Verfolgunswahn anstelle chemischer Waffen im vermeintlichen Schläfernest eine bettlägerige Alte aufspürt, die vor allem darunter leidet, dass die TV-Fernbedienung nicht mehr funktioniert. Für den paranoiden Krieger ein Realitätsschock.

Michelle Williams als Lana lächelt derweil ein bisschen zu viel und kommuniziert fleißig per E–Mail mit den Freunden in Israel. Sie will verstehen, will helfen, ein wahrer Engel von Mensch. Allmählich verwandelt die stille Missionarin den verstockten Onkel in ein halbwegs humanes Wesen. „Land of Plenty“: Roadmovie einer Läuterung.

Ein DV-Film, in nur 16 Tagen aus der Hand gefilmt. Keine großen, gültigen Bilder, sondern Flüchtiges, Skizzen. Bleiche Landschaften, verwaschene Totalen, Gesichter im Schatten, verschlossene Türen. Wim Wenders, Meister des schweifenden Blicks, bringt Amerikas schäbige Seite diesmal nicht zum Leuchten, sondern versucht es mit einer Ästhetik der Armut. Und probiert – mit Ko-Autor Michael Meredith und Kameramann Franz Lustig – eine Haltung eher aus, als dass er sie selbstgewiss zur Schau stellt. Welcher moralische, ästhetische Standpunkt lässt sich aus europäischer Warte gegenüber Amerika nach dem 11. September einnehmen?. Einer der Orte, die Lana und Paul auf ihrem Selbstfindungstrip durchqueren, heißt Truth and Consequences.

Verfolgen oder Beten, Fundamentalismus oder Idealismus, Privatkrieg oder Sozialarbeit: Leider bleiben die Optionen, die Wenders ins Bild setzt, allzu simpel, nach dem überdeutlichen Motto: Tut Gutes und bekehret euch. Allein der Soundtrack mit Songs von Cohen, Bowie und Thomas Hanreich versetzt die Prediger-Weisheit in die skeptische Tonart der Melancholie.

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