Verfolgung im Nationalsozialismus : Die Villa Emma als Schutzraum

Auch in Italien machten die Nazis im Zweiten Weltkrieg Jagd auf Menschen. Einer Dorfgemeinschaft gelang es, eine Gruppe von jüdischen Kindern in einer Villa zu verstecken. Die Geschichte einer Rettung.

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Ein Kind auf der Flucht nach Ende des Zweiten Weltkriegs.
Ein Kind auf der Flucht nach Ende des Zweiten Weltkriegs.Foto: dpa US Army

Alle müssen es gewusst haben. Oder doch fast alle: Bei uns im Ort sind die verfolgten jüdischen Kinder versteckt. Aber keiner verriet ein Wort, als im September 1943 die Wehrmacht Italien besetzte. Jeder Schutzraum wurde genutzt, Heuböden, Kuhställe, Getreidespeicher; auch ein Lagerraum für Tabak, ein Weinkeller, ein Obstgarten. Nonnen und Priester hatten viele der Kinder in ihren Seminarräumen untergebracht. Die anderen waren verteilt auf etwa 35 Familien, Bauern, Korbflechter, Ladeninhaber.

73 Kinder und Jugendliche hatten in Nonantola schon ein Jahr lang überlebt. Geflüchtet vor den nationalsozialistischen Menschenjägern, waren sie auf einer Odyssee durch halb Europa in der halb verfallenen Villa Emma gelandet, einst Sommersitz eines jüdischen Fabrikanten aus der Region um Modena. Durch ihre Betreuer, allen voran der unermüdliche Josef Indig, war dort eine improvisierte Mischung aus Kinderheim und Internat entstanden, wo die Mädchen und Jungen unter anderem Neuhebräisch lernten und Grundlagen der Landwirtschaft. Ihr Ziel sollten, nach dem Krieg, Kibbuzim in Palästina sein.

Genau zur richtigen Zeit, in einer von Nachrichten über Flucht und Verfolgung beherrschten Gegenwart, erscheint die Neuauflage von "Villa Emma. Jüdische Kinder auf der Flucht. 1940 – 1945" des Berliner Historikers Klaus Voigt, die beispiellos detaillierte Rekonstruktion einer Rettung. Kaum eine Passage in diesem Buch, die nicht direkt oder indirekt an die Geschichten der Geflüchteten von heute erinnert.

Eine Rabbinerin rettete die Kinder

Zu den Rettungsaktionen jüdischer Kinder, deren Eltern in Konzentrationslager gekommen waren, gab Recha Freier den Anstoß, die Ehefrau eines Berliner Rabbiners. (Albert Einstein, mit dem sie befreundet war, hatte Freier 1954 vergeblich für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Den Preis erhielt in dem Jahr der „Urwalddoktor“ Albert Schweitzer.) Unter Lebensgefahr hatte Freier in Berlin die Jugend-Aliyah ins Leben gerufen, die für die Auswanderung von Waisen und Halbwaisen nach Palästina sorgen sollte.

Ein großer Teil der 73 Kinder, deren Odyssee Klaus Voigt nachzeichnet, und von denen er über 30 als Erwachsene kennenlernte, hatten zunächst mit Freiers Hilfe die Reise nach Kroatien bewältigt. Sie verbrachten dann ein Jahr in Slowenien, im Jagdschloss von Lesno brdo. Josef Indig, beseelt von den Gedanken der Reformpädagogik und sozialistisch-zionistischen Idealen, versuchte seine traumatisierten Schützlinge aus Polen, Deutschland, Rumänien, Ungarn und Kroatien zu begeistern für freie Aussprache in der Gruppe und die Freude am gemeinsamen Lernen. Mühsam gelang es ihm, die heterogene Gruppe zusammenzuschweißen. Finanziell und logistisch unterstützt wurde die Gruppe von einer in Genua ansässigen jüdischen Hilfsorganisation für Flüchtlinge, die Zuwendungen unter anderem aus der Schweiz erhielt.

Erst drohten die italienischen Dorfbewohner, dann halfen sie

Als die politische Lage in Lesno brdo unhaltbar wurde, siedelte die Hilfsorganisation die Kinder und deren Betreuer nach Nonantola um, in die Villa Emma. Ein weiteres Jahr der Improvisation verging, beherrscht von materieller Not, latenter bis offener Bedrohung durch den wachsenden Antisemitismus in Italien und der erschütternden Post mit Todesnachrichten über Eltern und Geschwister – bis sich Ende 1943 die Bewohner von Nonantola selber an der letzten Phase der Rettung beteiligten. Ihnen waren die Jungen und Mädchen, die sie kennengelernt hatten, und von deren Verfolgung sie wussten, ans Herz gewachsen. Die am Ort stationierte Einheit der Wehrmacht erfuhr offenbar nicht einmal von italienischen Faschisten etwas über die plötzlich aus der Villa Emma verschwundenen Kinder.

Auf abenteuerlichem Weg glückte fast allen Ende 1943 die Flucht in die Schweiz. Jede Station der Kindergruppe war bedroht, auf jeder wurde Geld verlangt oder erpresst – für Papiere, Unterkünfte, Lebensmittel, Stillschweigen, Auskünfte, Grenzschleuser und für die Bestechung von Zollbeamten, Wachposten, Soldaten. Zugleich gab es auf jeder Station mutige, menschliche Hilfe. Bis auf einen Jungen, der nach Auschwitz deportiert wurde, haben alle Kinder der Villa Emma überlebt.

Klaus Voigt: Villa Emma. Jüdische Kinder auf der Flucht. 1940 – 1945. Metropol Verlag, Berlin 2016. 336 S., 22 €.

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