Verhüllung des Reichstags : Dieses erste deutsche Sommermärchen

Vor zwanzig Jahren wurde der Reichstag verhüllt. Ein künstlerisches Symbol, das das Land verändert hat. Doch von der Idee bis zur Umsetzung vergingen 24 Jahre. Der Ideengeber Michael S. Cullen erzählt von den Anfängen.

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Der verhüllte Reichtstag des Künstlers Christo.
Der verhüllte Reichtstag des Künstlers Christo.Foto: Wolfgang Volz

Christo und Jeanne-Claude haben den Berliner Reichstag verhüllt – 1995 war das, am 24. Juni begann dieses erste Berliner, dieses erste deutsche Sommermärchen. Für jeden, der damals den verhüllten Reichstag sehen konnte, wird die Stimmung der Ruhe, des Staunens, der fast völligen Stille inmitten tausender Menschen unvergesslich bleiben. Die Idee kam von Michael S. Cullen, einem US-Bürger, der seit 1968 in Berlin lebt. Schon 1971 schrieb er eine Postkarte an Christo und Jean-Claude. Die unglaubliche Geschichte einer fabelhaften Idee.

Der 80. Geburtstag von Christo (und von Jeanne-Claude, die 2009 verstarb) liegt eine Woche zurück. Man konnte viel über das Werk der beiden lesen, viel Zutreffendes, aber auch Irritierendes: In einem Gratulationsartikel am Sonnabend, dem 13. Juni, hieß es, beide seien am 13. Juni 1935 geboren. Dann schließt der Text mit einem sinnlosen Satz: „Am morgigen Sonntag wird Christo achtzig Jahre alt.“ Kein Wort über den Tod von Jeanne-Claude … uff!

Christo blickt nach vorne und Jeanne-Claude ist immer noch an seiner Seite

Aber auf eine bestimmte Weise stimmen die Texte auch nicht. Christo wirkt wie ein Mittdreißiger. Das Geheimnis? Fünf Stockwerke Treppen zum Atelier mehrmals am Tage, viel Knoblauch und Joghurt, und immer eine positive Einstellung zur Umwelt. Vor allem: Christo schaut immer in die Zukunft.
Wenn Christo sentimental wäre, würde er das 20. Jubiläum der Reichstagsverhüllung feiern, würde zurückblicken und immerfort davon erzählen. Christo ist anders: Er blickt selten zurück. Spricht man mit ihm, spricht er im Präsens (auch spricht er von Jeanne-Claude im Präsens, sagt immer „wir“). Mehr jedoch blickt Christo nach vorn. In der abgelaufenen Woche war er in Berlin, beim Bundestagspräsidenten, und besichtigte dort eine Sammlung von Werken, die in enger Beziehung zur Verhüllung des Reichstags stehen – jener spektakulären Aktion, die am 24. Juni 1995 begann und die Berliner verzauberte, ja, das Bild Berlins in der Welt mit einem Zauber verklärte – einem Zauber, der bis heute anhält.

Verhüllter Reichstag
Vor 15 Jahren, am 24. Juni 1995 zeigten Christo und Jean-Claude ihren verhüllten Reichstag der Öffentlichkeit.Weitere Bilder anzeigen
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24.06.2010 12:11Vor 15 Jahren, am 24. Juni 1995 zeigten Christo und Jean-Claude ihren verhüllten Reichstag der Öffentlichkeit.


Doch wir blicken zurück: Es war am 16. Juni 1995, als die ersten gigantischen Bahnen aluminiumbedampften Polypropylengewebes vom Reichstagsdach herab ,verstoßen‘ wurden. Tausende Schaulustige trauten ihren Augen nicht, als Fassadenkletterer vor den Planen schwebten, die Anschlüsse fixierten und die Seile vertäuten. Vom 24. Juni an stand das Haus verhüllt da, vom Scheitel bis zur Sohle, und, mit Ausnahme von einem stürmischen Tag am Anfang, schimmerte der alte Kasten im wechselnden Licht bis zum Schluss am 7. Juli. Zwei ganze Wochen schwebte Berlin im Glück.

Der verhüllte Reichstag, ein Mythos des deutschen Volkes?

Der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer schwärmte: „Hat jemals der höchste Ort der Demokratie so viel Annahme erfahren wie während dieses künstlerischen Spektakels? Da versammelt sich ein friedliches Volk vor dem eher monströsen Gebäude unserer gebrochenen deutschen Geschichte und steht davor wie vor einem Geheimnis. Millionen strömen vor diesen wie vom Himmel herabgefallenen Kristall. Beinahe andächtig stehen, laufen, kauern sie am Reichstag, tagelang, nächtelang. Dieses verhüllte mächtige Gebäude mit seiner wechselvollen Geschichte erscheint plötzlich in friedfertiger Schönheit und macht Menschen still. Der verhüllte Reichstag gehört vielleicht fortan zu dem, was den ,Mythos‘ eines Volkes ausmacht. Danke, Christo!“

In seiner ersten Rede als Bundespräsident am 2. Juli 2010 gratulierte Christian Wulff Christo und Jeanne-Claude zum „Dicke-Bretter-Bohren“, zum langen Atem, der nicht nur in der Kunst, sondern überall im Leben empfohlen sei. Er erinnerte sich, „wie fremd und zugleich wie schön dieser Schicksalsort deutscher Demokratie auf einmal wirkte, dank künstlerischer Kraft und auch dank technischem Können. Das Kunstwerk hat damals ein Gemeinschaftsgefühl geweckt zwischen Menschen aller Altersstufen, Nationalitäten, Herkünfte und Berufe. Es hat sein Teil beigetragen zu dem neuen, fröhlichen Gesicht unseres Landes in der Welt.“ Richard von Weizsäcker sagte damals zu mir, es sei, als herrsche nach einem langen Krieg der Friede, aber keiner hielt eine Rede. Ja, auch Wolfgang Schäuble, der lange gegen die Verhüllung gesprochen hatte, änderte seine Meinung, nachdem er das verhüllte Parlamentsgebäude gesehen hatte.

"Alle Arbeiten Christos wurden zuerst angefeindet, dann gefeiert."

Dies vorhergesehen hat Gerd Bucerius in einem Artikel für „Die Zeit“ vom 6. September 1985, als Christo hoffte, die CDU-Fraktion in Bonn würde über das Projekt positiv entscheiden: „Alle Arbeiten Christos wurden zuerst angefeindet, dann gefeiert.“ 100 Prozent zutreffend, denn die, die erst dagegen Sturm gelaufen waren, wollten nun, dass die Christos die Zeit der Verhüllung verlängerten. Welch kostbare Ironie. Das ging nicht. „Die größten Kritiker der Elche waren früher selbe welche.“ Es kam noch trauriger. Wie bei anderen Projekten reisten Christo und Jeanne-Claude vor dem Abbautermin ab – das Ende, das „Einsargen“, wollten sie nicht anschauen – zu schmerzlich.
Mir fällt es schwer, nicht „Christo und Jeanne-Claude“ zu schreiben. Diese unglaublich begabte Frau – klug, witzig, giftend, charmant, immer kränkende Urteile von sich gebend – starb am 18. November 2009. Sie fehlt, aber sie ist nie weit. Christo agiert jetzt ohne ihren Rat, ohne ihren Konter. „Sie war meine beste Ratgeberin, mein Partner. Ich habe sie geliebt.“

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