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Verleger und Publizist Wolf Jobst Siedler gestorben : Der Unzeitgemäße

Seine Prosa und sein Denken hatten den großen Flügelschlag, den ausholenden Blick entlang der Bruchlinien der Geschichte. Den Grundton für sein Leben gab dabei stets Berlin. Mit dem Tod von Wolf Jobst Siedler schließt eine Epoche ab.

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Wolf Jobst Siedler (Mitte) und seine Frau Imke Siedler 1976 im Gespräch mit Berlins damaligen Bürgermeister Klaus Schütz.
Wolf Jobst Siedler (Mitte) und seine Frau Imke Siedler 1976 im Gespräch mit Berlins damaligen Bürgermeister Klaus Schütz.Foto: ullstein bild - Beck

Seit langem konnte er, schwer erkrankt, sein Haus nicht mehr verlassen. Doch die Nachricht, dass Wolf Jobst Siedler am Mittwoch gestorben ist, lässt sogleich wieder in Erinnerung treten, wer und was er war: Über viele Jahrzehnte eine bedeutende, inspirierende und bewunderte Erscheinung im intellektuellen Leben der Bundesrepublik. Zumal Berlin hat seit den frühen Nachkriegsjahren in ihm einen Begleiter, Deuter und Mitbeweger gehabt hat, der seinesgleichen sucht. Und zwar im großen, weit über die Stadt hinausreichenden Sinne. Denn in ihm war etwas Wichtiges Gegenwart: Kultur und Geistesart, die nicht allein mit ihren Urteilen und Standpunkten wirkte, sondern – so möchte man sagen – durch ihr Dasein. Von diesem Autor und Verleger ging eine Kraft aus, die auf unterschiedliche Weise, aber immer in unverkennbarer Eigenart an dem vergangenen Halbjahrhundert mitwirkte.

Einprägsam war er schon durch sein Auftreten: Als junger Mann durchaus dem Bild des romantischen Jünglings nahekommend, freilich in seiner eleganten Spielart, blieb er zeitlebens eine präsentable Figur – ein Herr, eindrucksvoll mit seiner kräftigen Physiognomie unter dem bis ins Alter dichten Haarschopf. Dazu gesellte sich eine Fülle von Begabungen und Fähigkeiten, mit denen er wirkte und für sich einnahm: Charme, Kultiviertheit und Weltläufigkeit. Gewiss neigte er gelegentlich auch dazu, mehr auszuspielen, als er in den Karten hatte. Doch selbst sein Überlegenheitsgefühl trug er so lässig, dass es ihm von fast jedem nachgesehen wurde.

Ein gebildeter Flaneur

Dieser gebildete Flaneur begründete seinen Ruf schon mit seinen Anfängen, die furios gewesen sein müssen. Erst 26-jährig wird er Anfang der fünfziger Jahre Feuilletonchef dieser Zeitung, und dirigiert im eingeschlossenen Berlin locker einen Kulturteil, in dem wie selbstverständlich die großen Namen der Zeit auftauchen, von Arthur Koestler bis Hannah Arendt, von William Faulkner bis Saul Bellow. Bald überall in Berlin präsent, als staunenswerte Begabung, als Anstoß-Geber und gesellige Natur, brillierte er zugleich als Autor.

Wolf Jobst Siedler - Verleger aus Berufung
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1 von 8Foto: Imago
28.11.2013 14:06Von der „Möwe Jonathan“ bis zu einer deutsch-deutschen Bismarck-Biografie: Als Verleger spannte Wolf Jobst Siedler einen weiten...

Mit einer Handvoll Essays, Kritiken und Rezensionen, veröffentlicht zumeist im Tagesspiegel, ist sogleich ein unverwechselbarer Ton, sein Ton da – diese Mischung von Geist und Eleganz, die sichere Textur der Bilder und Assoziationen, das leichthändige Paraphrasieren durch die Geschichts- und Weltlagen. Selten galt das Wort, dass der Stil der Mensch sei, so wie bei ihm. Als eine Leserumfrage in den neunziger Jahren nach herausragenden Tagesspiegel-Autoren fragte, rangierte er noch immer ganz oben. Dabei hatte er das Blatt schon vor Jahrzehnten verlassen.

Er erspürte den Wandel des Zeitgeistes

Doch die Schreibe des jungen Siedler verband sich – was vielleicht noch verwunderlicher war als ihre stilistische Sicherheit – mit intellektuellem Anspruch. Von Anfang an verblüfften seine Artikel mit der seismografischen Fähigkeit, von Nebensächlichkeiten aus, von der Veränderung der Schmuckformen an den Gebäuden oder dem Stil von Kriegsliedern, den Wandel des Zeitgeistes zu erspüren. Das verdichtete sich in dem Buch, mit dem er Furore machte. Es hieß „Die gemordete Stadt“, Untertitel: „Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum“, und erschien 1964. Es warf dem modernen Städtebau den Fehdehandschuh hin.

Erst als reaktionäres Ärgernis angegriffen, wurde das Buch bald zum Schrittmacher für ein Umdenken, das, in Architektur und Lebensanschauung, noch bis in die Gegenwart nachwirkt. Es präludiert ironisch einer Rückschrittlichkeit, die auf der Höhe der Zeit ist, einem Konservatismus, der guten Gewissens freundliche Beziehungen zum Fortschritt unterhält, also einem Leben in und mit den Ambivalenzen der Epoche.

Was Siedler übrigens nicht daran hinderte, zu einer unüberhörbaren Stimme in den damaligen Berliner Bau-Debatten zu werden. Er war, von Willy Brandt berufen, Mitglied des Planungsbeirats Berlins, und gehörte Mitte der siebziger Jahre zu den Anregern der Internationalen Bauaustellung, mit der West-Berlin überzeugende Beispiele für architektonische Erneuerung setzte. Aber ihm ist auch (mit)zuverdanken, dass der Gropius-Bau noch steht, heute das unverzichtbare, schöne Berliner Ausstellungsgebäude – und nicht der Stadtplanung zum Opfer gefallen ist.

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