Kultur : Verleihen verboten

E-BOOKS UND URHEBERRECHT Ausweitung der Kampfzone: Die Piratenpartei hat die Debatte über das Copyright im digitalen Zeitalter neu entfacht. Droht dem Buchmarkt ein Glaubenskrieg wie in der Musikbranche?

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Die schlechte Nachricht zuerst. 1,9 Millionen Deutsche lesen mittlerweile Bücher auf Bildschirmen, aber nur die Hälfte von ihnen bezahlt für die Inhalte. Die andere Hälfte der Nutzer besorgt sich die Dateien auf anderen Wegen. Kürzlich hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels aktuelle Zahlen vorgelegt: 2010 sollen rund 800 000 E-Book-Leser insgesamt 14 Millionen Bücher illegal heruntergeladen haben. Die Zahlen sind allerdings nicht ganz eindeutig, denn auch Downloads von privaten Websites, Blogs oder Newsforen wurden als „illegal“ bewertet.

Noch ist das alles, und das ist dann wohl die gute Nachricht, weder für Verlage noch für Autoren existenzbedrohend. Das hängt damit zusammen, dass die Deutschen – anders als die Amerikaner – ausgesprochene E-Book-Muffel sind. Daran haben bislang auch die optimistischen Wachstumsprognosen, die seit Jahren die Frankfurter Buchmesse begleiten, wenig ändern können. Von den 9,7 Milliarden Euro, die letztes Jahr in Deutschland mit dem Verkauf von Büchern umgesetzt wurden, stammte weniger als ein Prozent aus dem E-Book-Geschäft; im ersten Halbjahr 2011 waren es überschaubare 0,7 Prozent. Trotzdem, so Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Gespräch mit dem Tagesspiegel, seien die Downloadzahlen ein Grund zur Sorge: „Beim E-Book-Markt in Deutschland handelt es sich noch um ein sehr junges Angebot – dafür ist der Markt aber bereits jetzt schon sehr stark von illegalen Downloads betroffen.“ Von Überdramatisieren könne keine Rede sein.

Der Konflikt ist bekannt. Das Internet löst das Werk von seinem Datenträger, es erleichtert das Tauschen und Kopieren, es verringert die Akzeptanz für Urheber-, vor allem aber für die dazugehörigen Verwertungsrechte, die zum Beispiel ein Autor in der Regel an einen Verlag abtritt. Bei den hitzig geführten Auseinandersetzungen um die Anpassungen des Urheberrechts ans digitale Zeitalter bleibt der Urheber selbst deshalb meistens außen vor. Die Front verläuft zwischen den Verwertern und den Endnutzern – oder zwischen den Verwertern und den Verteilern, also Suchmaschinen oder Videoplattformen. Friedliche Einigung ist fast nirgendwo in Sicht, weder beim Thema Open Access noch beim Leistungsschutzrecht. Lediglich beim Umgang mit den sogenannten „verwaisten Werken“ deutet sich gerade ein politischer Kompromiss an.

Die große strukturelle Umwälzung hat bislang nur die Musikbranche hinter sich. Anfangs versuchte man es mit Kopierschutz und Abmahnungen, heute gibt es ein breites legales Angebot. Drei Viertel aller Nutzer greifen laut der aktuellen „Studie zur digitalen Content-Nutzung“ ausschließlich darauf zurück. Die illegalen Downloads von Einzeltracks sind in den letzten fünf Jahren von 412 Millionen auf 185 Millionen gesunken – was der Musikindustrie natürlich immer noch zu viel ist.

Die Verlagsbranche macht keinen Hehl daraus, dass sie ähnliche Entwicklungen am liebsten im Keim ersticken will. Deshalb tritt sie neuerdings die Flucht nach vorne an, fordert eine Politik der harten Hand, wie sie in Frankreich schon praktiziert wird. Dort werden die Nutzer bei illegalen Downloads zweimal von ihrem Provider ermahnt, beim dritten Mal droht die temporäre Sperrung des Internetzugangs. Für dieses umstrittene Three-Strikes-Modell spricht sich Skipis zwar nicht explizit aus, aber er argumentiert mit der abschreckenden Wirkung von Verwarnungen: „81 Prozent derer, die selbst Medieninhalte illegal herunterladen, glauben, dass die Versendung von Warnhinweisen dazu führen würde, dass Menschen illegales Filesharing einstellen. Der Ansatz kann also so falsch nicht sein.“ Seine Schlussfolgerung: Es brauche „spürbare Sanktionen für rechtswidriges Handeln“. Zur Eröffnung der Buchmesse hat Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, diese Forderung nun wörtlich wiederholt.

Dass der Ton derart scharf geworden ist, wundert Matthias Spielkamp nicht. Der 41-Jährige ist Mitbegründer des Portals www.iRights.info, das seit 2005 über das Kleingedruckte im deutschen Urheberrecht informiert. Auch er ist sich sicher, dass die digitale Leselust in den nächsten Jahren deutlich zunehmen wird. Die politische Strategie der Verlagsbranche hält er trotzdem für kontraproduktiv. Einerseits werde der Verbraucher damit massiv verunsichert, „viele Leute halten ja selbst die erlaubte Privatkopie schon für illegal“. Andererseits wächst mit jeder unverhältnismäßigen Drohgebärde auch das Heer der Verärgerten. Deren Position sei dann der komplette Boykott des Geschäftsmodells: „Die finden die Forderungen der Verwerter realitätsfremd und richten sich schon deshalb nicht mehr danach.“

Vor allem die Piratenpartei steht in dem Ruf, sowohl das Urheber- als auch das Patentrecht am liebsten sofort abschaffen zu wollen; auch Honnefelder wies in seiner Frankfurter Rede am Dienstagabend darauf hin. Am aktuellen Grundsatzprogramm der Piraten lässt sich dieser Pauschalverdacht allerdings nicht verifizieren, im Gegenteil. „Wir erkennen die Persönlichkeitsrechte der Urheber an ihrem Werk in vollem Umfang an“, heißt es da. Den Piraten sind weniger die Urheber, als vielmehr die Geschäftsmodelle der Verwerter ein Dorn im Auge. Durch deren Kopierschutz werde die Verfügbarkeit von kulturellen Gütern „künstlich“ verknappt: „Die Schaffung von künstlichem Mangel aus rein wirtschaftlichen Interessen erscheint uns unmoralisch, daher lehnen wir diese Verfahren ab.“ Stattdessen sollte „die nichtkommerzielle Vervielfältigung und Nutzung von Werken als natürlich betrachtet werden“. Dass man damit bestimmten Verwertern (den Verlagen) die Geschäftsgrundlage entzieht, während man anderen (wie Google) möglicherweise in die Hände spielt, wie „Cicero“Chefredakteur Michael Naumann in einem Magazin-Beitrag süffisant anmerkt, ficht die Piraten dabei erst mal nicht an.

Sollte die junge Partei mittelfristig politisch präsent bleiben, dann werden sich die verbalen Gefechte ums Urheberrecht weiter verschärfen – die letzten Tage haben einen Vorgeschmack darauf geboten. Das E-Book selbst ist daran nicht ganz unschuldig: Noch immer ist es verhältnismäßig teuer, außerdem verkaufen unterschiedliche Anbieter unterschiedliche Formate für unterschiedliche Lesegeräte. Und natürlich kann man ein elektronisches Buch anders als ein gedrucktes weder verschenken noch gebraucht weiterverkaufen. Für den Urheberrechtsexperten Spielkamp ist das der eigentliche Skandal: „Wenn dir der Buchhändler ein Buch verkauft, dann darfst du mit diesem sogenannten Werkstück machen, was du willst.“ Nicht mit dem Inhalt, aber mit dem materiellen Datenträger. Im Urheberrecht heißt das Erschöpfungsgrundsatz.

Bei einem digitalen Buch greift der Erschöpfungsgrundsatz nicht mehr, der Nutzer erwirbt nur eine Nutzungslizenz, eine Leseerlaubnis. Eben diese darf er nicht veräußern, nicht verleihen oder vererben. Es gibt deshalb Forderungen der Verbraucherschutzverbände, den Erschöpfungsgrundsatz auf immaterielle Güter auszuweiten. In der Studie „Verbraucherschutz im Urheberrecht“, die der Bundesverband der Verbraucherzentralen vor einigen Monaten vorgelegt hat, wird unter anderem die „Einführung einer allgemeinen Weiterveräußerungsbefugnis“ für „unkörperliche Werkexemplare“ gefordert.

Die Crux: Das digitale Buch kann anders als das analoge Exemplar beliebig oft vervielfältigt werden, ohne dass sich Original und Kopie in ihrer Qualität unterscheiden. Kann, aber darf nicht: Die Verlage haben jedenfalls wenig Interesse daran, dass E-Books frei im Netz herumfloaten. Matthias Spielkamp dagegen wehrt sich gegen den pauschalen Verdacht, der hinter jeder Nutzungseinschränkung steckt: „Die meisten sind ja bereit zu bezahlen, aber es wird nicht belohnt.“ Für den lesehungrigen Nutzer brauche es bequeme legale Wege, um an E-Books zu kommen, und zwar in einheitlichen Dateiformaten, die er wahlweise auf seinem eReader, seinem Smartphone oder seinem Tablet-PC lesen kann. Branchenriese Amazon liege da zurzeit vorne, „das Kindle-Ökosystem funktioniert schon verdammt gut“.

Börsenverein-Geschäftsführer Skipis kann sich gut vorstellen, dass die Erfahrungen, die die Musikbranche mit Plattformen wie dem iTunes-Store gemacht hat, Impulse für den Buchmarkt geben könnten. Auch wenn sich das Prinzip, einzelne Songs für wenige Cents zu kaufen, nicht ohne weiteres auf Bücher übertragen lässt: „Bei Romanen ist es sicher schwierig, nur einzelne Kapitel anzubieten. Ganz anders stellt sich das Potenzial zum Beispiel für die Bereiche Reiseliteratur und Ratgeber dar – hier ist ein Angebot in überschaubaren Portionen durchaus nachgefragt.“ Ob die Kundschaft sich mit solchen Texthäppchen massenhaft in digitale Buchläden locken lässt? Dafür muss sich zunächst die Wahrnehmung ändern. Damit die Zeit endlich vorbei ist, in der Leser bei ihren E-Books „inkompatibel“ und „Verleihen verboten“ assoziieren.

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