• "Verrücktes Blut" im Ballhaus Naunynstraße: "Mensch, das ist ja besser als Hollywood!"

"Verrücktes Blut" im Ballhaus Naunynstraße : "Mensch, das ist ja besser als Hollywood!"

Sie spielen den Theaterhit der Saison: "Verrücktes Blut" – einen postmigrantischen Thriller und Schulklassenkampf im Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße. Ein Gespräch mit dem Ensemble, Regisseur und Autor Nurkan Erpulat und Theaterchefin Shermin Langhoff.

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Zu Beginn des Stücks "Verrücktes Blut" stehen die Darsteller zusammen auf der Bühne. "Die Figuren sind immer nur angerissen und verkörpern auch die Klischees, die in den Köpfen stecken. Und wir hatten die Freiheit, diese Klischees benennen zu können.", sagte Emre Aksizoglu im Interview mit dem Tagesspiegel. Die Szene entstand als erste Improvisation bei den Proben zum Stück.Alle Bilder anzeigen
Foto: promo
12.05.2011 15:30Zu Beginn des Stücks "Verrücktes Blut" stehen die Darsteller zusammen auf der Bühne. "Die Figuren sind immer nur angerissen und...

Als Sie alle das „Verrückte Blut“ im vergangenen Jahr herausgebracht haben, tobte gleichzeitig die Sarrazin-Debatte. Ihre gefeierte und jetzt auch beim Berliner Theatertreffen gezeigte Aufführung handelt von einer konfliktgeladenen Schulklasse und spielt mit den Klischees, aber auch den Wahrheiten von muslimischen Macho-Jungs und vermeintlich unterwürfigen Kopftuchmädchen; sie spielt zugleich mit Schiller, mit den einst revolutionären deutschen Bildungsidealen und den Absurditäten einer heutigen Leitkultur. Damit haben Sie die ganze Sarrazin-Debatte auf fulminante Weise erübrigt. War Ihnen gleich bewusst, was für ein heißes Eisen Sie da schmieden?

SESEDE TERZIYAN: Das alles sind Themen, mit denen wir groß geworden sind. Dafür habe ich keinen Thilo Sarrazin gebraucht. Und wenn die Bundesrepublik ihn braucht, um über etwas zu reden, was seit Jahrzehnten fällig gewesen wäre, dann ändert das nichts an meinen Erfahrungen.

NORA ABDEL-MAKSOUD: Ich war relativ erschrocken über die Debatte. Wir hatten keine Ahnung von unserem Timing und den Folgen. Doch für mich ist es eine große Genugtuung, dass wir einen Gegenentwurf setzen.

Wer von Ihnen hat Sarrazin gelesen?

SESEDE TERZIYAN: Ich nur, weil ich mich genötigt gefühlt habe –

NORA ABDEL-MAKSOUD: Weil du in Interviews immer danach gefragt wirst.

SESEDE TERZIYAN: Weil ich permanent damit konfrontiert werde, leider. Und es beschränkt sich oft auf diese polemische Integrationsdebatte, da wollte ich es doch mal gelesen haben.

NURKAN ERPULAT: Journalisten haben mich andauernd gefragt, was ich darüber denke. Wenn ich dann allerdings zurückgefragt habe, ob die Journalisten selber das Buch gelesen haben, riefen sie: Nein, nein! Sie stellen Fragen mit dem Halbwissen aus der „Bild“-Zeitung, aber von mir als türkischem Regisseur in Deutschland erwarten sie die Aufklärung.

SHERMIN LANGHOFF: Ich gestehe, ich habe es nur quergelesen – nachdem Nurkan sich das Buch vom Deutschen Theater hat kaufen lassen. Aus unserer Ballhaus-Kasse sind keine Tantiemen an Herrn Sarrazin geflossen. (lacht)

Nora Abdel-Maksoud, 27: "Wir hatten eher Betroffenheit erwartet, und plötzlich haben uns die Leute angelacht."
Nora Abdel-Maksoud, 27: "Wir hatten eher Betroffenheit erwartet, und plötzlich haben uns die Leute angelacht."Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Stück zeigt neben den Actionszenen und fetzigem Dialogpingpong viele den Zuschauer überraschende Wendungen. Sie, Frau Terziyan, bringen in der Rolle der Klassenlehrerin Sonia Kelich ihre Schüler mit vorgehaltener Pistole zur Lektüre von Schillers „Räubern“. Inwieweit existierte „Verrücktes Blut“ schon als feste Vorlage?

SESEDE TERZIYAN: Überhaupt nicht.

Wie bitte?

SHERMIN LANGHOFF: Seitens der Ruhrtriennale wurde die Idee an uns als Postmigrantisches Theater herangetragen, den hier weitgehend unbekannten französischen Film „La journée de la jupe“ zu adaptieren, den wir sehr schwierig fanden, fallenreich und selber in Stereotypen verbleibend. Aber das Motiv – eine Lehrerin macht eine widerspenstige Klasse zu ihrer Geisel, wie eine Bildungsterroristin – schien uns theatral durchaus spannend, gerade in Zeiten dieser bereits angesprochenen Diskurse. Ich persönlich erlebe es immer öfter, dass vor allem weiße autochthone Menschen die Aufklärungsfahne schwenken, auch im Gegensatz zum angeblich nicht aufgeklärten Islam. Und gleichzeitig mit der anderen Hand auf Alleinerziehende, Hartz-IV-Empfänger, Migranten und andere angeblich Schuldige oder Unbelehrbare verweisen. Ich habe Aufklärung anders gelesen und verstanden.

Also wurde nach einer Grundidee erst mal improvisiert?

SESEDE TERZIYAN: Es war von vornherein klar, es werden Schiller-Texte benutzt, nicht Molière wie im Film, es war auch klar, dass Nurkan deutsches Liedgut verwenden wird. Wir hatten eine Vorprobenzeit, da haben wir improvisiert, und wenn etwas passiert ist, an dem Nurkan dranbleiben wollte, sind wir da noch mal tiefer reingegangen. Das war im Juni/Juli 2010.

Während der Fußballweltmeisterschaft? Wie haben Sie das durchgehalten?

GREGOR LÖBEL: (lacht) Schwer! Draußen war WM und Sommerwetter, und wir saßen im Probenkeller.

NURKAN ERPULAT: Das hat tatsächlich zu vielen Konflikten geführt.

SESEDE TERZIYAN: Vor allem bei den Männern. Später haben sich Nurkan und der Dramaturg Jens Hillje noch mal zurückgezogen und den roten Faden durch die improvisierten Szenen gelegt.

NURKAN ERPULAT: Wir hatten zwei Assistenten, die alles verschriftlicht haben, und diesen ganzen Texthaufen haben wir dann bearbeitet.

SESEDE TERZIYAN: Aber zu 90 Prozent ist das Stück aus den Improvisationen entstanden. Das haben wir dann noch sieben Wochen geprobt.

(weiter auf der nächsten Seite...)

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