Kultur : Verstörte Beziehungen, versuchte Nähe

Eltern und Kinder, Paare und Kommunen: Viele Beiträge in FORUM und PANORAMA ergründen Familien- und Liebesstrukturen

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Am Boden enthüllt:
Am Boden enthüllt:

Es wird wenig gesprochen in diesen Filmen. Das Schweigen zwischen den Menschen breitet sich aus wie eine giftige Lache. Das Leben steht still. Oder es gerät aus den Fugen.

Eine Einfamilienhaussiedlung, gepflegte Straßen, die Nachbarn achten auf die Mülltrennung. Der Mann arbeitet bis spät, die Frau wäscht, putzt, hängt ihm das gebügelte Hemd hin, stellt sein Essen auf den Tisch. Wenn er nach Hause kommt, liegt sie im Bett. Der Sohn arbeitet nachts, man sieht sich bloß kurz beim Kommen und Gehen, lebt nebeneinander her. Familie als penibel durchorganisiertes Arrangement dreier Zwangscharaktere – bis die Mutter sich einen Wasserspender aufschwatzen lässt und manisch zu futtern beginnt.

Vatermutterkind in Yoshida Kokis japanischem Debüt „Household X“. Vater und Sohn, die sich im deutschen Film „Swans“ am Bett der im Koma liegenden Mutter im Krankenhaus anschweigen. Die 50-jährige französische PhilosophieProfessorin, die in Anne Villacèques „E-Love“ Internet-Bekanntschaften ausprobiert, eine nach der anderen. Sandra Hüller als Ärztin in Nanouk Leopolds „Brownian Movement“, die trotz glücklicher Kleinfamilie wechselnde Sexpartner in einer heimlich gemieteten Wohnung empfängt. Oder Corinna Harfouch als Mutter in Jan Krügers „Auf der Suche“ (alle Filme im Forum): Sie reist dem verschollenen Sohn nach Marseille hinterher und muss dort feststellen, dass sie fast nichts über ihren Jungen weiß.

Männer und Frauen, Eltern und Kinder. Sie sind einander fremd, sich selbst entfremdet, in Filmen, die nach Bildern dafür suchen, in elliptischen, fragmentierten, zersplitterten Stories. Der Unbehaustheit der Helden entspricht die fragmentierte Erzählweise.

Es ist erstaunlich, erschreckend, verstörend. Junge Regisseure, ob aus Asien, Amerika oder Europa verleihen ihrer Ratlosigkeit über die Familie und das Zusammenleben der Geschlechter und Generationen Ausdruck. Die alten Beziehungsmuster gelten nicht mehr oder werden bezweifelt, aber neue finden sich nicht.

In Jan Schomburgs Panorama-Beitrag „Über uns das All“ ist es wieder Sandra Hüller: Sie jagt den Phantomen der Liebe nach, in einer Doppellebensgeschichte. In „Die Vaterlosen“ von Marie Kreutzer (ebenfalls Panorama) sind es die Phantome der Vergangenheit. Vier in einer österreichischen Landkommune aufgewachsene Geschwister treffen sich am Totenbett des Hippie-Vaters wieder. Versuchte Nähe: Von der Existenz Kyras, der älteren Tochter, wusste die jüngere Halbschwester nichts; allmählich tun sich bei der provisorischen Wiedervereinigung der WG-Kids am Ort ihrer Kindheit Risse in der Erinnerung auf. Zutage treten verdrängte Tragödien, die sich einst unter dem Deckmantel von freier Liebe und Bachblütenzauber ereigneten.

Je genauer die Kinder sich erinnern, desto komplizierter wird die Antwort auf die Schuldfrage. Der Film macht keine simple Rechnung auf – hier egoistische, antiautoritäre Eltern, dort überforderte Kinder. Er lässt allen ihr Recht. Er schwelgt im Grün einer traumschönen Wald-und-Wiesen-Landschaft – und in Cinemascope, um die Distanz zwischen den Protagonisten auf behutsame Weise ausmessen zu können. Und er lässt auch den Witz zu: „Familie ist überbewertet.“ – „Familie, das sind unsere Wurzeln.“ – „Wurzeln sind auch überbewertet. Oder möchtest du ein Baum sein?“ Die Kinder der Achtundsechziger schlagen sich mit ihrem Erbe herum.

Vielen Filmemachern wäre das schon zu viel Erklärung, sie sind zurückhaltender. Warum eigentlich? Sie registrieren und diagnostizieren bloß, setzen auf Minimalismus, Statuarik: kein Satz zu viel, keine überflüssige Kamerabewegung, und bitte nichts allzu Aufschlussreiches. In „Brownian Movement“ wird das zur nervigen Stil-Attitüde. In „Swans“ von Hugo Vieira da Silva gelingt die Verdichtung. Gropiusstadt in Berlin, sterile Krankenhausflure, Gesichter in der U-Bahn, Schneefelder am Stadtrand, die lebende tote Mutter – irgendwann kann man nachvollziehen, wie taub sich der Sohn fühlt.

Tatort Intensivstation. Er fasst die Mutter an, den reglosen Körper zwischen den Laken, die nackte Haut, die Brüste, er fährt Skateboard, hört Rap, wird beim Taggen erwischt. „Sie wachsen auf, und eines Tages kennt man sie nicht mehr,“ sagt der Polizist. Der Vater guckt Sport im Fernsehen, auch er ist auf Körper fixiert.

Oft sind es Tote, Sterbende, Verschwundene, die die Lebenden dazu bringen, lebendiger zu werden. Die Abwesenden als Katalysatoren für mehr Anwesenheit. Die Filmhelden möchten sich wieder spüren, möchten, dass die Erstarrung weicht, die Verdinglichung der digitalisierten Existenz. So liest sich jedenfalls der Plot von Miranda Julys „The Future“, der am Montag im Wettbewerb zu sehen ist. Ein Paar um die 30, beide sind permanent online, kommen nicht weiter mit sich und dem Leben. Bis sie sich entschließen, eine kranke Katze zu adoptieren, die rund um die Uhr Betreuung braucht.

Der Filmtitel „Brownian Movement“ greift einen Begriff aus der Physik auf: 1824 entdeckte Robert Brown die wärmebedingte Bewegung von Teilchen in einer Flüssigkeit. Die Berlinale-Filme über erstarrte Seelen und verkrustete Beziehungen siedeln in der Mehrzahl um den Gefrierpunkt.

Auch in „En terrains connus“ von Stéphane Lafleur aus Kanada herrscht tiefer Winter. Maryse und Benoît sind Geschwister. Sie lebt mit ihrem Mann in einer Routine-Ehe und jobbt in einer Kartonagenfabrik. Bei einem Arbeitsunfall verliert ein Kollege einen Arm, das verstört sie zutiefst. Erstaunt betrachtet sie ihren eigenen Arm, bemerkt einen aus der Ferne winkenden Arbeiter, sie kennt sich nicht mehr. Benoît, der kleine Bruder, lebt beim verwitweten Vater. Ein Pechvogel, dem alles misslingt, ob er nun ein Familienessen zubereitet, zur Freundin geht (deren kleiner Sohn ihn voller Hass anfaucht) oder das Schneemobil in Gang setzen will.

Hässliche Topfpflanzen. Der graue Winterhimmel. Die trübe Schneedecke. Bonjour Tristesse, denkt man zunächst. Noch so ein Film, der sich im kargen Realismus einrichtet. Aber der Regisseur lässt seine Figuren nicht in der Winterkälte allein. Er umgibt sie mit leiser Lakonie, mit einem zunächst fast unmerklichen Bilderwitz, der die Depression, den Fatalismus aufzuheben beginnt. Ein Mann aus der Zukunft taucht auf, ein ziemlich irdischer Deus ex machina, ein Geschenk des Regisseurs an seine Figuren. Maryse und Benoît fahren ins Ferien-Chalet der Eltern, sie wollen dort nur etwas holen, aber sie brechen immerhin auf, sie brechen mit ihrer Routine. Und ausgerechnet Benoît, bei dem immer alles schiefgeht, fordert am Ende das Schicksal heraus. Er entdeckt die Lebenslust, die Willenskraft. Ein Wunder, mitten im Schneesturm.

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