Kultur : Verteidigung des Widerspruchs Stationen eines publizistischen Lebens

Hermann Rudolph

Der Band ist schmal, trägt den Titel „Gegen den Strich gedacht“ und könnte locker – etwa in einer Verlagswerbung – The Best of Wolf Jobst Siedler heißen. Doch das Buch, das der Verlag zum 80. Geburtstag seines Namensgebers herausgegeben hat, ist mehr: Auf diskrete Weise führt es heran an ein eindruckvolles publizistisches Leben, das auf unterschiedlichsten Feldern glänzte und zugleich über die Jahrzehnte hinweg der Inbegriff einer staunenswerten geistigen Kraft bildete. Es sind nur gut zwanzig Essays, Kritiken und Feuilletons, dazu eine Handvoll Briefe, aber hervor tritt der Eindruck einer geistig-kulturellen Welt – so wie der Autor sie über mehr als ein halbes Jahrhundert lebt, verkörpert und verteidigt. Zumal in Berlin: dem Geburtsort, dem Schauplatz dieses Lebens, der geistigen Heimat.

Da ist es gut, nochmals den großen Bogen der Produktivität von Wolf Jobst Siedler vorgeführt zu bekommen. Er reicht zurück zu seinen Anfängen, in denen er ein Ereignis des damaligen West-Berlin gewesen sein muss – und in den Spalten dieser Zeitung brillierte, deren Feuilletonchef er blutjung war. Und er führt hin zu den großen Essays der zweiten Lebenshälfte. Was ihn als Autor ausmachte, belegt der nebenstehende Aufsatz, Mitte der Sechzigerjahre geschrieben: den tiefen Geschichtsblick und das Sich-Reiben an der Gegenwart, der stilistische Glanz und die Bitterkeit des Urteils. Und die Bekenntnishaftigkeit, die verrät, wie hier einer aus der Nachkriegsgeneration aus Erleben, Bildung und Gedankenarbeit die Fragwürdigkeiten der deutschen Aufbau-Epoche auf den Begriff und ins Bild bringt.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass dieser Essay entstand, als Siedler zu seiner zweiten Laufbahn startete. 1963 wurde er Verleger, erst runde achtzehn Jahre für Propyläen, später auch der Ullstein- Gruppe, dann – nach der Trennung von Springer – für die gleiche Zahl von Jahren als Herr seines eigenen Verlags. Er war schon als Propyläen-Verleger einer der Großmogule der Branche. Aber vor allem der mutige Schritt dieser Gründung – im nicht mehr ganz frischen Alter von 52 Jahren – machte ihn zu einer der großen Verlegerpersönlichkeiten der letzten Jahrzehnte.

Siedler bekannte einmal, das Verlegen sei für ihn ein „intellektuelles Abenteuer“. Damit mag auch die legendäre Intensität der Zusammenarbeit mit seinen Autoren gemeint sein. Vor allem aber hat er mit seinen Verlagen tatsächlich die geistige Landschaft der Bundesrepublik mitgeformt. Bei Siedler ist ja nicht nur erschienen – allemal mit kräftiger Geburtshilfe des Verlegers –, was an Erinnerungen gut und teuer war, von Kreisky, Schmidt und Genscher bis zu Gorbatschow. Mit großen Buch-Reihen – dem vielbändigen „Die Deutschen und ihre Nation“ oder später der „Deutschen Geschichte im Osten Europas“ – hat Siedler den Boden für den Klima- und Themenwechsel der achtziger und neunziger Jahre bereitet. Das Misstrauen gegen das Projekt der Moderne hatte er zeitig artikuliert – sein erstes Buch, „Die gemordete Stadt“ von 1964, war dafür eine frühe Fanfare. Nun, im eigenen Haus, machte er die Rückwendung zur Geschichte, die Neu-Justierung bundesrepublikanischer Wege und Umwege zum Programm.

Ist Siedler also, wie es bei Freunden und Gegnern heißt, ein Konservativer, wenn auch von der liberalen Sorte? Doch das Unzeitgemäße an ihm war immer mit zu viel politischem und intellektuellem Engagement verbunden, als dass man ihn beruhigt in dieser Ecke deponieren könnte. Auch die zwei Erinnerungs-Bände, mit denen er zuletzt tief in sein Leben und seine Zeit eingetaucht ist – „Ein Leben wird besichtigt“ und „Wir waren noch einmal davon gekommen“ –helfen da kaum weiter. „Behauptungen“ hieß selbstbewusst seine erste Essay-Sammlung, noch im Schatten seines Aufsteigens. Sie votierte für die Selbstbehauptung der eigenen Positionen, der eigenen Sichtweise. „Abschiede, Widersprüche, Aneignungen“ liest man als Titel über den Abschnitten dieses frühen Buches. Vielleicht ist das der heimliche Rhythmus eines langen, bedeutenden Lebens.

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